Ai Weiwei kritisiert deutsche China-Politik "Deutschland hat seine Seele verloren"

Der chinesische Künstler Ai Weiwei verließ vor einem Jahr seine Wahlheimat Berlin, auch wegen der deutschen China-Politik. Der Dissident macht der Bundesregierung schwere Vorwürfe.
Ein Interview von Marcel Rosenbach
Künstler Ai Weiwei bei einer Podiusmdiskussion im Reichstagsgebäude

Künstler Ai Weiwei bei einer Podiusmdiskussion im Reichstagsgebäude

Foto: FILIP SINGER/EPA-EFE/Shutterstock

Rund ein Jahr nach seinem wütenden Abschied aus Berlin kehrte Ai Weiwei an diesem Dienstag in seine zwischenzeitliche Heimat zurück. Der chinesische Filmemacher, Künstler und Aktivist, der in der Hauptstadt weiterhin ein Atelier unterhält, aber nun mit seiner Familie im britischen Cambridge lebt, ist auf einer Mission. Am Vortag noch demonstrierte er in London gegen die Umstände des dort laufenden Verfahrens gegen WikiLeaks-Gründer Julian Assange.

Nach Deutschland kam er diesmal auf Einladung des außenpolitischen Sprechers der FDP, Bijan Djir-Sarai und der Stiftung Cinema for Peace, um im Reichstagsgebäude seine Wuhan-Dokumentation "Coronation" zu zeigen - und mit dem per Videolink zugeschalteten Hongkonger Demokratie-Aktivisten Joshua Wong und deutschen Abgeordneten über Chinas autoritären Kurs in der ehemaligen britischen Kronkolonie zu diskutieren.

Wir trafen Ai zum Interview, während im Fraktionssaal der FDP gerade sein Film gezeigt wurde.

Zur Person

Ai Weiwei wurde 1957 in Peking geboren und wuchs wegen der Verbannung seines Vaters, eines in China sehr bekannten Dichters, weitgehend in der ländlichen Mandschurei und in Xinjiang auf. Nach einem Studium an der die Pekinger Filmakademie zog er 1981 in die USA und kehrte erst acht Jahre später nach China zurück. Als Konzeptkünstler, Bildhauer und Kurator nahm er unter anderem an der documenta 12 in Kassel im Jahr 2007 teil, wegen seines Engagements als Menschenrechtler war er nach regierungskritischen Äußerungen in China von April bis Juni 2011 inhaftiert und hatte bis 2015 Reiseverbot. Bis 2019 lebte er mit Hauptwohnsitz in Berlin. 

SPIEGEL: "Coronation" zeigt in beklemmenden Bildern die ersten Wochen mit dem Virus im Ursprungsort Wuhan. Wie bewerten Sie den Umgang der chinesischen Regierung mit der Coronakrise in dieser frühen Phase?

Ai Weiwei: China hätte das viel besser managen müssen. Die Regierung hat Informationen zurückgehalten und die Zahlen manipuliert. Sie hätte sich damals schon öffnen und alle Welt einladen müssen, das Virus sorgfältig zu analysieren und zu studieren. Stattdessen ist man massiv gegen die Ärzte vorgegangen, die Informationen geleakt haben, mit der geballten Staatsmacht. Warum, wissen wir nicht genau - wohl weil man Information als Waffe sieht, die von der Partei zentral kontrolliert werden muss.

SPIEGEL: Ist die chinesische Regierung verantwortlich dafür, dass die Ausbreitung außer Kontrolle geriet und Corona zur Pandemie werden konnte?

Ai Weiei: Für diese erste Phase ist sie absolut verantwortlich. Ich glaube aber, dass man sich nicht vorstellen konnte, wie schlimm es wird - und dass man das auch bedauert. Das wird natürlich nie öffentlich gesagt. Sondern immer jede Verantwortung bestritten und behauptet, das habe nichts mit ihr und ihren Entscheidungen zu tun.

SPIEGEL: Ihr Film wurde von diversen Festivals abgelehnt, in Venedig und New York beispielsweise. Sie glauben, dass dies nicht aus künstlerischen Gründen geschah. Aus welchen dann?

Ai Weiwei: Ganz einfach, die Filmindustrie ist keine Plattform mehr für offenes Denken. Es geht darum, das Produkt Film zu verkaufen. Und der größte Markt ist eben China, dort können 30 bis 40 Prozent der globalen Ticketumsätze erzielt werden. Als Festivalchef müssen Sie das mit bedenken, denn China ist ziemlich brutal, wenn es um Inhalte geht, die chinakritisch sind. Das ist also verständlich. Aber es ist auch eine Schande. Die westliche Kreativindustrie, die ein Hort der Meinungsfreiheit sein sollte, ist kollabiert. Nehmen Sie nur den Disney-Film "Mulan", der extra designt wurde, um den Chinesen zu gefallen und an dem historisch so ziemlich alles falsch war. Es gibt keinen Unterschied mehr zu anderen Industrien, es geht darum, den chinesischen Markt zu gewinnen.

In den Bundestag zugeschalteter Aktivist Joshua Wong

In den Bundestag zugeschalteter Aktivist Joshua Wong

Foto: FILIP SINGER/EPA-EFE/Shutterstock

SPIEGEL: Wir sind hier im Deutschen Bundestag. Sie kommen gerade aus einer Veranstaltung, zu der Joshua Wong zugeschaltet war. Jener Aktivist aus Hongkong, der morgen wieder vor Gericht stehen wird. Wie bewerten Sie die deutsche Außenpolitik gegenüber China?

Ai Weiwei: Die Deutschen verhalten sich opportunistisch. Deutschland und China sind seit Langem enge, beste Partner. Die deutsche Wirtschaft sieht ihre industrielle Zukunft dort, wegen der billigen Arbeitskraft. Daher ist Deutschland äußerst zurückhaltend, wenn es darum geht, die eigenen Werte zu vertreten. Und weil es in Europa so einflussreich ist, setzt es damit ein klares Beispiel für andere und sendet ein Signal nach China, dass es Europa nicht kümmert, solange die wirtschaftlichen Beziehungen funktionieren. Deshalb wird China gewinnen.

SPIEGEL: Sie haben hier heute gesagt, Deutschland habe Blut an den Händen. Was meinen Sie genau?

Ai Weiwei: Ich habe das schon getweetet, als Obama damals China besuchte. Alle sollten wissen: Jeder Deal, der in China abgeschlossen wird, geht zulasten der Menschenrechte und menschenwürdigen Bedingungen in der Gesellschaft. Das gilt auch für Deutschland: Jeder, der mit autoritären Staaten Geschäfte macht, stimmt letztendlich deren Politik zu. Manche Deutsche bewundern ja mittlerweile offen den autoritären Staat. Natürlich ist er effizient. Aber eben zulasten der Gesellschaft, der einzelnen Bürger und deren Rechten. Ich finde, Deutschland und der gesamte Westen haben ihre Seele verloren.

SPIEGEL: Wie sollte deutsche Politik gegenüber China aussehen?

Ai Weiwei: Deutschland sollte alarmiert sein und eine globale Perspektive einnehmen. Der gesamte Westen braucht Antworten auf das schnelle Wachstum autoritärer Systeme. Es braucht eine klare gemeinsame Haltung und eine Vorstellung für das 21. Jahrhundert. Es geht hier nicht um einfache kleine Reparaturen, sondern um eine Art grundlegenden Krieg der Ansichten. Der Wettbewerb zwischen Kapitalismus und Kommunismus läuft und der Westen tut sich gerade schwer. Hier herrschen eher technische Bürokratien und Verwaltungen, sie tun sich schwer, mitreißende Visionen zu entwickeln. China hingegen hat eine solche Vision, und auch eine Strategie.

SPIEGEL: US-Präsident Donald Trump versucht sich in einem Handelskrieg gegen den chinesischen Telekom-Ausrüster Huawei und die Videoplattform TikTok. Auch in Deutschland wird darüber debattiert, Huawei vom Aufbau der 5G-Netze auszuschließen. Was halten Sie davon?

Ai Weiei: Was Trump macht, ist eine Geste, symbolische Politik. Ein Bann ist nicht die Antwort, die muss viel tiefer gehen. Chinas Verständnis von der Welt, seine Philosophie, kann zu einem enormen Problem für die Sicherheit in der Welt werden. Damit muss der Westen umgehen, ausgehend von den eigenen Prinzipien und Werten. Momentan wirkt er verwirrt, schwach und zerstritten. Das ist ein Geschenk für China.

SPIEGEL: Sie haben rund fünf Jahre in Berlin gelebt, bevor sie im vorigen Jahr nach Cambridge gezogen sind. Haben Sie in jener Zeit mit deutschen Politikern über diese Fragen gesprochen?

Ai Weiwei: Mich hat niemand besucht oder gefragt, wahrscheinlich haben sie darauf gewartet, dass ich vergiftet werde (lacht). Das ist okay, ich bin Künstler, mache meine Filme. Aber Deutschland bedeutet mir etwas. Als ich von China fortging, hätte ich auch in die USA ziehen können, immerhin hatte ich dort schon zwölf Jahre gelebt. Ich habe Deutschland gewählt. Und wenn ich hier bin, will ich nicht nur Dekoration sein, ich muss mich einmischen.

SPIEGEL: Das klingt jetzt sehr diplomatisch und versöhnlich. Als sie nach Großbritannien zogen, sind sie hart mit den Deutschen ins Gericht gegangen. Es gebe hier keine offene Gesellschaft, sagten Sie.

Ai Weiwei: Ich wurde da falsch verstanden. Aber ich habe gelernt, dass man Kritik insgesamt hier insgesamt nicht so gut verträgt, das wusste ich damals nicht, sonst wäre ich vielleicht vorsichtiger gewesen. Man sollte hier vielleicht ein bisschen selbstkritischer sein und nicht so fragil. Deutschland ist so stark, es sollte ein paar Schläge einstecken können. Schlagt gern zurück!