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09. September 2013, 18:13 Uhr

Wahlkampfhilfe für FDP

Kohls Überraschungscoup

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Die Liberalen erhalten Schützenhilfe vom Altkanzler: Helmut Kohl lässt sich zusammen mit den FDP-Spitzen Rainer Brüderle und Philipp Rösler ablichten und lobt den Spitzenkandidaten des Koalitionspartners. Die indirekte Zweitstimmenwerbung könnte der Union noch gefährlich werden.

Berlin - Helmut Kohl hat 16 Jahre lang mit der FDP koaliert. Manchmal hat es zwischen ihm und den Liberalen gekracht, oft haben sich die Liberalen auf Kosten der Union - vor allem der CSU - profilieren können, wie der Altkanzler in seinen Memoiren feststellt. Doch Kohl wusste, was er an den Liberalen hatte: Bis zum bitteren Ende 1998 blieben CDU/CSU und der kleinere Partner treu zusammen.

Im Jahr 2013 wünscht sich Kohl eine Fortsetzung des schwarz-gelben Bündnisses. Vier Jahre sind ihm nicht genug. Zwei Wochen vor dem entscheidenden Urnengang im Bund hat der CDU-Politiker via "Bild"-Zeitung eine Botschaft ans bürgerliche Lager gesandt: Kohl ließ sich mit FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle und FDP-Chef Philipp Rösler ablichten. Das Bild, aufgenommen im Garten des Kohl-Bungalows in Ludwigshafen, ist ein Überraschungscoup. Ohne dass der Altkanzler das Wort von der "Zweitstimmenkampagne" für die FDP in den Mund nimmt, ist es genau das - ein Zweitstimmenaufruf für die FDP.

"Ihre Auftritte im Wahlkampf gefallen mit sehr. Dies gerade auch deshalb, weil Sie immer wieder auch von den Werten reden, die unsere bürgerliche Politik immer ausgemacht haben und heute noch ausmachen", schmeichelt der 83-jährige Kohl dem 68-jährigen Brüderle. Das Lob ist ein Hinweis für das bürgerliche, vor allem ältere Wahlpublikum, nach dem Motto: Geht an die Urne und wählt im Zweifelsfall auch Brüderle!

Kohl und Brüderle - ein Paar aus der Pfalz. Die beiden kennen sich, man habe "regelmäßig" Kontakt miteinander, sagt der FDP-Politiker am Montag in der FDP-Parteizentrale in Berlin, wo das neueste Plakatmotiv vorgestellt wird. Im Großformat warnt Brüderle nicht nur vor Rot-Rot-Grün ("Starkes Deutschland statt Rot-Rot-Grün. Nur mit uns"), sondern wirbt auch für die FDP-Zweitstimme.

Wer das Treffen mit dem früheren CDU-Chef und Kanzler einfädelte, darüber schweigt sich Brüderle aus. Vom Büro Kohl hieß es: Der Besuch Brüderles und Röslers sei der "gemeinsame Wunsch von Helmut Kohl und den beiden liberalen Spitzenpolitikern" gewesen, "um für die Bundestagswahl am 22. September ein klares Signal zu setzen für die Fortsetzung der erfolgreichen schwarz-gelben Koalition".

Dass die FDP die Hilfe des Altkanzlers in Anspruch nimmt, ist ungewöhnlich. Aber offenbar notwendig: In Umfragen kommen die Liberalen nur auf Werte zwischen 4 und maximal 6,5 Prozent.

Die FDP muss am 22. September deutlich mehr in die Waagschale werfen, um eine Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition zu ermöglichen. Ein Ausweg: wenn CDU/CSU- (und auch FDP-Wähler) sich entscheiden, ihre Stimmen zu splitten - Erststimme für einen Unions-Direktkandidaten im jeweiligen Wahlkreis, die Zweitstimme für die FDP. Das Problem dabei: Die Strategie ginge zu Lasten der Union.

Keine Stellungnahme von Unionspolitikern

Die Union wirbt schließlich mit dem Satz: "Die Zweitstimme ist die Merkel-Stimme". Das Treffen des Altkanzlers mit den FDP-Politikern hat in den Reihen der Union für Überraschung gesorgt. Mehrere prominente CDU-Politiker, die SPIEGEL ONLINE um eine Stellungnahme bat, wollten sich nicht zu dem Vorgang äußern. "Kommentiere ich nicht", simste ein früherer Kohl-Vertrauter zurück.

Hat der Altkanzler seinen Termin mit der Kanzlerin abgesprochen? Aus dem Kohl-Büro hieß es dazu, man bitte "um Verständnis, dass der Herr Bundeskanzler derartige Fragen als persönliche Angelegenheit betrachtet und nicht beantwortet".

Kohls Einsatz zugunsten der FDP ist nicht ohne Risiko für die Union. In Niedersachsen ging das Manöver einer (versteckten) Zweitstimmenkampagne zuletzt daneben - Röslers FDP-Landesverband landete überraschend bei 9,9 Prozent. Und die CDU unter Ministerpräsident David McAllister scheiterte an wenigen hundert Stimmen. Schwarz-Gelb musste Rot-Grün Platz machen.

Bei der Union ist man alarmiert

Die Union muss gewarnt sein. In CDU/CSU ist man ohnehin alarmiert, seitdem SPD-Herausforderer Peer Steinbrück im TV-Duell mit Angela Merkel aufholen konnte. Auch die Anti-Euro-Partei AfD bereitet Kopfschmerzen - sie ist die große Unbekannte und könnte am Ende einen Erfolg des bürgerlichen Lager verhindern. Man dürfe sich nicht von guten Umfragewerten einschläfern lassen, hat CDU-Vize Armin Laschet in diesen Tagen seine Partei gewarnt: "Man kann ein Spiel auch noch in der letzten Minute verlieren."

Auch Merkel weiß um die Stimmungslage. Auf einer Großveranstaltung in Düsseldorf rief sie am Wochenende: "Viele denken vielleicht, die Wahl ist schon gelaufen." Ihr Generalsekretär Hermann Gröhe sagt es deutlicher: Wer Steinbrück wähle, könne aufwachen mit Jürgen Trittin von den Grünen und Sarah Wagenknecht von der Linken. "Zweitstimme ist Merkel-Stimme", so Gröhe in diesen Tagen.

In der FDP-Bundeszentrale wird Brüderle gefragt, ob Kohls Auftritt mit ihm und Rösler als "unfreundlicher Akt" gegenüber der Kanzlerin zu werten sei? Deren Verhältnis gilt schließlich als kühl. "Überhaupt nicht", sagt Brüderle, der Termin des Altkanzlers sei doch "völlig legitim".

Und mit einem Unschuldsgesicht, wie es Brüderle manchmal zu eigen ist, fügt er hinzu, Kohl habe in dem Artikel ja an keiner Stelle gesagt, "Zweitstimme für die FDP".

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