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04. Januar 2018, 15:54 Uhr

Kinderflüchtlinge

Sind so kleine Hände

Eine Kolumne von

Ein Drittel der minderjährigen Flüchtlinge ist in Wahrheit längst volljährig - so wird geschätzt. Trotzdem haben sich die Verantwortlichen entschieden, nicht genau hinzusehen. Warum?

Kurz nach der Bluttat in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt Kandel, bei der ein Flüchtling aus Afghanistan ein Mädchen mit einem Messer tödlich verletzte, tauchte im Netz ein Foto des Tatverdächtigen auf. Man sah darauf einen jungen Mann in einem weißen Smokinghemd mit dazu passender Fliege, die Smokingjacke hatte er über den Arm gelegt. Die eine Hand ruhte auf der Hüfte, die andere lässig auf einem Motorroller. Wer den jungen Mann auf dem Foto betrachtete, hätte spontan auf einen 18- bis 19-Jährigen getippt, der auf dem Weg zum Abiball war.

Das Alter ist für Flüchtlinge entscheidend

Wie man sich täuschen kann. Der junge Mann ist 15 Jahre alt und wurde 2002 geboren, so hat er es den Behörden erklärt, als er das Land betrat. So sagt es auch das Jugendamt, das ihn in seine Obhut nahm. Das Alter spielt bei Flüchtlingen eine große Rolle. Man kann sogar sagen, es ist für den künftigen Verlauf des Lebens in Deutschland eine entscheidende Größe.

Wer ohne Eltern oder Verwandte einreist und beim Grenzübertritt angibt, noch nicht volljährig zu sein, hat Anspruch auf besondere Betreuung. Er kommt nicht in eine Flüchtlingsunterkunft, sondern wird in einer Einrichtung untergebracht, die auf die Bedürfnisse von Minderjährigen ausgerichtet ist. Ihm stehen spezielle Förderprogramme zur Verfügung. Er wird eine Schule besuchen und erhält, wenn es sein muss, psychologische Hilfe. Das alles ist nicht ganz billig. Bis zu 3000 Euro gibt der Staat im Monat für einen minderjährigen Flüchtling aus, damit er sich hier gut entwickelt. Auch eine Abschiebung ist deutlich erschwert. Selbst ernste Delikte führen in der Regel nicht zu einer Ausweisung, da bei Kindern und Jugendlichen besondere Schutzvorschriften gelten.

Der Messerstecher aus Kandel ist nicht der einzige UMA, wie unbegleitete minderjährige Ausländer im Behördenjargon heißen, bei dem es Zweifel an seiner Altersangabe gibt. In Freiburg steht ein junger Afghane wegen Mordverdachts vor Gericht, der sich bei Ankunft in Deutschland vor zwei Jahren als 17-Jähriger ausgab. Tatsächlich ist er mindestens 23 Jahre alt, wie man heute weiß. Der Vater, den man zwischenzeitlich ausfindig machte, gab an, sein Sohn sei 1984 geboren. Dann wäre er zum Zeitpunkt der Einreise nach Deutschland sogar schon 31 gewesen.

Man sollte meinen, dass es nicht so leicht ist, sich mal eben sechs oder auch zehn Jahre jünger zu mogeln, wenn man um Asyl nachsucht. Die Asylverfahren gelten als streng, die Flüchtlingsorganisationen beklagen regelmäßig die übermäßige Härte der Behörden. Aber wie es aussieht, versagen beim Alter die Kontrollen. Hier verlässt man sich aus einem unerfindlichen Grund meist auf Treu und Glauben.

Es würde vieles erleichtern, wenn man sich auf einen Pass stützen könnte. Auch Pässe können gefälscht werden, sicher. Vermutlich zählt das Geburtenregister in Afghanistan nicht zu den zuverlässigsten der Welt. Aber immerhin hätte man einen Anhaltspunkt, dass die Angaben zum Geburtstag nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Leider führen viele Flüchtlinge keine Papiere mit sich, wenn sie die Grenze übertreten. In einem Kommentar in der "Süddeutschen" habe ich die abenteuerliche Zahl von 50 Prozent an Flüchtlingen gelesen, die seit 2015 ins Land kamen, ohne irgendein Ausweisdokument vorweisen zu können.

Nicht jedem Flüchtling einen Zahn ziehen

Man kann das Alter auch ohne Pass schätzen, so ist es nicht. Eine Methode ist eine Analyse der Zähne. Wie bei Jahresringen von Bäumen gibt es dort Ablagerungen, anhand derer sich relativ zuverlässig auf das Alter schließen lässt. Der junge Afghane, der sich jetzt in Freiburg wegen des Mordes an einer Studentin verantworten muss, hatte in seinem Zimmer einen gezogenen Eckzahn aufbewahrt, den die Polizei bei einer Hausdurchsuchung fand. Da nützen alle Beteuerungen nichts mehr, er sei in Wahrheit ein Kind.

Nun kann man nicht jedem Flüchtling einen Zahn ziehen. So eine rabiate Methode hielte sogar ich für unangemessen. Aber es gibt andere Verfahren zur Altersfeststellung, die erprobt und deutlich weniger belastend sind. Man kann zum Beispiel die Handwurzelknochen untersuchen, ein schmerzloser Eingriff, der ebenfalls Auskunft gibt, ob die Volljährigkeit erreicht wurde.

Die Mittel liegen vor, aber sie werden nicht regelmäßig eingesetzt. Eine Handwurzeluntersuchung geht nicht ohne eine Röntgenaufnahme. Die aber gilt vielen engagierten Menschen als eine Verletzung der Unversehrtheit des Körpers. Man sollte meinen, dass eine Röntgenuntersuchung nichts ist verglichen mit den Strapazen, die den Asylantrag begründen. Jedes Kind in Deutschland erlebt Gefahrvolleres als eine Röntgenuntersuchung. Doch so liegen die Dinge nicht, wenn es ums Ausländerrecht geht. Das Ergebnis ist, dass auch der 23-Jährige als 17-Jähriger durchgeht. Man habe sich auf den Augenschein verlassen, erklärte der zuständige Mitarbeiter des Jugendamtes in Freiburg vor Gericht. Weitere Untersuchungen seien nicht vorgesehen gewesen.

Der Höhepunkt der Flüchtlingskrise liegt über zwei Jahre zurück, doch noch immer sind die zuständigen Institutionen nicht in der Lage oder nicht willens, für ein Mindestmaß der Ordnung zu sorgen, wie man sie als Bürger schon bei der geringfügigsten Geschwindigkeitsübertretung antrifft. Es gibt Schätzungen, wonach ein Drittel der minderjährigen Flüchtlinge in Wahrheit längst die Grenze zur Volljährigkeit überschritten hat. Genau weiß man es nicht, wie ja überhaupt vieles im Dunklen liegt, wenn es um Einwanderung geht. Manchmal frage ich mich, warum man als Bürger einer Regierung glauben soll, die erkennbar den Überblick verloren hat.

Vor zwei Tagen hat das Jugendamt in Kandel seine Einschätzung der Altersangabe des jungen Mannes noch einmal bekräftigt. "Eine Volljährigkeit wird derzeit von allen Beteiligten ausgeschlossen", hieß es in einer Mitteilung des zuständigen Kreises. Man wird sehen, was von dieser Versicherung zu halten ist. Das Gericht wird bei einem Prozess nicht umhinkommen, eine forensische Untersuchung anzuordnen, um die Strafmündigkeit des Angeklagten festzustellen.

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