Jan Fleischhauer

Opferkult AfD = Alle furchtbar Dünnhäutig

Ausgerechnet die rechte AfD kultiviert eine besonders nervige Eigenschaft linker Minderheitenanwälte: die Hypersensibilität gegenüber Diskriminierung. Ein böses Wort, und ihre Funktionäre fallen vom Stuhl.
Alice Weidel, AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2017

Alice Weidel, AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2017

Foto: Martin Schutt/ dpa

Die Feministin Teresa Bücker hat über Alice Weidel auf Twitter geschrieben: "Würde gern mal Alice von Weidel fragen: Also wir Feministinnen sind bekanntlich alle untervögelt, aber was zur Hölle fehlt Ihnen?" Ich bin unsicher, ob ich das so zitieren darf. Der Tweet ist ein bisschen frauenfeindlich, daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er von Teresa Bücker stammt. Außerdem geht Weidel gegen jeden juristisch vor, der sie mit Fragen behelligt, die ihr nicht gefallen.

Vor ein paar Tagen hat sie eine Kollegin von mir angezeigt, weil diese den AfD-Pressesprecher auf die Sorgen in der Partei angesprochen hatte, dass die Spitzenkandidatin nicht genug esse. Ich finde nicht, dass Weidel so dünn aussieht, dass man sich Sorgen machen muss, aber offenbar sind die Ernährungsgewohnheiten der Kandidatin in der AfD ein Thema. Möglicherweise fürchtet man unter den Anhängern, dass Weidel heimlich zum Veganismus übergelaufen sein könnte, was in einer Partei, die für den Schnitzel-Tag in deutschen Kantinen kämpft, ein Problem wäre.

Was hat Alice Weidel so aus dem Häuschen gebracht?

Wie dem auch sei: Der Pressesprecher berichtete Frau Weidel von dem Gespräch, worauf diese bei der Staatsanwaltschaft in Hamburg Strafanzeige einreichte. Ich habe nicht in Erfahrung bringen können, auf welcher juristischer Grundlage die Anzeige fußt. Da meine Kollegin nichts geschrieben hat, was irgendwie justiziabel wäre, kommt keiner der üblichen Paragrafen in Betracht. Am besten redet man als Journalist mit dem Pressesprecher der AfD nur noch über Dinge, die schon in den Zeitungen stehen, dann gibt es nachher keine Scherereien.

Ich habe mich ehrlicherweise auch schon gefragt, was mit Frau Weidel nicht stimmt. Neulich ist sie aus einem Fernsehstudio gestürmt, weil sie sich von der Moderatorin ungerecht behandelt fühlte. Ich habe mir die entsprechende Szene daraufhin angesehen. Ich habe auch bei mehrfachem Anschauen nicht verstanden, was Frau Weidel so aus dem Häuschen gebracht hat, dass sie ihren Auftritt abbrach.

Angeblich war Marietta Slomka unfreundlich gewesen, aber in dem Filmausschnitt, den ich gesehen habe, tauchte Frau Slomka gar nicht auf. Man sah stattdessen, wie Andreas Scheuer von der CSU die AfD-Kandidatin auf ihren Parteifreund Björn Höcke ansprach, worauf diese unvermittelt aufstand und aus dem Studio lief. Ich dachte immer, man sei in der AfD schlimmeren Bedrängnissen ausgesetzt als Fragen von Andreas Scheuer. Vielleicht hat Frau Weidel einfach sehr, sehr dünne Nerven.

Eines der Dinge, die mich an der Linken immer genervt haben, war die Opferpose. Wenn etwas nicht so läuft, wie man sich das vorgestellt hat, gilt es als ausgemacht, dass jemand Mächtiges seine Hand im Spiel hatte. Dann ist das Patriarchat schuld oder der Kapitalismus oder ganz allgemein das System. Leider geht mit dem Hang zur Opferhaltung eine schreckliche Empfindlichkeit einher. Kaum fühlt sich jemand benachteiligt oder nicht ausreichend beachtet, setzt ein großes Wehklagen ein, welchen Diskriminierungen man noch immer in Deutschland ausgesetzt sei.

Die AfD hat das Konzept der Mikroaggression in den Wahlkampf eingeführt

Inzwischen reicht es schon, dass jemand ein falsches Wort benutzt, um als Minderheitenfeind zu gelten. Die Kundigen sprechen in diesem Zusammenhang von Mikroaggression. Weil man im Alltag ständig Gefahr läuft, auf Menschen zu stoßen, die nicht die neuesten Regelungen des politisch korrekten Sprechens verinnerlicht haben, ist man in den fortgeschrittenen Kreisen dazu übergegangen, sogenannte Safe Spaces einzurichten, wo empfindsame Seelen auf nichts mehr treffen, was als abwertend oder degradierend empfunden werden könnte. Es hat eine gewisse Komik, dass ausgerechnet die AfD das Konzept der Mikroaggression in den Wahlkampf eingeführt hat. Ginge es nach ihr, würde die Medienlandschaft in der Befassung mit der Partei und ihren Vertretern zu einem einzigen Safe Space umgewandelt.

Von seinem Psychohaushalt her ähnelt der AfD-Anhänger dem Südländer, das wäre die internationale Sicht. Was die Kränkungsbereitschaft angeht, ist er gewissermaßen der Erdogan der Parteienlandschaft. Seine ganze Vorstellungswelt kreist um Begriffe wie Anerkennung und Respekt. Dass er seinerseits schnell mit Beleidigungen zur Hand ist, steht dem nicht im Wege. So wie für den Erdogan-Fan alle Nazis sind, die nicht seine Meinung teilen, so sieht der AfDler überall Lügner und Betrüger. Aber wehe, man verwahrt sich gegen derlei Anwürfe oder sagt, dass man ihn dann eben nicht mehr zu sich einlädt: Dann ist der Kummer groß. Ein böses Wort und der AfD-Türke ist tödlich beleidigt.

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass es einigen Mut braucht, sich zur AfD zu bekennen. Für die AfD in den Wahlkampf zu ziehen ist eine harte Sache: Kaum ist das Poster am Mast, liegt es auch schon wieder im Dreck. Regelmäßig werden die Wahlkampfstände attackiert. Aber es fällt schwer, solche Übergriffe mit dem angemessenen Ernst zu behandeln, wenn die Spitzenkandidatin bei den kleinsten Anlässen in Ohnmacht fällt. Eine Partei, die schon ein Geplänkel in einer Talkrunde als Skandal inszeniert, muss sich nicht wundern, wenn die Leute mit den Achseln zucken, wenn es wirklich zur Sache geht.