Altkanzler Kurz mal Gesicht zeigen

Gerhard Schröder übernimmt in Berlin die Schirmherrschaft der Aktion "Gesicht zeigen!", die sich gegen Antisemitismus einsetzt. Doch öffentliche Auftritte plant der Altkanzler nicht - mit einer Ausnahme.
Von Moritz Küpper

Berlin - Den ersten Auftritt in seiner neuen Funktion hatte er noch vor der offiziellen Präsentation: "Bitte einmal Gesicht zeigen", riefen die Fotografen, als Gerhard Schröder mit umgehängtem Jackett die Treppe des ehemaligen Staatsratgebäudes in Berlin hochstieg. "Und was für eins", sagte Gerhard Schröder, stellte sich vor die Poster der Initiative "Gesicht zeigen!" und lächelte breit in die zahlreichen Fernsehkameras und Fotoapparate. Fünf, sechs Sekunden, dann zog der Tross mit Schröder an der Spitze weiter, in einen Hörsaal "European School of Management and Technology". Hier wurde der Alt-Bundeskanzler als Nachfolger des verstorbenen Johannes Rau als neuer Schirmherr des Vereins "Gesicht Zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland" vorgestellt.

Der erste öffentliche Auftritt des ehemaligen Kanzlers seit langem, wurde zum Spektakel - was Schröder sichtlich genoss: "Ihr seid netter geworden", rief er den altbekannten Gesichtern der Hauptstadtjournalisten entgegen, dann setzte er sich neben seineb ehemaligen Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, der die Initiative im Jahre 2000 zusammen mit dem ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, und Michel Friedmann gegründet hatte. Neun Kamerateams filmten, unzählige Fotografen knipsten. Der Hörsaal war voll, die Leute mussten stehen - ein ungewohntes Bild für einen Hörsaal einer privaten Hochschule.

Zeit zum Reflektieren

Natürlich war Schröder nach seiner Abwahl im September 2005 noch in der Öffentlichkeit präsent: Dafür sorgten allein seine Nebenjobs beim Rinigier-Verlag und dem russischen Ölprimus Gazprom. Im Dezember vergangenen Jahres hatte Schröder per Videobotschaft an die Entführer Susanne Osthoffs appelliert. Doch ansonsten war es ruhig um den einstigen "Medienkanzler" geworden - der Stadionbesuch in Hannover war reine Privatsache.

Ob er nun weitere öffentliche Auftritte plane, wurde Schröder gefragt, ob er dem Motto der Stiftung nachkommen und in Zukunft Gesicht zeigen werde? "Ich habe nicht vor, weitere öffentliche Auftritte zu machen", sagte Schröder, "es gibt aus gutem Grund eine Zeit, in der man reflektieren sollte, was man getan hat". Das betreffe auch seine Partei, der er in diesem Jahr nicht für Wahlkämpfe zur Verfügung stehen werden - mit einer Ausnahme: "Im Kommunalwahlkampf in meiner Heimatstadt Hannover werde ich am nächsten Montag statt einer Wahlkampfspende Künstler einladen", sagte Schröder. "Das wird mein einziger partei-politischer Auftritt sein, aber ich schließe eine Rückkehr für die Zukunft nicht aus." Er guckt erwartungsvoll in die Runde, lacht - und schiebt nach: "Das ist keine Drohung."

"Potente Freunde"

Auch in seiner neuen Funktion wird Schröder nicht in der Öffentlichkeit auftreten. Er solle dem Verein vielmehr "potente Freunde" zuführen, sagte Heye. "Ich halte es für ein bedeutendes Thema", machte Schröder klar, er wolle die bisherigen Verdienste der Initiative und die durch die Fußball-Weltmeisterschaft entstandene "völlig neue Sichtweise auf Deutschland" fortschreiben. Heye erinnerte daran, dass es Schröder war, der vor rund sechs Jahren zu dem "Aufstand der Anständigen" aufgerufen hatte. Schröder revanchierte sich und zeigte Verständnis für die Warnungen Heyes vor der Fußball-WM, wonach dunkelhäutige Gäste bestimmte Gegenden in Brandenburg besser meiden sollten: "Heye muss sich nicht entschuldigen."

Den Fragen nach dem aktuellen Geschehen wollte der Altkanzler aus dem Weg gehen: "Wenn Sie meinen, dass ich hier zu innenpolitischen Fragen Stellung nehme, dann irren Sie", sagte Schröder, und äußerte sich stattdessen zum Rücktritt des Bundestrainers: "Ich gehöre zu denen, die von Anfang an an Klinsmann und seine Jungs geglaubt haben. Insofern bedauere ich diese Entscheidung, kann sie aber respektieren, weil sie eine persönliche Entscheidung ist." Die Frage nach dem Integrationsgipfel im Kanzleramt nahm er - trotz aller Zurückhaltung - dann doch dankbar auf: "Ich hoffe, dass dieser Gipfel das Thema voranbringen kann. Das ist auch der Wunsch der Teilnehmer und das kann ich nur begrüßen", sagte Schröder - Gerhard Schröder, der Schirmherr und nicht der Politiker.

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