Aktion gegen Zwangsheirat Schutzbrief für Ferienbräute

Sie fahren in den Urlaub und kommen nicht mehr zurück: Hunderte Migrantinnen werden schätzungsweise jedes Jahr in der Heimat der Eltern zwangsverheiratet. Frauenrechtlerinnen und die Integrationsbeauftragte Böhmer wollen diese Praxis stoppen - mit einem simplen Dokument.

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Berlin - Die Ferien sind vorbei, die Schule beginnt - aber ein Platz im Klassenzimmer bleibt leer. Ein Mädchen fehlt, sie ist in den Sommerferien in die Heimat der Familie gefahren. Und wird nicht wiederkommen, ihre Eltern haben sie verheiratet.

Genaue Zahlen, wie viele Migrantinnen jedes Jahr im Sommerurlaub gegen ihren Willen verheiratet werden, gibt es nicht, aber Hilfseinrichtungen verzeichnen in jedem Jahr direkt vor und nach den Sommerferien einen wahren Ansturm von hilfesuchenden jungen Frauen und Mädchen.

Insgesamt werden wahrscheinlich jedes Jahr mehr als tausend Mädchen und junge Frauen - selten auch Männer - in Deutschland Opfer von Zwangsehen, schätzen Experten. Andreas Becker* vom Hilfsverein "Hatun und Can"" geht sogar von 5000 bis 10.000 Fällen aus. "Alleine bei uns haben sich im letzten Jahr 700 Frauen gemeldet."

Viele der Mädchen ahnen vor der Reise, was ihnen bevorsteht, sie haben mitbekommen, dass sie verheiratet werden sollen. "Oft hat vorher schon eine Tante aus der Türkei angerufen und irgendetwas angedeutet", sagt die Soziologin Necla Kelek.

"Nehmen Sie die Mädchen ernst!"

"Ferienbräute - nicht mit uns!", heißt deshalb eine Aktion, die Kelek, die Anwältin Seyran Ates und Berliner Volkshochschulen mit Unterstützung der Staatsministerin für Integration, Maria Böhmer (CDU), nun offiziell starten.

"Wir wollen informieren: Was können Lehrer und Sozialarbeiter tun, wenn sich ein Mädchen oder eine junge Frau an sie wendet, weil sie fürchtet, gegen ihren Willen verheiratet zu werden", erklärt Necla Kelek. Die Achtsamkeit für das Problem müsse bei allen Beteiligten gestärkt werden, Lehrer müssten genauer hinsehen, ob eine Schülerin aus ihrer Klasse betroffen sein könnte, sagt Seyran Ates.

Bundesweit sollen an Volkshochschulen Informationsabende zum Thema "Ferienbräute" stattfinden, Broschüren verteilt werden, mit Nummern von Hilfseinrichtungen wie dem Mädchennotdienst "Papatya".

"Wir appellieren an alle: Nehmen Sie die Mädchen, die zu Ihnen kommen ernst, werden sie aktiv!" Wenn ein Mädchen weg von ihrer Familie wolle, weil sie Angst hat zwangsverheiratet zu werden, dann sei es falsch, ihr das auszureden. "Die Frauen müssen dabei unterstützt werden, denn oft ist es ihre einzige Möglichkeit", sagt Kelek.

"Wenn ich nicht zurück komme, bitte sucht mich!"

Denn wer erstmal mit der Familie weggefahren ist, hat oft keine Chance mehr, nach Deutschland zurückzukommen. Eine Flucht ist schwierig, oft weiß in Deutschland niemand genau, wo die Mädchen eigentlich sind - in welchen Ort etwa in die Türkei oder nach Marokko die Familie gefahren ist, wie sie helfen könnten. Und Migrantinnen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, verlieren nach sechs Monaten im Ausland das Recht auf Rückkehr.

Damit Helfer und Bekannte in Deutschland schnell etwas tun können, wenn das Mädchen oder die Frau nicht zurückkehrt, wollen Ates und Kelek im Rahmen der Kampagne auch eine standardisierte Vollmacht vorstellen. Darauf soll stehen: "Ich fahre mit meinen Eltern in den Urlaub und möchte nicht heiraten. Wenn ich in sechs Wochen nicht zurück bin, bitte ich darum, dass ich gesucht werde. Ich möchte zurück nach Deutschland." Auf dem Schreiben soll außerdem verzeichnet sein, wo genau die Familie der Frauen in der Türkei hingefahren ist.

"Die Botschaft und andere Behörden können so tätig werden", sagt Seyran Ates.

Ihrer Kollegin Necla Kelek ist es mit Hilfe einer solchen Vollmacht bereits geglückt, eine junge Frau, die unter einem Vorwand in die Türkei gelockt wurde und dort zwangsverheiratet wurde, wieder nach Deutschland zu holen - mit Hilfe der deutschen Botschaft und der türkischen Polizei. "Wenn ich in drei Wochen nicht wieder da bin, sucht mich", hatte die 23-Jährige aufgeschrieben.

"Aber entscheidend dabei ist", sagt Kelek, "dass die Mädchen und Frauen selbst etwas tun, dass sie sich trauen etwas zu unterschreiben, bevor die Reise los geht."

*Name geändert



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