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10. November 2015, 13:25 Uhr

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Der Buchhändler als politischer Richter

Eine Kolumne von

Wo ist das Feuilleton, wenn man es mal braucht? Der Buchhandel hat alle Bücher des Skandalautors Akif Pirinçci aus dem Verkehr gezogen. Niemand scheint es zu stören, wenn Vertriebsleute plötzlich Politurteile sprechen.

Der Buchhändler ist kein Schuhverkäufer. Das Buch gilt, im Gegensatz zum Schuh, als Kulturgut. Wer mit Büchern handelt, zahlt weniger Steuern als jemand, der Schuhe verkauft. Er muss auch nicht damit rechnen, dass alles an der nächsten Ecke billiger angeboten wird, weil der Staat ihn vor Wettbewerb schützt.

Dafür kann jeder, der eine Buchhandlung betritt, erwarten, dass man ihm auch Bücher zugänglich macht, deren Inhalt nicht dem Geschmack des Buchhändlers entsprechen. Was nicht im Regal steht, wird umgehend bestellt. Der Schuhhändler richtet sein Angebot nach den Launen der Saison aus. Was nicht gefällt oder gar Anstoß erregt, fliegt aus dem Sortiment. Die Frage, die sich stellt, ist diese: Wie soll man reagieren, wenn sich der Buchhändler wie ein Schuhverkäufer benimmt?

Der deutsche Buchhandel hat beschlossen, keine Bücher des Schriftstellers Akif Pirinçci mehr auszuliefern. Pirinçci hat in seinem Leben 18 Bücher veröffentlicht, aber seit er sich vor drei Wochen bei einem Auftritt in Dresden um Kopf und Kragen redete, ist es nahezu unmöglich, eines davon zu beziehen. Erst kündigte ihm die Verlagsgruppe Random House die Zusammenarbeit, dann stoppten die großen Barsortimente Libri, Umbreit und KNV die Auslieferung aller Titel.

Auch der Weg über den sogenannten stationären Handel ist faktisch verschlossen. Viele Buchhändler haben angekündigt, kein Buch mehr zu bestellen, selbst wenn die Kunden das ausdrücklich wünschen. Amazon ist gleich nach der Rede so weit gegangen, jeglichen Hinweis auf den Autor zu tilgen. Sogar der Börsenverein des deutschen Buchhandels ist aktiv geworden. Vor ein paar Tagen hat auch die von einer Börsenvereinstochter betriebene Bestellplattform buchhandel.de alle Pirinçci-Titel aus dem Katalog genommen. Damit ist der Pirinçci-Boykott gewissermaßen offiziell abgesegnet.

Gegen den Autor liegt nichts Gerichtsfestes vor

Man muss kein Mitleid mit dem Autor haben. Auch ohne die KZ-Passage, die ihn zu Fall brachte, war seine Rede zum Fürchten. Aber für die Ahndung von Obszönitäten aller Art sind Gerichte zuständig, nicht der Buchladen um die Ecke. In der Sache verhält es sich so: Keines der Bücher, über die ein Auslieferungsstopp verfügt wurde, ist indiziert oder anderweitig verboten.

Es ist eine Sache, wenn ein Verlagshaus wie Random House beschließt, sich von einem Autor zu trennen. Ein solcher Schritt fällt unter die Vertragsfreiheit. Etwas völlig anderes ist es, wenn der Zwischenhandel seiner Lieferfunktion nicht mehr nachkommt, weil er plötzlich glaubt, einen Zensurauftrag der Allgemeinheit zu besitzen. Barsortimente sind Serviceeinrichtungen, nicht politische Entitäten.

Es gibt keine Erklärung für den Boykott, keine juristisch nachvollziehbare Begründung. Weil es schwerfällt, nachvollziehbare Gründe zu nennen? Der Bann trifft ja nicht nur die politisch anstößigen Bücher, sondern auch die Romane, mit denen der Autor berühmt wurde. Was mag an einem Katzenkrimi so gefährlich sein, dass man ihn nicht mehr ausliefern will? Fürchtet man die Ansteckungsgefahr, weil der kranke Geist des Autors durch jede Zeile spricht? Oder geht es darum, einem Schriftsteller, dessen Äußerungen man empörend findet, das Handwerk zu legen, auch ohne Anklage oder Gerichtsurteil? Das wäre dann allerdings Selbstjustiz.

Mit dem Unsinn steht Pirinçci nicht allein

"Oh, das ist auf die Schnelle schwierig zu beantworten", sagt die Dame am Telefon bei Umbreit, wenn man erfahren möchte, was den Grossisten zum Pirinçci-Bann bewogen hat. "Wir möchten dazu kein Statement abgeben und bitten um Ihr Verständnis", antwortet KNV auf Nachfrage. Von der Pressestelle bei Libri erhält man die Auskunft, dass der Boykott eine "persönliche Entscheidung der Geschäftsleitung" gewesen sei, die genauen Gründe könne man nicht erläutern. Zusammengefasst heißt das: Man handelt, kann aber nicht sagen, warum.

Pirinçci hat sinngemäß gesagt, Politiker würden sich Gegner ihrer Asylpolitik ins KZ wünschen, ein hanebüchener Unsinn, für den er entsprechend Prügel bezog. Aber mit solchem Unsinn steht er nicht allein, die Inanspruchnahme des Holocaust zu rhetorischen Zwecken kommt in Deutschland leider öfter vor. Vor ein paar Tagen hat Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck Politikern, die über die Einrichtung von Transitzonen nachdenken, vorgehalten, sie wollten Flüchtlinge ins KZ stecken. Wörtlich sagte er auf einer Veranstaltung: "Das Wort Transitzonen finde ich unglaublich. Die Leute werden in so etwas wie Konzentrationslager hineingesetzt."

Soll man jetzt auch alles, was Bischof Overbeck veröffentlicht hat oder noch zu veröffentlichen denkt, auf den Index setzen?

Wo man auf öffentliche Aufwallungen vertraut und nicht auf Regeln und Gesetze, ist das Ergebnis oft Heuchelei. Bei Amazon.de sind alle nicht-antiquarischen Bücher von Pirinçci gesperrt, "Mein Kampf" hingegen kann man über die amerikanische Seite problemlos beziehen. Will man im Ernst sagen, dass ein Katzenroman von Akif Pirinçci gefährlicher ist als das zentrale Buch von Adolf Hitler?

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