Al-Qaida-Prozess in Frankfurt War Straßburger Synagoge das Ziel?

Einen Tag vor der Eröffnung des spektakulären Prozesses gegen fünf mutmaßliche al-Qaida-Terroristen gab es bereits eine Überraschung. Angeblich will am Dienstag einer der Beteiligten aussagen, dass die Terrorgruppe nicht - wie bisher angenommen - den Straßburger Weihnachtsmarkt, sondern die jüdische Synagoge als Ziel hatte.


Frankfurt - Bisher waren die Fahnder davon ausgegangen, dass die im Dezember 2000 in Frankfurt festgenommenen fünf Männer einen Sprengstoffanschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt planten. Als stärkstes Indiz dafür galt laut der Anklageschrift der Bundesanwaltschaft ein Video, das die Ermittler bei der Festnahme am 26. Dezember 2000 gefunden hatten. Auf dem offenbar von den jetzt Beschuldigten selbst gefilmten Band war der gut besuchte Weihnachtsmarkt vor dem Straßburger Münster zu sehen, unterlegt mit einem Kommentar des Kameramanns: "Fahrt zur Hölle, so Gott will."

Einen Tag vor der Eröffnung des ersten Prozesses gegen die fünf Männer, denen die Anklage "eine abgeschottete, konspirativ arbeitende" Terrorplanung und enge Kontakte zum Terror-Netzwerk al-Qaida nachgewiesen haben will, kamen aber Gerüchte über ein angeblich anderes Anschlagziel auf. Das ARD-Magazin "Report" berichtete unter Berufung auf nicht genannte Justizkreise, dass entgegen der bisherigen Annahme die Synagoge in Straßburg und nicht der Weihnachtsmarkt getroffen werden sollte. Dies werde einer der Angeklagten in einer Einlassung zu Prozessbeginn aussagen, berichtete "Report". In der Tat will einer der Angeklagten, der 26-jährige Algerier Aeurobi Beandali, nach Angaben seines Anwaltes Achim Groepper eine längere Erklärung abgeben. Über den Inhalt wollte sein Anwalt aber nicht spekulieren.

Bomben waren noch nicht fertig

Es gibt jedoch einen plausiblen Grund, der dafür spricht, dass das tatsächliche Anschlagsziel nicht der Weihnachtsmarkt war. Denn das Video, das den Münster und den Markt davor zeigt, war erst am 23. Dezember - also einen Tag vor Weihnachten - gedreht worden. Hätte der Anschlag aber noch in der laufenden Weihnachtszeit stattfinden sollen, hätten sich die mutmaßlichen Terroristen ziemlich sputen müssen. Zwar fanden die Ermittler bei der Razzia am 26. Dezember 2000 jede Menge Material zum Bau von Bomben, doch zusammengesetzt war noch kein Sprengkörper. Für einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt wäre die Zeit also reichlich knapp geworden, obwohl diese bis in den Januar hinein reichen.

Doch die Änderung des Ziels könnte den Prozess, der allein durch die aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen spektakulär ist, noch mehr ins Interesse der Medien und auch der Sicherheitsbehörden rücken. Denn nach der verheerenden Explosion nahe der Synagoge auf Djerba in Tunesien ließe die mögliche Wendung einige Parallelitäten zwischen dem jetzt beginnenden al-Qaida-Prozess und dem aktuellen Anschlag erkennen. Deutsche Sicherheitsbehörden sind sich mittlerweile schon recht sicher, dass sich auf Djerba kein Unfall, sondern ein Anschlag ereignet hat. Präzisiert nun ein Angeklagter in dem Frankfurter Prozess ebenfalls eine Synagoge als Ziel für einen Terroranschlag, fällt auch bei den Ermittlungen in Tunesien der Verdacht auf die Terror-Krake al-Qaida und damit auf den Mann, der auch für die Anschläge in New York und Washington verantwortlich sein soll: Osama Bin Laden.

Ob die Einlassung des Beschuldigten jedoch überhaupt am ersten Prozesstag erfolgt, ist noch ungewiss, denn bei einem solch großen Prozess werden normalerweise erst einmal Verfahrensfragen geklärt. Außerdem muss die Anklageschrift verlesen werden, und allein die ist 160 Seiten stark.

Matthias Gebauer



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