Ramadan in Corona-Zeiten "Viele Moscheen stehen vor dem Bankrott"

Am Freitag beginnt der Ramadan. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, spricht über den muslimischen Fastenmonat in der Coronakrise und fordert staatliche Unterstützung für die Moscheen.
Ein Interview von Timo Lehmann
Der Halbmond auf dem Minarett der Abubakr Moschee in Frankfurt (Hessen): Am Freitag beginnt der 30-tägige Ramadan

Der Halbmond auf dem Minarett der Abubakr Moschee in Frankfurt (Hessen): Am Freitag beginnt der 30-tägige Ramadan

Foto: Boris Roessler/ dpa

SPIEGEL: Herr Mazyek, gleich nach Ostern gab es Rufe aus der katholischen Kirche nach Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Bei Ihnen fangen am Freitag mit dem Ramadan die religiösen Feiertage erst an. Ärgert es Sie, dass man keine Rücksicht auf Sie genommen hat?

Mazyek: Nein, warum auch? Die katholische Kirche hat dies für sich ja nach Ostern erst angesprochen. Klar ist, dass für uns Muslime die Herausforderungen in den nächsten vier Wochen im Ramadan nochmals größer werden. Wir werben als Zentralrat der Muslime deshalb auch weiterhin für Zurückhaltung bei möglichen Lockerungen. Als Bürger und als Gläubige allemal haben wir die Verantwortung, dass die Ausbreitung des Virus weiterhin mit aller Kraft eingedämmt wird.

SPIEGEL: Wie werden sich die Kontaktbeschränkungen auf den Ramadan auswirken?

Mazyek: Vieles wird in diesem Jahr nicht in den Moscheen stattfinden können. Da wäre Iftar, das tägliche Fastenbrechen am Abend, die Koranlesungen, das traditionelle Gebet in der Nacht, Tarawih. Diese Ramadan-Termine ziehen mehr Gläubige an als das Freitagsgebet, welches ja ebenfalls wegen Corona ausgesetzt wurde. Ein sehr schwerer Einschnitt für uns alle.

SPIEGEL: Wird das für den ganzen Ramadan gelten?

Mazyek: Das kommt auf die Entwicklung der Infektionszahlen an, die wir uns Ende des Monats genau anschauen müssen. In Thüringen und Berlin werden beispielsweise unter strengen Auflagen kleine Versammlungen in Gotteshäusern ab Anfang Mai gestattet. Wie ein vorsichtiger und maßvoller Einstieg aus dem Ausstieg aussehen kann, bereiten wir gerade vor.

SPIEGEL: Welche Fragen stellen sich dabei?

Mazyek: Wir diskutieren zum Beispiel, möglicherweise nach Ramadan bestimmte Pflichtgebete in der Moschee wieder zuzulassen, bei denen erwartungsgemäß die Anzahl der Gläubigen überschaubar ist. Es kommt dann dabei auch auf die Beschaffenheit der Moscheen an, etwa wie groß diese ist.

SPIEGEL: Wie reagiert die muslimische Gemeinde in Deutschland auf die Kontaktverbote?

Mazyek: Natürlich gibt es viel Frustration, das spüre ich jeden Tag - und ich bin auch selbst traurig, zumal ja nicht einmal Treffen in größeren Kreisen der Familie möglich sind. Die Moscheen haben wegen des Virus bereits vor den Verfügungen der Bundesländer vielfach geschlossen, was eine richtige Entscheidung war. Nun darf umgekehrt kein Wettbewerb entstehen, welches Haus zuerst wieder unbedacht öffnet. Jeder Tag ohne persönliche Begegnung mit unseren liebsten Mitmenschen schmerzt uns, und gleichsam ist dieser Tag ein gewonnener Tag im Kampf gegen die Ausbreitung dieser Krankheit. Dies ist derzeit unsere Prüfung, unser Dschihad. Das geht so weit, dass wir auf den Gottesdienst in der Moschee im Ramadan verzichten. Wir sehen dies als unsere religiöse und zugleich bürgerliche Pflicht.

SPIEGEL: Wird das Fasten auch infrage gestellt?

Mazyek: Nein, der Islam hat für solche Pandemiefälle das Nötige vorgesehen. So hat es in den vergangenen Jahrhunderten vielfach Pandemien gegeben, bei denen Gebete, Freitagsgebete, ja selbst die Hadsch, die Pilgerfahrt, ausfielen. Das gehört zu unserer Geschichte. Das Fasten selbst ist unbedenklich, da Alte, Gebrechliche und Kranke, Schwangere ohnehin nicht fasten. Grundsätzlich gilt, was viele Wissenschaftler bestätigen: Das Immunsystem gesunder Menschen wird durch das Fasten zusätzlich gestärkt und nicht geschwächt.

SPIEGEL: Welche Rolle können Onlinezusammenkünfte im Ramadan spielen?

Mazyek: Das persönliche Treffen, das Gemeinschaftsgebet oder den Gottesdienst können solche virtuellen Zusammenkünfte nicht ersetzen, aber manches kann etwa per Webcams mit Ansprachen und Fortbildungen im Netz kompensiert werden. Man kann Iftar auch gemeinsam per Videokonferenz begehen, was aber eben natürlich nicht dasselbe ist. Auch YouTube und Instagram, wo Imame spirituelle Texte verbreiten, gehören dazu. Da sind unsere Gemeinden sehr kreativ, die zum Beispiel freitags ihre Predigten ins Internet stellen und vieles andere tun. Wir haben nur die Sorge, dass vielleicht die älteren Menschen, die nicht so technikaffin sind, hier nicht mitkommen. Hier sind auch die Jüngeren gefragt, diesen Zugang zu erleichtern.

SPIEGEL: Wie kommen die Gemeinden finanziell durch die Krise?

Mazyek: Viele Moscheen stehen vor dem Bankrott, weil sie von der Kollekte zum Freitagsgebet gelebt haben. Sie können bald ihre Mieten, die Kreditraten der Immobilien oder ihr Personal nicht mehr bezahlen. Anders als die Kirchen finanzieren sich viele der Gemeinden in Deutschland zu einem sehr großen Teil über die Kollekten. Hinzu kommt: 30 bis fast 50 Prozent dieser Einnahmen werden jährlich besonders in der Ramadan-Zeit generiert. Diese Spenden fallen fast komplett weg. Das Problem wird sich in den nächsten Wochen also noch deutlich verschärfen, was die Moscheen verständlicherweise dieser Tage besonders umtreibt.

SPIEGEL: Was wird dagegen getan?

Mazyek: Es gibt eine Reihe von privaten Spendeninitiativen, die wir begleiten. Hier muss man jedoch ganz genau hinschauen, weil sich auch Scharlatane da einmischen, die versuchen die Not der Moscheen auszunutzen.

SPIEGEL: Braucht es auch staatliche Unterstützung?

Mazyek: Moscheen und deren Verantwortliche haben sich besonders verantwortungsvoll in der Corona-Zeit erwiesen. Sie sind in den Stadtteilen und für unsere Gesellschaft unverzichtbare Institutionen. Deshalb muss auch staatlicherseits eine Kompensation in Form eines Ausgleichs der durch die Schließung verursachten Einnahmeverluste erfolgen. Hier haben bereits einige Länder dankenswerterweise Programme aufgelegt. Andere Länder sollten nachziehen. Geschieht das nicht, werden nicht wenige Moscheen nach der Coronakrise nicht mehr existieren. Und mit ihnen wird die Wohlfahrt, die Seelsorge und die soziale Integration verschwinden, die sie derzeit für unsere Gesellschaft leisten.

SPIEGEL: Der Ramadan ist die Zeit der Barmherzigkeit. Notdürftigen wird geholfen. Gibt es Überlegungen, wie das ohne physische Anwesenheit in den Moscheen stattfinden könnte?

Mazyek: Es gibt Vorbereitungen in einzelnen Gemeinden für ein "Iftar to go", bei dem Menschen die Häuser ablaufen, Spenden einsammeln, die dann in den Moscheen wiederum Bedürftigen zugeteilt werden. Da gibt es viele verschiedene kreative Wege. Wir als ZMD unterstützen da mehrere Projekte.