A400M-Militärflieger Bundeswehr fürchtet den Totalausfall

Die Probleme an den Triebwerken des A400M sorgen für Alarmstimmung. In der Bundeswehrführung wird nach SPIEGEL-ONLINE- Informationen erstmals ein Szenario kalkuliert, in dem das ganze Projekt scheitert.

Airbus A400M
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Airbus A400M

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Wenn Anfang Juni am Flughafen Berlin-Schönefeld die Luftfahrtshow ILA beginnt, will sich die Bundeswehr als Premium-Armee präsentieren. Auf ihrer Webseite kündigt die Truppe an, nur die neuesten Fluggeräte würden gezeigt. 10.000 Quadratmeter, gut zwei Fußballfelder, hat die "hochtechnologische Armee" gemietet. Natürlich schaut Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auch mal vorbei.

Um den größten der mattgrauen Luftwaffenflieger, stolze 45 Meter lang und mit 14,7 Metern so hoch wie ein Zweifamilienhaus, will die Ministerin einen Bogen machen. Der Airbus A400M, das neue Transportflugzeug von Airbus, bereitet ihr seit Langem Ärger. Immer gab es über das europäische Rüstungsprojekt Negativschlagzeilen. Jetzt wird selbst ein komplettes Scheitern nicht mehr ausgeschlossen.

Seit Jahren gilt der A400M, in den Neunzigerjahren als ehrgeizige Vision der europäischen Armeen gestartet, als Pannenprojekt. Der Lieferplan ist um Jahre im Verzug. Die Bundeswehr bekam bisher nur drei der Riesenflieger. Im Mittelrumpf sind kürzlich Risse aufgetaucht, die nur kostspielig repariert werden können.

Viel gravierender aber ist ein weiteres Manko: In den Triebwerken von bereits ausgelieferten Fliegern hatten sich kürzlich wegen der hohen Beanspruchung Späne aus Zahnrädern gelöst, ein Triebwerk fiel sogar aus. Alle 20 Flugstunden müssen die Aggregate deshalb aufwendig untersucht werden, ein normaler Flugbetrieb ist so ausgeschlossen.

Die Triebwerke sorgen nun intern für Alarmstimmung. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird in der Führung der Bundeswehr erstmals das Scheitern des gesamten Rüstungsprojekts als Szenario diskutiert. Für den Fall, dass sich die Triebwerksmängel nicht beheben lassen, heißt es, müsse man über einen Abschied aus dem A400M-Programm nachdenken und nach alternativen Transportfliegern suchen.

Möglicherweise "Redesign" der Triebwerke

Die Militärs sprechen von einem Worst-Case-Szenario, noch jedenfalls. Es würde eintreten, wenn es den Technikern nicht gelingt, den Konstruktionsmangel am Propellergetriebe zu beseitigen. Die Projektleiter mussten kürzlich vor Ministerin von der Leyen einräumen, dass sie wegen der Mängel bisher nicht mal abschätzen können, ob dieses Jahr noch weitere A400M ausgeliefert würden.

Die vertrauliche Sitzung in Koblenz offenbarte, wie ernst es um das Projekt steht. Erst auf Nachfrage offenbarten die Projektleiter das Desaster. Möglicherweise sei ein "Redesign" der Triebwerke nötig, erklärten sie. Allen in der Runde war klar: Eine solche Neukonstruktion würde keine Monate, sondern Jahre dauern.

Auch Airbus selbst gibt sich nicht gerade optimistisch. Seinen Aktionären gestand Chef Tom Enders kürzlich, die Triebwerksprobleme seien "sehr frustrierend". Wie gravierend sie sind, belegt die Aussage, für Airbus könne es zu erheblichen finanziellen Folgen kommen. Für den Aktienkurs ging es daraufhin erstmal abwärts.

Was Enders seinen Aktionären damals nicht mitgeteilt hat: Auch bei Airbus hat man darüber nachgedacht, ob es nicht besser wäre, das ganze Programm hinzuschmeißen. Mittlerweile haben die Ingenieure Hoffnung geschöpft, wenigstens eine vorübergehende Lösung gefunden zu haben. Sicher aber ist das nicht.

Wenn die Mängelbeseitigung dauert, müsste die Bundeswehr umsteuern. Schon jetzt ist die Transportflotte überaltert, die Transallflieger der Truppe gehören eher ins Museum als in den Einsatz. Spätestens 2020 müssen sie ausgemustert werden. Verzögerte sich die Ablösung durch den A400M nun erneut, warnen interne Papiere, führe dies "zu nicht mehr kompensierbaren Fähigkeitsverlusten".

Hinter dem kurzen Halbsatz steckt reichlich Sprengstoff: Kurz gesagt bedeutet er, dass die Bundeswehr nicht mehr einsatzbereit wäre, wenn die A400M nicht kommen. Folglich müsste man sehr schnell nach am Markt verfügbaren anderen Fliegern Ausschau halten.

Beim A400M stehen die meisten Ampeln auf Rot

Für die Ministerin ist der A400M damit ein erhebliches Problem. Angetreten als Reformerin des pannenbelasteten Rüstungsbereichs der Bundeswehr wäre die Einstellung des Programms ein Desaster. Auch wenn von der Leyen die größten Fehler auf ihre Vorgänger abwälzen kann, müsste sie sich fragen lassen, warum sie das Projekt nicht viel früher nach ihrem Amtsantritt Ende 2013 stoppte.

Zumindest weiß von der Leyen nach einer Art Kassensturz genauer als ihre Vorgänger, wo die Probleme liegen. Mit externen Experten ließ sie 2014 den verworrenen Bereich Beschaffung durchleuchten. Mittlerweile gibt es Risikoanalysen, die mit Ampel-Symbolen darstellen, wo die größten Probleme lauern oder massive Mehrkosten drohen. Beim A400M stehen die meisten Ampeln auf Rot.

Aus dem Wehrressort heißt es zu den neuen Problemen, man werde die weiteren Entwicklungen bei den Triebwerksmängeln genau beobachten. Staatssekretärin Katrin Suder hat bereits empfindliche Schadensersatzforderungen bei weiteren Verzögerungen angekündigt. Sie rechnet nicht vor Sommer, vielleicht aber erst 2017, mit einer belastbaren Ansage, ob die Mängel lösbar sind.

Kommt es zum Totalausfall, müsste die Bundeswehr gleich an zwei Fronten kämpfen: Gegen Airbus müsste man wegen der Verzögerungen klagen. Von der Leyen sagt dazu, Airbus wisse, "was auf dem Spiel steht, weil die sechs Partnernationen rechtlich gut abgesichert sind". Daneben bliebe das Problem, ob man für die Truppe zeitnah Ersatzflieger für die Airbus-Riesen einkaufen kann.

Suders Experten sind mittlerweile mehr als misstrauisch, mündlichen Aussagen von Airbus werden sie nicht glauben. Stattdessen will man einen verbindlichen Lieferplan sehen und dann entscheiden. Im Ministerium beobachtet man zudem genau, dass es bei der SPD schon Gedanken über einen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung des A400M-Desasters gibt.

Schon diese Woche wird sich die Ministerin erklären müssen. Die SPD, aber auch die Opposition will im Verteidigungsausschuss Antworten auf die Frage, wie das Projekt weitergehen soll. Die grüne Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger: "Einfach abzuwarten, ob Airbus liefern kann und weiter Geld im A400M-Programm zu versenken, steht in Widerspruch zu den forschen Versprechen der Ministerin."


Zusammengefasst: Das A400M-Programm kämpft schon lange mit Problemen - nun steht sogar der endgültige Stopp für das Transportflugzeug im Raum. Sollten die Techniker die Triebwerks-Mängel nicht in den Griff bekommen, wäre das die letzte Möglichkeit. Für die Bundeswehr bedeutet das: Sie müsste sich nach einer Alternative umsehen. Und auf Ministerin von der Leyen wächst der politische Druck immer weiter.

Mitarbeit: Ottfried Nassauer

insgesamt 128 Beiträge
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MatthiasPetersbach 09.05.2016
1.
Für die wirklichen Aufgaben der Bundeswehr würde ein Equipement aus MEINEN Dienstzeiten reichen. Völlig. Die Transall ist ein hervorragendes Flugzeug.
torn.scell 09.05.2016
2. Und wer
hat da nochmal die Verträge ausgehandelt, gezeichnet und will jetzt davon nichts mehr wissen? Egal welches Projekt unsere Regierungsheinis auch angehen, sie lassen sich wunderbar abzocken. Angesichts der Tatsache, dass ich gerade zu Tisch war und das Gegessene gern drin behalten möchte, erspare ich mir die Aufzählung des Versagens. Der ganze Verein in Berlin taugt nur noch zum Taschenaufhalten.
figaro2013 09.05.2016
3. Passt gut zum Gesamtbild...
...der EU. Zusammen bekommt man halt nichts mehr hin!
ulfD 09.05.2016
4. Einsatzbereit
Einsatzbereit braucht die Bundeswehr auch garnicht sein. Medien und Politik erzählen uns doch jden Tag das soabled ie deutschen keine Armee mehr habend er Weltfrieden sofort "ausbricht" also FORZA A400M!!!!!
jamon 09.05.2016
5.
gestern hörte ich frau VDL sagen, dass man nun ein cyberteam aufbaut, welches ebenso gut funktionieren soll wie die anderen BW-bereiche auch. was hab ich gelacht.
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