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Helmut Kohl: Der abwesende Vater

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Altkanzler Kampf um Helmut Kohl

Helmut Kohl spaltet auch Jahre nach seinem Abgang. In Dresden wird um das erste Denkmal für den Einheitskanzler gestritten, der Sohn legt ein bewegendes Buch über das Zerwürfnis mit dem Vater vor. Der Alte schweigt zu alldem - wie lange noch?

Berlin - Er gehört mittlerweile zum Inventar der Bundesrepublik. Einheitskanzler und großer Europäer für die einen. Illegaler CDU-Spendensammler und emsiger Strippenzieher für die anderen.

Helmut Kohl

ist keiner, der die Menschen kalt lässt. 16 Jahre hat er die Republik regiert, viele der Jüngeren sind zu seinen Zeiten politisiert worden - in die eine oder andere Richtung.

Noch als 80-Jähriger spaltet er die Öffentlichkeit. Wie jetzt in Dresden, wo CDU und FDP ihm als erste deutsche Stadt ein Denkmal setzen wollen - für seine Rede im Dezember 1989, vor Hundertausenden von DDR-Bürgern. Eine Gedenktafel oder eine Stele ist im Gespräch. Doch SPD, Grüne und Linke sind dagegen. Der örtliche SPD-Fraktionschef Peter Lames sagt: Seine Partei wolle nicht, dass Dresden die erste deutsche Stadt mit einem Kohl-Denkmal werde.

Kohl mag das als kleinliche Provinzposse abtun. Er hat anderes überstanden.

Viel schwerer dürfte ihn treffen, was sein Sohn Walter in diesen Tagen vorlegt. Ein Buch, das eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung beschreibt. In "Leben oder gelebt zu werden" geht es um einen Mann, der fast immer abwesend war. Das ist kein Einzelfall - in der Generation Walter Kohls, Jahrgang 1963, ist der abwesende Vater keine Ausnahme, sondern die Regel.

Hannelore

Nur - Kohl war nicht der Mann von nebenan, er war der CDU-Politiker aus Rheinland-Pfalz, der den Aufstieg an die Spitze nahm und stets darauf bedacht war, sein Familienleben zu inszenieren, mit Urlaubsfotos vom Wolfgangsee, an der Seite seiner damaligen Ehefrau und der Söhne Walter und Peter in trauter Eintracht. Es waren Bilder einer scheinbar heilen, intakten bürgerlichen Welt.

Der abwesende Vater

Doch genau diese Bilder hat ausgerechnet sein Sohn Walter, der erstgeborene, mit einem intimen Buch angekratzt. Und zwar zu Lebzeiten des Vaters - nicht wie Lars Brandt, einer der Söhne des Altkanzlers Willy Brandt, der erst nach dem Tode seines Vaters über seine schwierige Beziehung ein Buch schrieb, das die Kritiker hoch lobten.

CDU

Walter Kohl hat nicht abgewartet. So wirkt das Buch wie eine doppelte Botschaft: An die Öffentlichkeit und an den abwesenden Vater. Es sind bemerkenswerte, ja bewegende Schilderungen, die sich in Walter Kohls Buch finden, das diese Woche auszugsweise im "Focus" erschienen ist. Sie entkleiden all die Sentimentalitäten, die Helmut Kohl einst über die Familie verbreitete. "Für meinen Vater war und ist die Politik seine eigentliche Heimat. Seine wahre Familie heißt , nicht Kohl. Er fühlte sich in einem archaischen Sinne als der Clanchef eines Stammes, der sich CDU nennt. Irgendwann verschmolzen in seiner inneren Wahrnehmung die Partei und er zu einem Ganzen", heißt es dort. Es sind harte Sätze, die wohl jeden Vater schmerzen würden.

Der Sohn erlebte einen Vater, der kaum da war, der Vielbeschäftigte verzieht sich nach den Mahlzeiten in Oggersheim meist ins Arbeitszimmer, hat kaum Zeit, um sich seinen Kindern zu widmen. "Jeder Junge wünscht sich einen Vater, mit dem er gemeinsam die Welt erkunden kann, der mit ihm zelten geht oder Fußball spielen. Jeder Junge wünscht sich einen Vater, der auch für ihn da ist. Ich habe es nicht geschafft, meinen Vater zu erreichen", schreibt er.

Bedrückend sind die Schilderungen einer Kindheit im Hochsicherheitsbereich, abgeschirmt von der Wirklichkeit jener Jahre, in denen der Terror der RAF deutsche Spitzenpolitiker und Wirtschaftsmanager bedrohte. Walter Kohl wollte, wie viele heranwachsende Jugendliche, nur eines: irgendwann sein eigener Herr sein - er konnte es nicht. Darüber gerieten sie oft in Streit: "Mein Vater hielt mir oft vor, ich verstünde nicht, welche Vorteile ich aufgrund meiner Herkunft hätte. Ich aber wollte gar keine Vorteile - ich wollte einfach nur so sein dürfen wie andere Gleichaltrige."

"Willst du die Trennung?"

Walter Kohls Buch ist auch das Dokument einer immer stärkeren Entfremdung. Den Selbstmord der Mutter, die an einer unheilbaren Lichtkrankheit litt, übermittelte ihm im Juli 2001 nicht Helmut Kohl, sondern dessen Büroleiterin Juliane Weber. "Mein Vater war nie besonders gut darin, wichtige Familiennachrichten zu überbringen", schreibt er in einem anderen Zusammenhang - über das spätere Zusammenleben mit seiner heutigen Ehefrau Maike. Auch das wird dem Sohn nur per Telegramm übermittelt, die Trauung findet dann ohne die Söhne statt, die Nachricht erreicht sie über Deutschlands größte Boulevardzeitung. Der Sohn schildert, wie Kohl auch im privaten Leben die Probleme am liebsten aussaß - dort also dem öffentlichen Mann so sehr glich, der Probleme in seiner Koalition oft vor sich her schob.

Walter Kohls Buch ist auch ein Buch über den langsamen Zerfall einer Familie nach dem Tode der Mutter, die, wie in vielen Familien in Deutschland, das Zentrum bildete. Er schildert schonungslos offen seine anschließenden Depressionen, seine Pläne, sich ebenfalls umzubringen - die Verantwortung für seinen kleinen Sohn hielt ihn schließlich davon ab.

Wolfgang Schäuble

Spendenaffäre

Kohl hat viele Menschen in seinem Leben enttäuscht. Jüngst schilderte noch einmal , heute Bundesfinanzminister und einst sein Kronprinz in der CDU, wie er mit ihm in der brach. Kohl hat Schäuble vergangenes Jahr, auf dem Einheitsgeburtstag der CDU, mit versöhnlichen Worten bedacht. Schäuble aber sagt in einem ARD-Film, der diese Woche ausgestrahlt wurde: "Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben."

Walter Kohl aber ist kein Partei-Gefolgsmann, der Helmut Kohl einfach ablegen kann. Er habe mit ihm seinen Frieden gemacht, schreibt er. Es klingt wie eine Selbstvergewisserung. Dabei ist nichts gut. Beide haben keinen Kontakt mehr. Nach der Heirat mit der neuen Frau kommt es zum Bruch. "Auf meine direkte Frage: 'Willst du die Trennung?', antwortete er mir knapp mit 'Ja!' - damit waren für mich alle weiteren Interpretationsmöglichkeiten ausgeschlossen", schreibt er.

Walter Kohl hatte bereits vor seinem Buch Interviews gegeben, in denen er das schwierige Verhältnis anklingen ließ. Das verzieh Helmut Kohl ihm nicht: "Für ihn stellte und stellt es sich wohl so dar, dass ich ihn verraten habe, indem ich öffentlich sprach. Wenn es noch eines weiteren Anlasses bedurft hätte, dann war er jetzt gegeben: Ich durfte kein Kohlianer mehr sein. Die Würfel waren gefallen."

Helmut Kohl hat sich zu dem Buch seines Sohnes nicht geäußert - bislang. Er will es offenbar aussitzen. Da bleibt er sich, wieder einmal, treu.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.