AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Alexander Gauland Der Schrecken der CDU

AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland könnte ganz weit im Osten ein Direktmandat gewinnen - diese Schmach will die CDU unbedingt verhindern.

AfD-Politiker Gauland: Selbst wenn er selten da ist - es geht immer auch um ihn
DPA

AfD-Politiker Gauland: Selbst wenn er selten da ist - es geht immer auch um ihn


Es ist eine ziemlich kleine Kulisse für den Auftritt eines Bundesinnenministers. Der Raum im Bahnhofshotel "Die Bühne" des brandenburgischen Bad Saarow fasst kaum hundert Besucher. Aber Thomas de Maizière von der CDU nutzt die letzten Minuten vor seiner Rede am Donnerstag vergangener Woche für penible Vorbereitungen. Während vorn am Mikrofon Begrüßungsreden gehalten werden, lässt sich der Minister von einem Referenten Zettel geben: Er fährt mit seinem Finger Zahlenkolonnen entlang und schüttelt den Kopf, als erfahre er gerade Unerklärliches.

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Es ist die Kriminalitätsstatistik für den Wahlkreis 63, in dem Bad Saarow liegt. Und die zeigt, so wird er es später in seiner Rede sagen, dass die Zahl der schweren Straftaten hier deutlich geringer ist als im Bundesdurchschnitt. Man kann sich sicher fühlen. Eigentlich.

Warum also wählt einer aus der ersten Reihe der Bundes-CDU das beschauliche Bad Saarow für eine Rede über die innere Sicherheit, den Terrorismus und die Ausstattung der Bundespolizei? "Ich kriege ja viele Einladungen", sagt de Maizière, "aber es war mir sehr wichtig, den Direktkandidaten der CDU hier zu unterstützen."

Der Wahlkreis 63 liegt teilweise direkt an der polnischen Grenze, dort leben gerade mal rund 200.000 Wahlberechtigte. Aber für den Ausgang der Bundestagswahl ganz im Osten der Republik interessiert man sich bis hoch ins Kanzleramt. Denn hier will Alexander Gauland von der AfD, Spitzenkandidat seiner Partei, ein Direktmandat für seinen Einzug in den Bundestag holen. Was würde das bedeuten?

Für Gauland wäre ein solches Mandat die Krönung seines Feldzugs gegen Kanzlerin Angela Merkel und seine ehemalige Mutterpartei. Für die Union wäre es eine symbolisch bedeutsame Schmach.

Abgeordnete mit einem Direktmandat stehen in der Hierarchie des Bundestags ein bisschen höher als die anderen, sie können das persönliche Vertrauen der Wähler für sich reklamieren. Der Grüne Hans-Christian Ströbele wurde auch deshalb legendär, weil er das bisher einzige Direktmandat seiner Partei holte. Ein Direktmandat für die AfD auf Bundesebene würden die Blauen gern als Symbol deuten, dass sie mehr sind als ein Frustphänomen.

Der Mann, der Gaulands Sieg verhindern soll, heißt Martin Patzelt und ist ein durchaus ungewöhnlicher CDU-Mann. Patzelt, einst Oberbürgermeister in Frankfurt (Oder), ist gerade beim Thema Flüchtlinge der Anti-Gauland. Schon 2014 forderte er die Deutschen auf, Flüchtlinge zu Hause aufzunehmen. Bei ihm zogen zwei Männer aus Eritrea ein, einer lebt immer noch da. "Danach bekam ich Morddrohungen", sagt Patzelt. Die biedere brandenburgische CDU betrachtet ihn als Exoten, aber er holte für sie das Direktmandat, sein Motto: "Machen statt meckern".

So tourt er nun als Titelverteidiger durch den Wahlkreis und hat sehr oft das Hase-und-Igel-Erlebnis. Nicht, dass Gauland immer schon auf ihn warten würde, sie haben sich persönlich erst zweimal gesehen. Aber es geht immer auch um ihn und die Themen der AfD.

Vergangene Woche etwa fuhr Patzelt in das idyllische Neuzelle. Dort, im Bauernmuseum, treffen sich die Landwirte der Agrargenossenschaft Neuzelle zum Stammtisch. Es war ein warmer Spätsommerabend, eigentlich gutes Erntewetter, aber schon den ganzen Tag war im Radio zu hören, was die Bauern hier längst wussten. Die Ernte werde in weiten Teilen Brandenburgs das dritte Jahr in Folge schlecht ausfallen, nach Frost im Frühjahr, massivem Regen und Stürmen im Sommer. Das Wetter können die Landwirte nicht beeinflussen. Das politische Klima schon.

Brandenburgs Bauern bewirtschaften rund 1,3 Millionen Hektar Fläche, fast 45 Prozent der Gesamtfläche des Landes. Das macht sie zu einer Macht. Martin Patzelt kommt deshalb nicht allein. Zusätzlich ist CDU-Landeschef Ingo Senftleben da, im Schlepptau hat er weitere Landtagsabgeordnete. Alles auf die 63.

Am Stammtisch sitzt bald für jeden Landwirt ein CDU-Mensch. Es hat etwas Verzweifeltes, wie die CDU ihre Truppen mobilisiert. Alle wissen um die Bedrohung. Entlang der Grenze zu Polen erzielte die AfD bei der letzten Landtagswahl zum Teil Ergebnisse über 20 Prozent.

"Wir sorgen hier für die blühenden Landschaften", sagt ein Landwirt am Stammtisch in Anspielung auf das berühmt-berüchtigte CDU-Versprechen Helmut Kohls. Bitteres Lachen in der Runde. Da ist Stolz in der Stimme, weil die Bauern hier immer einfach gesät und geerntet haben, ganz egal, wer gerade in Berlin regiert.

Heidi Wittgen ist stellvertretende Vorsitzende der Genossenschaft, eine zupackende Frau. Über 18 Dörfer zieht sich ihre Genossenschaft aus Bauernfamilien, sie produzieren das Futter für ihre Tiere selbst, schlachten und verarbeiten sie vor Ort, verkaufen ihre Kartoffeln an Gastronomen in der Umgebung.

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Es ist ein gut funktionierender und sinnvoller Kreislauf, sie schaffen Arbeitsplätze und pflegen die Landschaft, kein Biotopia, sondern familiär geprägte Landwirtschaft. Natürlich klagen die Bauern auch, über Schäden durch Wölfe und Biber oder über schlechte Preise. Aber bei keinem anderen Thema gehen die Emotionen so hoch wie bei der Kriminalität. "200.000 Euro Schaden, allein im letzten Jahr, durch Einbrüche und Diebstahl", sagt Wittgen.

Geklaut werde alles: Maschinen, Sprit, sogar Kälber. Die zwei Polizeistreifen im Landkreis, ruft ein Kollege Wittgens dazwischen, die überhaupt noch unterwegs seien, würden durch fingierte Verkehrsunfälle irgendwohin gelockt und schwups! gehe die Beute über die Grenze. "Merkel hat die Grenze aufgemacht", ruft ein weiterer laut dazwischen, und er meint damit nicht die Flüchtlingsdebatte von 2015, sondern die Grenze zu Polen nach der EU-Osterweiterung.

CDU-Landeschef Senftleben versucht die Wut schnell auf die rot-rote Landesregierung umzulenken, die habe ja die Polizeistellen abgebaut. Aber das Argument verfängt nicht, für viele sind CDU und SPD inzwischen einerlei, alle gehörten zum "System der Altparteien", das ist AfD-Denke.

In diesem "System" haben die Landwirte das Gefühl, nicht mehr gehört zu werden. Sie glauben, Politiker spielten Verantwortungspingpong: In der Kommune verweist man auf das Land, das Land verweist auf den Bund, der Bund auf die EU, die EU auf den Weltmarkt. Die Zusammenhänge sind kompliziert und globalisiert.

Das merken die Bauern auch, weil der märkische Boden inzwischen an der Wall Street gehandelt wird. Ackerland ist sehr teuer geworden, seit internationale Investmentfonds in großem Stil Flächen aufkaufen. "Da können wir nicht mithalten", sagt Wittgen.

CDU-Kandidat Patzelt fleht, man solle trotz alldem nicht jenen vertrauen, die "zurück in die Vergangenheit wollen". Für den Appell erntet er weder Beifall noch Ablehnung, einfach nur Schweigen. Es ist ein sehr lautes Schweigen.

Der Abwehrkampf der CDU gegen Gauland ist auch ein Duell zwischen objektiver Wahrheit und subjektiver Wahrnehmung. Was hilft eine Statistik des Innenministers gegen die Erfahrung eines Bauern, dem ein Kalb geklaut wurde? "Wir müssen die Angst objektivieren", sagt Patzelt. Gemeinsame Diskussionsrunden der Direktkandidaten hält er für hilfreich. Patzelt berichtet, die Linken würden darauf bestehen, sich nicht mit dem AfD-Mann Gauland an einen Tisch zu setzen. Er selbst hält das für einen Fehler. "So macht man ihn nur größer", sagt er.

Am Tag bevor Patzelt die Bauern besuchte, erschien Gauland in Jüterbog zum Bürgerdialog in einem Gasthaus. Jüterbog gehört nicht zum Wahlkreis 63. Aber der Saal war voll, voller als beim Bundesinnenminister zwei Tage später in Bad Saarow. Gauland attackierte vor allem Merkel: Er wolle bei einem Einzug in den Bundestag wieder Grundsatzdebatten führen. Früher sei das Parlament der Resonanzboden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gewesen. "Was ist es jetzt? Die Abnick-Organisation einer Bundeskanzlerin, die keine Demokratin mehr ist", donnert Gauland, und die Menschen im Saal sind begeistert.

Die aggressive Sprache ist das Mittel, mit dem er sich im Gespräch hält, so wie zuletzt mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, die er "entsorgen" will. Gauland versucht erst gar nicht, sich als klassischer Wahlkreisvertreter zu empfehlen, er wohnt ja nicht einmal im Wahlkreis. Er schürt, wie alle Populisten, dumpfe Wut auf die da oben. Seine Botschaft: Ich quäle für euch die Kanzlerin.

Und das funktioniert. Kaum ein Großplakat der CDU im Wahlkreis 63 wird nicht mit Parolen verunstaltet: "Volksverräter" oder "Merkels Marionette" steht dann unter dem Gesicht von Patzelt.

"Das hat massiv zugenommen", sagt der und versucht den Ärger wegzulächeln. Wie er Gaulands Chancen einschätzt, das Direktmandat zu gewinnen? Patzelt zuckt mit den Schultern. Es ist alles möglich. Nachdem sich AfD und CDU hier bekriegt haben, sagt er, könnte es einen lachenden Dritten als Sieger geben: den Direktkandidaten der Linken. Das wäre dann, so Patzelt, die "Ironie der Geschichte".



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
ch.weichberger 05.09.2017
1. Die suppe
Die cducsu seit jahrzenten geruehert hat Essen will sie sie nicht
Stefan_G 05.09.2017
2. Einer ...
... der irgendwelche anderen Menschen irgendwo entsorgen will, gehört nicht in den Bundestag.
schulz-fan 05.09.2017
3.
Gauland ist ein böser, alter, weißer Greis, der nichts verstanden hat. Wir vergreisen, wir brauchen Zuwanderung. Wer soll unsere Renten bezahlen? Wer soll uns pflegen? Ich möchte nicht, daß D nur noch aus Alten besteht. Ich weiß, wovon ich spreche. Bei uns im Ortsverein gibt es außer mir 5 regelmäßig aktive Mitglieder. Fünf Mal dürfen Sie raten, wer das ist: Otto (79), Karl (81), Rita (69), Hetmuth (77) und Mustafa (31). In der AfD dürfte es nicht viel besser aussehen. Trotzdem glaubt Gauland, gegen junge Muslime hetzen zu müssen, obwohl die im Moment unsere einzige Chance sind, mal ein bischen frischen Wind in die Demografie zu bringen.
schulz-fan 05.09.2017
4.
Gauland ist ein böser, alter, weißer Greis, der nichts verstanden hat. Wir vergreisen, wir brauchen Zuwanderung. Wer soll unsere Renten bezahlen? Wer soll uns pflegen? Ich möchte nicht, daß D nur noch aus Alten besteht. Ich weiß, wovon ich spreche. Bei uns im Ortsverein gibt es außer mir 5 regelmäßig aktive Mitglieder. Fünf Mal dürfen Sie raten, wer das ist: Otto (79), Karl (81), Rita (69), Hetmuth (77) und Mustafa (31). In der AfD dürfte es nicht viel besser aussehen. Trotzdem glaubt Gauland, gegen junge Muslime hetzen zu müssen, obwohl die im Moment unsere einzige Chance sind, mal ein bischen frischen Wind in die Demografie zu bringen.
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