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»Helfende Hände« im Ahrtal Bundeswehrgeneral soll Vorzugsbehandlung bei Fluthilfe bekommen haben

Bei der Fluthilfe der Bundeswehr gab es offenbar erhebliche Ungereimtheiten. Nach SPIEGEL-Informationen erhärten Ermittlungen den Verdacht, dass ein Zweisternegeneral aus dem Ahrtal eine Art VIP-Service erhielt.
aus DER SPIEGEL 50/2021
Fluthelfer von THW und Bundeswehr (im Juli): »Beigeschmack einer gewissen Günstlingswirtschaft«

Fluthelfer von THW und Bundeswehr (im Juli): »Beigeschmack einer gewissen Günstlingswirtschaft«

Foto: Christoph Hardt / imago images/Future Image

Während der Fluthilfe der Bundeswehr im Ahrtal soll ein General bei Arbeiten an seinem Haus bevorzugt behandelt worden sein. Die Bundeswehr hat nach SPIEGEL-Informationen wegen des Verdachts sowohl gegen den verantwortlichen Kommandeur der eingesetzten Hilfseinheiten als auch gegen den Zweisternegeneral interne Ermittlungen eingeleitet.

Bereits im August hatte sich ein Soldat, der selbst bei der Fluthilfe eingesetzt war, an die Wehrbeauftragte des Bundestags gewandt. Der Hauptbootsmann schilderte detailliert, dass er gemeinsam mit vier weiteren Soldaten am 22. Juli 2021 von seinem Kommandeur gezielt zum Wohnhaus von Generalmajor Werner Sczesny in Bad Neuenahr-Ahrweiler beordert worden sei.

Aus: DER SPIEGEL 50/2021

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Schon bei der Ankunft stellten die Soldaten demnach verblüfft fest, dass in der ganzen Straße trotz massiver Zerstörungen keine der »helfenden Hände« der Bundeswehr aktiv waren. Trotzdem wurden die Soldaten aufgefordert, in dem schon weitgehend von Schlamm und Schutt befreiten Haus des 61-jährigen Zweisternegenerals den Estrichboden herauszustemmen und abzutransportieren.

»Beigeschmack einer gewissen Günstlingswirtschaft«

Bundeswehrsoldat über Hilfe für General Sczesny

Wörtlich schreibt der Soldat, aus seiner Sicht sei der General »privilegiert« behandelt worden, es sei »deutlich umfangreichere Hilfe« geleistet worden als bei den anderen Betroffenen im Ahrtal. Die Arbeiten im Haus des Generals hätten den »Beigeschmack einer gewissen Günstlingswirtschaft«. Ein Soldat aus der Hilfstruppe fasste die Lage noch knapper zusammen: »Beziehungen schaden dem, der keine hat.«

Interne Er­mittlungen und Befragungen der damals tätigen Soldaten haben den Verdacht nun weitgehend bestätigt. Offenbar hatte ein dem General direkt unterstellter Oberstleutnant, der den Hilfseinsatz in Bad Neuenahr-Ahrweiler leitete, die VIP-Behandlung befohlen, um seinem Vorgesetzten einen Gefallen zu tun.

General hätte VIP-Service unterbinden müssen

Gegen den General selbst wird jedoch auch ermittelt: Zwar hat er die Fluthilfe durch seine Untergebenen nicht direkt angeordnet. Da er aber zur Zeit des Einsatzes in seinem Haus war, hätte er die offensichtliche Vorzugsbehandlung umgehend unterbinden müssen, heißt es in Militärkreisen.

Die internen Ermittlungen stehen kurz vor dem Abschluss. Danach muss die neue Verteidigungsministerin Christine Lambrecht entscheiden, wie es in dem Fall weitergeht. Die Leitung des Ministeriums wird immer eingebunden, wenn gegen Generäle der Bundeswehr ermittelt wird.

Werner Sczesny ist seit März 2021 Kommandeur des Kommandos Strategische Aufklärung (KSA), da­vor war er Vizepräsident beim Bundesnachrichtendienst (BND). Wie viele Beamte des Verteidigungsressorts, die am zweiten Dienstsitz in Bonn stationiert sind, wohnt er seit Jahren in der Flutregion. In Bundeswehrkreisen gibt es bis heute Gerüchte, dass auch weitere Angehörige der Truppe und leitende Beamte des Ministeriums bei der Fluthilfe bevorzugt worden sein sollen.

Das Verteidigungsministerium bestätigte auf SPIEGEL-Anfrage, dass es Ermittlungen wegen möglichen Fehlverhaltens beim Fluteinsatz gebe. Details zu dem konkreten Fall wollte das Ministerium wegen der noch laufenden Recherchen und Befragungen jedoch nicht nennen.

Die Bundeswehr hatte im Sommer 2021 zeit­weise mehr als 2000 Soldaten und Soldatinnen in den Flutgebieten im Einsatz. Sie halfen vor allem mit schwerem Gerät bei der Räumung von Straßen und errichteten mobile Brücken.

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