Altkanzler bei der Jungen Union Jubelsturm um das Denkmal Kohl

Zum ersten Mal seit sieben Jahren war Altkanzler Helmut Kohl wieder auf einem Deutschlandtag der Jungen Union. Der Nachwuchs von CDU und CSU feierte ihn frenetisch – und Kohl revanchierte sich mit einer Geschichtsstunde.

Berlin - Sie wollen gar nicht mehr aufhören mit dem Klatschen. Sie halten Plakate hoch, auf denen in weißer Schrift auf schwarzem Grund zu lesen ist: "Danke für Europa" und "Danke für die Einheit". Helmut Kohl schiebt sich durch die Menge in der Weser-Ems-Halle in Oldenburg, schüttelt Hände, manche vom Nachwuchs sind sogar auf die Tische gestiegen. Zum ersten Mal seit 1997 ist der Altkanzler wieder auf einem Deutschlandtag der Jungen Union (JU), dazwischen liegt die Niederlage der Bundestagswahl und die von ihm verursachte Spendenaffäre. Das Verhältnis zu manchem im JU-Bundesvorstand war nicht so, dass man ihn unbedingt wieder so schnell sehen wollte. Vergessen, vergeben.

Jetzt spielen sie das Lied "Eye of the Tiger" von der Gruppe "Survivor" und das ist Kohl auf seine Art ja auch. Einer, der die Stürme überlebt hat und wieder angekommen ist in der Partei. Die CDU hat sich mit ihm versöhnt, seit langem schon. Im Sommer ist der 74-Jährige durch Städte getourt, hat geworben im Europawahlkampf und wo er damals vor Anhängern auftrat - ob in Saarbrücken mit Angela Merkel oder in Berlin - wurde er bestaunt, umjubelt.

Im niedersächsischen Oldenburg erfährt die Huldigung eine Steigerung, die 290 Delegierten und die Gäste rufen "Helmut, Helmut", und irgendwann beginnen sie sogar zu singen, ein Schlachtruf ertönt wie im Fußballstadion: "Wir haben ein Idol - Helmut Kohl".

Dem früheren CDU-Vorsitzenden ist, kaum auf dem Podium angekommen, die Rührung anzumerken, er muss aufstehen und sich wieder setzen und seine Gesten zu den Jungen im Saal doch bitte schön aufzuhören, werden einfach übergangen. Fünf, sechs Minuten dauert das Schauspiel. Philipp Mißfelder, mit einem der besten Ergebnisse in der Geschichte der JU als Bundesvorsitzender wieder gewählt, steht am Pult und sagt Sätze wie aus dem Lehrbuch für Parteiverehrungen: "Wir sagen Danke für eine glückliche Kindheit und dass wir in Frieden aufwachsen konnten."

Mißfelder ist mit 14 dem Jugendverband, heute mit 127.000 Mitgliedern der größte in Europa, beigetreten - wegen Helmut Kohl, wie der heute 25-Jährige bekennt. Dann flimmert ein Video über die Leinwand, es ist ein Kurzritt durch die Geschichte der Bundesrepublik, Ruinen, Berliner Blockade, Adenauer, Erhard, Wirtschaftsaufschwung, Volksaufstand in der DDR, Mauerbau, Kohls Regierungsantritt 1982, Mauerfall, das Ehepaar Kohl mit den Clintons. Am Vortag hat Merkel in derselben Halle gesprochen - auch für sie wurde es ein seelisches Aufbauprogramm.

Kohl und die CSU

Die JU zeigt sich an diesem Wochenende nach außen hin so, wie es CDU und CSU zurzeit nicht sind: geschlossen. Kohl geht in seiner Rede mit keinem Wort auf den laufenden Streit der Schwesterparteien ein. Er merkt nur an, dass er, als er an den bayerischen JU-Delegierten vorbeigezogen sei, daran habe denken müssen, dass er mit dem damaligen CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß auch nicht immer eine "Liebesehe" geführt habe. Kohl spricht von "meiner Partei", von "CDU und CSU", die ihm "in kritischen Situationen" geholfen habe.

In der Opposition zu sein, sagt er, sei ein "schwieriges Geschäft", das müsse man "einfach hinter sich bringen", man müsse "Antworten auf die Fragen der Zeit entwickeln". Er glaube daran, dass die Union die kommenden Bundestagswahlen gewinnen werde, ruft er in den Saal.

Der Rückblick in die Achtziger

Es sind dies die wenigen aktuellen Bezüge, die Kohl zur Lage von CDU und CSU herstellt. Lieber spricht er über die Vergangenheit. Er ist jetzt eine Art "Elder Statesman" der Union - einer Partei, die im kommenden Jahr 60 Jahre alt wird. Kohl hat wesentliche Teile der Geschichte dieser Partei miterlebt - und mitgeprägt. Die Jungen erinnert er an die Wurzeln, an die Gründer, die aus dem Widerstand gegen das NS-Regime kamen, an ihr Erfolgsmodell als "die deutsche Volkspartei der Mitte", an die europapolitischen Leistungen und Verpflichtungen: "Wir müssen uns da von niemanden belehren lassen."

Für die Generation im Saal, die in den siebziger und achtziger Jahren Geborenen, ist Kohl schon längst ein Mann der Geschichte. Oder wie er es selbst formuliert: "Meine Epoche war das 20. Jahrhundert, Ihre wird das 21. sein." Manches aus der Vergangenheit wird in mildes Licht getaucht. Für die Sozialdemokraten Willy Brandt und Helmut Schmidt findet Kohl lobende Worte. Er erkennt an, dass die Union nur zögerlich und unter Kämpfen der Ostpolitik Brandts gefolgt sei.

Nur für die Akteure von Rot-Grün in Berlin hat der Historiker Kohl lediglich Spott übrig - für den Außenminister der während der Auseinandersetzungen um den Nato-Doppelbeschluss in den achtziger Jahren mit seinen politischen Freunden "durch die Straßen getobt" sei, vom Kanzler der sich gebärde wie eine Figur "zwischen Bismarck und Churchill". Nein, von Geschichte verstünden sie "nichts".

Kohl, so scheint es, ist ganz bei sich. Für die Jungen im Saal, die ihn gefeiert haben wie es wohl kaum noch in der Republik vorkommen würde, hat er, der 1947 die Junge Union in seiner Heimat mitgründete, dann noch einen Wunsch parat. Sie sollten bei allem Engagement doch nie vergessen, dass sich "außerhalb unserer Partei ein entscheidender Teil des Lebens unseres Volkes abspielt".

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