Amerikas neue Feinde Warum eine Deutsche nicht in die USA reisen darf

Die Anti-Terror-Politik der Vereinigten Staaten führt zu immer skurrileren Ergebnissen. Seit Monaten hatte sich die Redakteurin und ehemalige RAF-Anhängerin Astrid Proll vergeblich um ein Visum für die USA bemüht, um ihre schwerkranke Mutter in San Francisco zu besuchen. Selbst zur Beerdigung durfte sie nicht einreisen.

Berlin - Astrid Proll, 57, war als Randfigur der westdeutschen Terrorgruppe "Rote Armee Fraktion" (RAF) Anfang der achtziger Jahre wegen Bankraubes und Urkundenfälschung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dennoch flog sie später ohne Probleme regelmäßig nach Kalifornien. Sie hatte sich längst von der RAF distanziert und besuchte dort ihre Mutter, die 1962 in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und als Fremdsprachenlehrerin unter anderem Soldaten der U.S. Army in Deutsch unterrichtete.

Auch nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 gab es für Astrid Proll, die damals in London unter anderem für das US-Magazin "Time" als Bildredakteurin arbeitete, keine Zwischenfälle bei der Einreise. Seit jedoch der im Jahr 2002 begründete US-Heimatschutz im Rahmen des "Krieges gegen den Terror" sein ebenso striktes wie chaotisches Visa-Regime etablierte, blieben ihre Bemühungen um ein Visum vergeblich. Für die US-Behörden war die RAF plötzlich wieder auferstanden.

Wiederholte Hinweise auf eine lebensbedrohliche Erkrankung der Mutter, selbst vertrauliche Interventionen von ranghohen Mitgliedern der deutschen Bundesregierung, Proll zu einem Visum zu verhelfen, brachten keinen Erfolg.

Nachdem Hildegard Proll, 91, am vergangenen Sonntag in San Francisco gestorben war, kündigte ein Mitarbeiter der Berliner Konsularabteilung der Tochter lediglich eine Prüfung des Antrags an. Vielleicht könne man jetzt die Entscheidung "vorantreiben". Proll konnte deshalb nicht an der Kremierung ihrer Mutter und der Trauerfeier, die am Freitag in San Francisco stattfanden, teilnehmen.

"Sind das die family values unserer amerikanischen Freunde, die Präsident Bush immer so gerne hochhält?", fragt Proll. Die Einreise verwehrt wurde kürzlich auch prominenten Zeitgenossen wie dem englischen Bestsellerautor Ian McEwan, dem iranischen Filmregisseur Abbas Kiarostami oder dem britischen Sänger Cat Stevens.