AKW-Stresstest-Ergebnis Bedingt ausstiegsbereit

Experten haben geprüft: Sie halten die deutschen AKW grundsätzlich für solide. Trotzdem deutet Umweltminister Röttgen das Aus für die ältesten Meiler an, weil sie den Absturz eines großen Flugzeugs nicht aushalten würden. Alles längst bekannt - doch hinter dem Stresstest steckt Kalkül.

Luftwaffen-Transall in der Nähe des AKW Brokdorf: Gegen Absturz nicht geschützt
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Luftwaffen-Transall in der Nähe des AKW Brokdorf: Gegen Absturz nicht geschützt

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Berlin - So etwas hat es noch nicht gegeben, das kann der Minister für Reaktorsicherheit gar nicht oft genug betonen. "Hier wurde etwas erstmalig geprüft, was bislang noch nie untersucht worden ist", sagt Norbert Röttgen. Sechs Wochen "harte und intensive Arbeit" habe die Reaktorsicherheitskommission (RSK) hinter sich, Tag und Nacht sei der "Sachverstand unseres Landes zusammengekommen", um so auch international eine "Vorreiterrolle" zu übernehmen.

Bei so viel Lobpreisung ist Bahnbrechendes zu erwarten.

116 Seiten umfasst das Dokument zur "Anlagenspezifischen Sicherheitsüberprüfung (RSK-SÜ) deutscher Kernkraftwerke unter Berücksichtigung der Ereignisse in Fukushima-I (Japan)". Eine Frage greift der Minister bei der Präsentation an diesem Dienstag extra heraus: Was passiert, wenn ein Flugzeug auf einen Reaktor stürzt, bei einem Unfall oder von Terroristenhand gesteuert?

Die Antwort: Keines der deutschen Atomkraftwerke wäre ausreichend gegen den Einschlag einer großen Passagiermaschine, etwa einer Boeing-747, gesichert. Zehn AKW sollen nach Einschätzung der RSK immerhin den Absturz eines mittelgroßen Flugzeugs, etwa vom Typ Phantom, überstehen. Die Kraftwerke Unterweser, Isar 1 und Neckarwestheim 1 würden noch einen "Starfighter" aushalten, Biblis A und B, Brunsbüttel und Philippsburg 1 dagegen nicht einmal das. Die sieben ältesten Meiler im Land sind also die anfälligsten.

Neu ist diese Erkenntnis allerdings nicht, das räumt auch Röttgen im Verlauf der Pressekonferenz freimütig ein. Sie galt beim rot-grünen Ausstiegsbeschluss 2002 genauso wie bei der schwarz-gelben Laufzeitverlängerung im vergangenen Herbst. Und auf Basis dieser Kenntnis schaltete die Regierung im Zuge ihres Atom-Moratoriums auch genau jene älteren Reaktoren ab.

Bleiben die Altmeiler vom Netz?

Bleiben sie nun für immer vom Netz? Röttgen will sich da nicht festlegen, der CDU-Vize deutet das Aus zumindest der vier unsichersten Reaktoren nur an. "Das sind Zivilisationsrisiken, vor denen man nicht die Augen verschließen kann", sagt Röttgen. Die politische Bewertung werde daran anknüpfen. Wobei die Tendenz, die Altmeiler endgültig stillzulegen, ohnehin schon länger wahrscheinlich ist.

Viel Lärm um nichts also? Was bringt der übers Knie gebrochene Stresstest?

Opposition und Umweltschützer halten den Check ohnehin für wertlos, monieren veraltete und unzureichende Kriterien, den viel zu kurzen Zeitraum. Tatsächlich gesteht auch Kommissionschef Rudolf Wieland ein, dass viele Fragen offen bleiben oder noch geklärt werden müssen. Ein Besuch der Prüfer in den AKW war allein aus Zeitgründen nicht drin, man musste sich auf die Angaben der Betreiber verlassen.

Neben den Flugzeugabstürzen wurden die Kraftwerke dabei auf ihre Sicherheit bei Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Hochwasser geprüft - jeweils mit einem Ausmaß, das die Erfahrungswerte der letzten 10.000 Jahre noch übersteigt. Auch die Notstromversorgung haben die Tester inspiziert und die Anlagen anschließend für jedes Schreckenszenario in einen von drei Schutzleveln eingestuft.

Kein Ausstieg "Hals über Kopf"

Ein einheitliches Bild ist dabei nicht zu erkennen. Kein AKW erreicht allerdings bei allen Untersuchungskriterien durchgehend die beste oder auch nur die zweitbeste Stufe. Andererseits schneidet manch nachgerüsteter Altmeiler bei der Notstromversorgung besser ab als andere neuerer Bauart. Eine konkrete Abschaltempfehlung der RSK für irgendein Atomkraftwerk gibt es jedenfalls nicht.

Alles andere wäre für die Bundesregierung auch äußerst unangenehm, schließlich wäre das Laufzeitplus dann als krasse Fehlentscheidung entlarvt, mit der man das Wohl des Volkes bedroht hätte. Weil aber die Bewertung in den anderen Kategorien so differenziert ausfällt, muss Röttgen an diesem Dienstag so explizit auf den längst bekannten Gefahren des Flugzeugabsturzes herumreiten. Die Angst vor dem Absturz ist das Risiko, mit dem sich politisch am besten argumentieren lässt - gerade wenn es um die endgültige Stilllegung der ältesten Reaktoren geht. Und am Aus jener Meiler dürfte der Bundesregierung schon deshalb viel liegen, weil daran zu einem guten Teil ihre Glaubwürdigkeit bei der Atomwende hängt.

Auf der anderen Seite kann Röttgen mit dem Verweis auf den RSK-Bericht genauso gut die Rufe nach einem Sofortausstieg kontern. Denn Kommissionschef Wieland bescheinigt den deutschen Meilern insgesamt einen "großen Robustheitsgrad" und eine "Grundsolidität", erschreckende Sicherheitsdefizite habe man nicht festgestellt. "Hals über Kopf" muss man nicht raus aus der Kernenergie, sagt der Umweltminister. Das dürfte auch die Atomfreunde in der Koalition freuen, die immer wieder vor einem überhasteten Ausstieg warnen.

Bahnbrechendes liefern die 116 Seiten des RSK-Berichts also weniger, dafür aber lassen sie umso mehr Raum zur politischen Interpretation. Und so dient der Schnellschuss beim Stresstest genau wie die Arbeit der Ethikkommission wohl vor allem dazu, die hektisch eingeleitete Energiewende wieder in scheinbar geordnete Bahnen zu lenken.

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Nimbus-4 17.05.2011
1. Den schwarzen wirds ganz grün im Gesicht......
Zitat von sysopExperten haben geprüft: Sie halten die deutschen AKW grundsätzlich für solide. Trotzdem deutet Umweltminister Röttgen das Aus für die ältesten Meiler an, weil sie den Absturz eines großen Flugzeugs nicht aushalten würden. Alles längst bekannt - doch hinter dem Stresstest steckt Kalkül. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,763092,00.html
Wir nähern uns dem nächsten Akt der Unionskommödie. Ich bin wirklich aufs äußerste gespannt, wie sich die schwarzen Seelen in den kommenden Wochen mit ihrem, dann eigenen Beschluss, zum Atomausstieg so herumschlagen werden. Hach wird das schön, wenn endlich die Fassade der angeblich so konservativen, so staatstragenden, so christlichen Union in sich zusammenfällt und dahinter die korrupte, opportunistische und leitlinienlose Bande von Volksverächtern zum Vorschein kommt, die sich in der Vergangenheit so erfolgreich vor ihrer Entdeckung verbergen konnte. In den nächsten Wochen werden wir sie sich winden sehn, herumgetrieben zwischen ihrer Verpflichtung, ihren spendablen Freunden in den Industrie- und Energieerzeugungsverbänden gegenüber und dem Versuch für bodenständige Wähler mit gesundem Überlebensinstinkt und einem Gespür für hohle Versprechen, wählbar zu bleiben. Gott wird das witzig. Je näher der Stichtag des Endes, des hastigsten und unüberlegtesten Moratoriums rücken wird, desto heftiger werden die schwarzen Hampelmänner nach Ausreden suchen, um ihrem geliebten Atomfetisch weiter die, bildlichen, Füße küssen zu dürfen. Ich hoffe den Tag zu erleben, an dem Merkel und Seehofer so schnell den grünen Trends hinterherzulaufen versuchen und derartig hastig ihre Positionen auf Öko-Modus ändern werden, um am nächsten Tag von ihren eigenen Leuten wieder zum zurückrudern gezwungen zu werden, dass Sie mit einem Tempo ins rotieren kommen, welches ihre schwarze Seelen selbst ergrünen lassen und sie in dem unweigerlich folgenden, konvulsivischen Erbrechen ihren Gipfel der Prinzipienlosigkeit finden lassen werden. In sofern muss man der Kanzlerkarrikatur Merkel und ihrem bayerischen Quasselkasper noch dankbar sein, in welch atemberaubend schnellem Tempo Sie den Niedergang der CDU/CSU vorantreiben.
firem 17.05.2011
2. Mängel-Meiler
Was ist denn das für eine stumpfsinnige Titelzeile? Ein Kernkraftwerk mit Mängeln geht nie ans Netz. Und wenn ein Mangel im Sicherheitsbereich auftritt, geht es sofort vom Netz. Man soll doch nicht suggerieren, dass die deutschen Atommeiler (kein einziger Unfall seit 1960) unsicher seien. Was hier der Spiegel versucht, ist reine Anti-Propaganda. Falls es einer hier schafft, kann er ja die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes einer Passagiermaschine ausgerechnet auf einen Atom-Meiler ausrechnen. In Deutschland gab es meiner Erinnerung nach ab 1950 im Westen 2 Flugzeugabstürze und im Osten einer mit einer Testmaschine. Die Wahrscheinlich ist wesentlich geringer, als dass eine gesteuerte Atombombe auf einen Meiler fällt. Solche Argumente sind nur albern und zeigen, dass es an wirklichen, stichhaltigen Gründen für die Ablehnung auch dieser Technologie fehlt. Das ist nur noch Hysterie und Politikmache unglaublich schlecht gebildeter Menschen. Für einige Wähler-Stimmen werden Politiker kindisch.
Der_Kritiker, 17.05.2011
3. AKW´s sind sicher oder doch nicht?
Zitat von sysopExperten haben geprüft: Sie halten die deutschen AKW grundsätzlich für solide. Trotzdem deutet Umweltminister Röttgen das Aus für die ältesten Meiler an, weil sie den Absturz eines großen Flugzeugs nicht aushalten würden. Alles längst bekannt - doch hinter dem Stresstest steckt Kalkül. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,763092,00.html
Wenn man sich den Stresstest genauer anschaut, so kann man erkennen, dass hier jeweils nur eine Komponente untersucht wurde. Japan zeigt aber, dass eine Verkettung von unglücklichen Ereignissen die wahre Gefahr darstellen, also die Kombination von mehreren Komponenten innerhalb des Stresstests. Wie verhält es sich damit, sind dann die AKS's immer noch so relativ sicher? Aus Sicherheitsgründen möchte ich hier nicht näher darauf eingehen, da auch potentielle Terroristen derartige Seiten lesen. Vielleicht sollte sich unsere Bundesregierung aber auch mal darüber Gedanken machen. Alles andere währe nur ein weiterer Beleg dafür wie sehr wir von der Bundesregierung getäuscht und betrogen werden.
michael2273 17.05.2011
4. Eine wirklich mächtige Lobby
Schutzmaßnahmen gegen eine Grippe-Epidemie werden als Panikmache der bösen Pharmaindustrie-Lobby angesehen, obwohl die Spanische Grippe mindestens 20.000.000 Todesopfer gefordert hatte. http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/04/21/eine-wirklich-machtige-lobby/ Hingegen reichen der Anti-Atom-Lobby 62 Todesopfer (Tschernobyl) bzw. 0 Todesopfer (Fukushima), um eine der wichtigsten Energiequellen aus Westeuropa zu verbannen.
Tabris2011 17.05.2011
5. nun denn ...
nehmen wir die regierung bei wort? *still legung der schwächsten 5 akw sofort* kann das schon weh tun? *ein verbindliches gesetz verabschieden, mit restlaufzeit von 10 jahren* damit kein schadensersatzanspruch/regrewssforderung der konzerne an die steuerzahler erfolgen kann. *öffentliche rücknahme der laufzeit-verlängerung*. eingestehung eines politischen fehlers. das tut weh. *focussierung auf risiko von terroranschläge*. denn die gab es in den ersten risikoabwägungen vor 20 jahren so noch nicht (islam-krieger). *nun lass mal taten folgen *. ok, ok,ok - war ein wunschtraum. bin wieder aufgewacht auf den boden der realität. und weiter gehts wie gehabt...
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