Altkanzler auf Tour Schröder macht Griechenland zum Wahlkampfthema

Angela Merkel will einfach nicht schwächeln, jetzt soll es Gerhard Schröder für die SPD richten. Bei seinem ersten Wahlkampfauftritt knöpft der Altkanzler sich die Griechenland-Politik seiner Nachfolgerin vor - ein kerniger Auftritt.
Altkanzler auf Tour: Schröder macht Griechenland zum Wahlkampfthema

Altkanzler auf Tour: Schröder macht Griechenland zum Wahlkampfthema

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP

Diese Störer kommen ihm gerade recht. Sie pfeifen, sie trillern, sie schimpfen, auf Hartz IV und die Agenda. Gerhard Schröder soll jetzt etwas sagen, zur SPD und zur Kanzlerin. Aber er widmet sich lieber erst einmal den Krachmachern. "Die paar Pfiffe", sagt er. " Die betrachte ich als Begrüßung". Lacher. Die Störer sind vorerst ruhiggestellt.

Nein, schlechte Stimmung soll hier gar nicht erst aufkommen an diesem Nachtmittag. Sicher, die Lage der Sozialdemokraten könnte besser sein, Angela Merkel will einfach nicht schwächeln. Aber was soll's. Sind ja noch vier Wochen. Schröder, gut gebräunt, ist mit Peer Steinbrück ins lippische Detmold gekommen, die Bühne ist rund, das Wetter ist gut, der Platz in der Innenstadt ist voll. 4500 Menschen sind gekommen.

Siegerpose, ein paar Autogramme, Lächeln für die Kameras. "Wir sind viele", ruft Schröder. "Weil der Eintritt frei ist. Die Lipper kommen überhaupt nur, wenn der Eintritt frei ist." Wieder so ein Spruch.

Schröder soll dem Wahlkampf der Genossen einen Ruck geben, mit ihm soll die Aufholjagd beginnen. Davon jedenfalls träumen sie in der SPD. Es ist nur der erste von etlichen Auftritten, die der Altkanzler in den kommenden Wochen absolviert. Schröder ist raus aus der Politik, er hat sich weitgehend verabschiedet aus dem alltäglichen Parteienstreit. "Es ist etwas ruhiger geworden um mich, das ist ja auch nicht so schlecht", sagt er. Aber immer dann, wenn es etwas zu wählen gibt, taucht er auf. Er liebt den Kitzel der Polit-Manege.

"Möglicherweise hatte Merkel die falsche Brille auf"

In Detmold spricht er nur ein paar Minuten. Genug, um die anwesenden Sozialdemokraten ein Stück weit aufzurichten. Umfrageflaute? Unbesiegbare Kanzlerin? Alles Unsinn.

"Vorsicht", ruft er. "Es sind noch vier Wochen Zeit." Damals, in seiner Kanzlerschaft, sei er auch immer als chancenlos beschrieben worden. Er habe Steinbrück deshalb einen Rat mitgebracht, sagt Schröder, eine "Philosophie". Sie sei "nicht von Parteigremien und von schlauen Werbeleuten" gemacht, sondern von einem Schriftsteller. Dann ruft er in Anlehnung an Heinrich Heines Gedicht dem Kanzlerkandidaten zu: "Schlage die Trommel und fürchte dich nicht."

Man kann das durchaus als freundliche Aufforderung an seine Partei verstehen, im Wahlkampf ein wenig mehr Krach zu machen, ein wenig zuversichtlicher, selbstbewusster durch den Wahlkampf zu schreiten. Er schlägt deshalb vorsichtshalber selbst mal die Trommel. Gegen die Bundesregierung, versteht sich. Die habe in den vergangenen Jahren nichts bewegt. Keine Reformen, keine Investitionen, stattdessen Betreuungsgeld. "Das ist ein Stück zurück in die Kohl-Jahre", ruft er. Jubel.

Zur Europapolitik hat Schröder auch ein paar Sätze mitgebracht. Zufall ist das nicht. Am Mittag hatte Wolfgang Schäuble, der Finanzminister, ein drittes Hilfspaket für Griechenland angedeutet. Eine Steilvorlage.

Die Kanzlerin, so Schröder, habe doch erst kürzlich gesagt, dass sie ein solches Hilfspaket nicht sehe. "Möglicherweise hat sie die falsche Brille aufgehabt", ruft er. "Mit Vertuschen und Verschleiern gewinnt man kein Vertrauen des Volkes, sondern nur mit Klartext." Bei den Kosten der Euro-Krise, so der Altkanzler, werde die "ganz große Lüge" vorbereitet. Ein Ex-Regierungschef, der seine Nachfolgerin der Lüge bezichtigt? Das ist höchst ungewöhnlich unter Kanzlern.

Auch Steinbrück kontert Störer

In der Partei wird man Schröders Worte zu Griechenland aufmerksam registrieren. Bei aller Distanz, die viele Sozialdemokraten inzwischen zu dem 69-Jährigen und seinen Tätigkeiten außerhalb der Landesgrenzen haben - seine Wahlkämpfe sind in guter Erinnerung. Wenn er ein Thema aufgreift, kann es nicht falsch sein, genauer hinzusehen. Man darf davon ausgehen, dass in den kommenden Tagen ähnliche Äußerungen von Spitzengenossen die Runde machen werden.

Es ist ein kerniger Auftritt des Altkanzlers. Aber er zieht ihn nicht unnötig in die Länge. Steinbrück ist schließlich auch noch da. Der Kandidat hat den anspruchsvolleren Part übernommen. Er muss sich mit dem Publikum auseinandersetzen, etliche Fragen beantworten. Weil er glücklicherweise schon x-mal in dieser von einem weißen Zeltdach überspannten Arena aufgetreten ist, geht nichts schief.

Das ist ja dieser Tage durchaus eine Nachricht in der SPD. Am Wochenende feierten die Sozialdemokraten in der Hauptstadt ihren 150. Geburtstag. Das verlief ganz gut. Aber seitdem sorgen sie mal wieder für schlechte Nachrichten. In der Finanzpolitik hat sich die SPD-Spitze verkalkuliert, indem sie plötzlich auch Steuersenkungen ins Spiel bringt.

Das weiß auch Steinbrück , aber hier, einige hundert Kilometer Richtung Westen, wirkt das alles weit weg. Er spricht über seine Reformvorstellungen, den Kampf gegen die Steuerflucht, den Ausbau der Kinderbetreuung. Ein Standardauftritt, aber bei den Leuten kommt er an. Auch von den Hartz-Gegnern, die wieder angefangen haben zu pfeifen, lässt er sich nicht stören. "Pfeifen passen manchmal zu Pfeifen", sagt er. Lautes Johlen.

Wenn es doch nur immer so einfach wäre.

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