Allein erziehende Mütter Die Hartz-Optimisten

Jeden Montag machen Zehntausende in Deutschland ihrer Wut über Hartz IV Luft. Aber nicht alle Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger fühlen sich als Opfer der umstrittenen Arbeitsmarktreform. Alleinerziehende Mütter sehen in dem neuen Gesetz keinen Rückschritt, sondern begreifen es als Chance.

Hamburg - Der wohl prominenteste Gewinner der Hartz-IV-Reform dürfte Lothar Vosseler, 57, sein. Zusammen mit seiner Frau Gisela, 58, bekomme der arbeitslose Bruder von Kanzler Gerhard Schröder durch das neue Gesetz zur Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe 118 Euro mehr im Monat, errechnete die "Bild am Sonntag". Dennoch hält Vosseler von Hartz IV nicht viel. Das Reformwerk seines Bruders sieht er trotz der Mehreinnahmen "skeptisch. Durch neue Gesetze kann man nicht mehr Arbeitsplätze schaffen".

Unter allein erziehenden Müttern ohne Job ist der Pessimismus gegenüber Hartz IV längst nicht so groß wie beim Kanzler-Bruder und den Montagsdemonstranten. Die Hamburgerin Marlis Gouba, 36, weiß, dass sie nach dem 1. Januar, wenn die neuen Gesetze in Kraft treten, für sich und ihre zwei Kinder (9 und 5 Jahre alt) mehr Unterstützung bekommt als jetzt. Zurzeit erhält die arbeitslose Krankenschwester 1410 Euro pro Monat: Arbeitslosenhilfe, Mietzuschuss, Kindergeld und Unterhalt. Die Miete beläuft sich auf 425 Euro. Im Internet informierte sie sich über die Auswirkungen von Hartz IV: Durch das neue Arbeitslosengeld II, Übernahme der Miete, Kindergeldzuschlag, Alleinerziehendenbonus und zeitbegrenzte Zuschläge hat sie dann mehr Geld zur Verfügung. Wieviel genau es ist, hat sie noch nicht ermitteln lassen. Nach Berechnungen der Agentur für Arbeit bekommt sie dann aber rund 1300 Euro im Monat, die Miete wird zudem voll übernommen.

Die Hamburgerin hat schon einige Rückschläge in ihrem Berufsleben hinter sich. Nach dem Fachabitur begann sie eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsleiterin. Später arbeitete sie als Krankenschwester, doch als zweifache Mutter kam sie für einen Fulltime-Job in einem Krankenhaus nicht mehr in Frage. Dann hatte sie die Idee, als Tagesmutter eine Ich-AG zu gründen. Aber das habe sich wegen der zu hohen Kosten als "reinste Katastrophe" herausgestellt. "Ich war einfach nicht gut genug informiert." Seit Mai wartet sie nun auf einen Job durch die Vermittlung der Arbeitsagentur - doch bislang vergeblich. "Bis jetzt habe ich nicht eine einzige Stelle angeboten bekommen." Eine Umschulung kommt für sie nicht in Frage. "Ich will als Krankenschwester arbeiten, weil ich diesen Job liebe."

Sie könne die Menschen, die gegen den Reformkurs protestieren, zwar verstehen, sagt Gouba: "Viele von ihnen haben zu knapsen und stehen durch die neuen Gesetze schlechter da." Aber manche hätten sich womöglich nicht genau informiert über die Änderungen. Sie sieht die Reformpolitik der Regierung als notwendig an. "Wir haben doch früher gut gelebt und sind umfassend unterstützt worden. Unser Gesundheitssystem war vorbildlich", meint sie. Doch jetzt sei der Reformkurs unabänderlich. Sie hielte es allerdings für besser, wenn die Sparmaßnahmen einkommensabhängiger eingesetzt würden. "Manager, die besser bezahlt werden, müssten zum Beispiel bei medizinischen Leistungen auch mehr zur Kasse gebeten werden." Wer mehr verdiene, solle auch dementsprechend mehr zahlen.

"Ich will vorleben, dass man arbeiten muss"

Wie Gouba leben in Deutschland rund 2,1 Millionen Männer und Frauen von Arbeitslosenhilfe. Dazu kommen rund 900.000 erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger. Mit Hartz IV haben sie ab Anfang 2005 dann unter anderem Anspruch auf den ganzen "Instrumentenkoffer" der Arbeitsagenturen, wie es Uwe Lübking, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, ausdrückt. Dazu gehören zum Beispiel Trainingsprogramme, Sprachkurse oder manchmal auch die Finanzierung des Führerscheins. Außerdem erhöhen sich auch die Freibeträge bei der Anrechnung von Vermögen sowie beim Zuverdienst. Im Fall der Arbeitsaufnahme wird befristet ein Eingliederungsgeld gezahlt.

Die Hansestadt Hamburg will durch Hartz IV nun den gemeinnützigen Einsatz verstärken. Neben der Pflege alter Menschen sollen Parks gesäubert, Straßen gefegt werden. Für Adolf Bauer, dem Präsidenten des Sozialverbandes Deutschland, ist der geplante Stundenlohn von zwei Euro "Ausbeutung".

Das sieht Franziska Harms (Name geändert) anders. Auch die 28-Jährige ist eine allein erziehende Mutter von zwei Kindern. "Ich will ihnen vorleben, dass man arbeiten muss", hat sie sich vorgenommen. Seit Juli hat die Sozialhilfeempfängerin (400 Euro pro Monat) deshalb einen vom Staat bezahlten Ein-Euro-Job. Auch sie glaubt wie Gouba an die Vorzüge von Hartz IV. Über die finanziellen Verbesserungen etwa durch erhöhte Freibeträge habe sie sich zwar noch nicht erkundigt. Aber der neue Anspruch von Sozialhilfeempfängern auf eine Vermittlung durch die Arbeitsagentur mache ihr Hoffnung: "Das ist doch auf jeden Fall ein Vorteil", meint sie.

Die junge Frau arbeitet nun 30 Stunden pro Woche als Bürokraft bei der städtischen Beschäftigungsgesellschaft "Hamburger Arbeit". Nach dem Abitur hatte sie mit 19 Jahren eine Ausbildung in einem Kindergarten begonnen, aber abgebrochen, als sie das erste Mal schwanger wurde. Der Vater der Kinder zahlt nicht einmal den Mindestsatz an Unterhalt. "Als allein erziehende Mutter einen Job zu bekommen, ist nicht einfach", hat die junge Mutter erlebt. Sie bewarb sich in Supermärkten, Videotheken, Sonnenstudios - aber immer gab es Probleme wegen der Unterbringung der sechs und vier Jahre alten Kinder.

Schließlich gelangte sie an die "Hamburger Arbeit", wo sie die Unterbringung der Kinder mit ihrer Arbeitszeit verknüpfen kann. Das gemeinnützige Unternehmen der Stadt soll langzeitarbeitslosen Sozialhilfeempfängern durch Jobs in verschiedenen Bereichen den Einstieg oder Wiedereinstieg in das Arbeitsleben erleichtern. Zurzeit arbeiten dort rund 2200 Personen befristet auf der Grundlage des Bundessozialhilfegesetzes.

Bis Mitte nächsten Jahres darf Franziska Harms noch in dem Verwaltungsgebäude im Stadtteil Marienthal arbeiten. Dann hofft sie auf ihre Chance - vielleicht als Kauffrau. Mit der Arbeitslosigkeit will sie sich nicht abfinden. Sie habe ihre Kinder zwar lieb, wolle sich auf den Spielplätzen aber nicht nur mit anderen Müttern unterhalten. "Wo soll das denn hinführen, wenn die Kinder es normal finden, dass Mama und Papa jeden Tag zu Hause sind?"

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