Politische Reaktionen auf Amoklauf Nur Geduld!

Peinliche Sprachlosigkeit? Oder kluges Abwarten? Kanzlerin Merkel hat viel Zeit verstreichen lassen, bevor sie auf den Münchner Amoklauf reagierte. Das sind die Hintergründe.

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Die Kanzlerin hat lange gewartet. Erst rund 20 Stunden nach dem Amoklauf von München tritt Angela Merkel im Kanzleramt vor die Kameras. Hat sie zu lange gewartet?

"Ein Abend und eine Nacht des Schreckens" liege hinter den Deutschen, sagt sie. Sie spricht den Angehörigen der neun Toten ihr Mitgefühl aus und thematisiert die wachsende Verunsicherung. Apocalypse now?

Die Morde von München seien umso schwerer zu ertragen, sagt sie, "weil wir so viele Schreckensnachrichten in so kurzer Zeit hinnehmen mussten". Merkel spricht vom Lkw-Attentat in Nizza, vom Würzburger Axt-Attentäter.

Häufung von Katastrophenmeldungen

Zwar ist München ein Amoklauf, Würzburg und Nizza dagegen sind mehr oder weniger islamistisch motiviert, dennoch trifft Merkel mit dieser Reihung die Gefühlslage der Bevölkerung: Es ist eben eine Häufung von Katastrophenmeldungen, die Motivation der Täter spielt bei dieser Wahrnehmung erst mal keine Rolle. Und für die Opfer, sagt später Innenminister Thomas de Maizière, sei es "gleichgültig, welches Motiv der Tat zugrunde lag".

Für die politische Bewertung dagegen ist es natürlich sehr entscheidend, darauf weist auch de Maizière hin.

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Gewalttat in München: Schrecken am Olympia-Einkaufszentrum

Merkel und de Maizière, der in der Nacht einen US-Besuch abbrechen musste, haben sich zuvor im sogenannten Sicherheitskabinett mit SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel und anderen wichtigen Regierungsmitgliedern beraten. Für einen Amoklauf ist das politisch eine Nummer zu groß, aber ein paar Stunden zuvor wusste man ja noch nicht: Islamistischer Terror? Rechtsextremer Anschlag? Amoklauf?

Erst am Samstagmittag schließlich haben die Ermittler in München klargestellt: "Klassischer Amoktäter." Und keinerlei Bezug zur IS-Terrormiliz.

In dem Moment war klar, dass Merkel und auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zu Recht bis Samstag gewartet haben, bevor sie vor die Kameras getreten sind - auch wenn in den sozialen Medien jetzt das Merkel-kritische Hashtag #Merkelschweigt zweifelhafte Karriere macht.

Seehofer, Herrmann am Samstag vor dem Olympia-Einkaufszentrum
Getty Images

Seehofer, Herrmann am Samstag vor dem Olympia-Einkaufszentrum

Tatsächlich war der erste hochrangige Politiker, der in Sachen München vor die Kameras ging, kein Deutscher, sondern: US-Präsident Barack Obama.

Hintergrund: In den USA ist es Sitte und keineswegs außergewöhnlich, dass der Präsident sich möglichst rasch äußert - egal, wie weit die Ermittlungen vorangeschritten sind. Die Auftritte sind eine Geste, die Stabilität und Ruhe in Krisenzeiten vermitteln sollen. Außerdem kann der Präsident so Einfluss auf den Spin einer sich entwickelnden Lage nehmen.

Und weil Obama solche Krisen aus dem Effeff beherrscht, sprach er selbstverständlich nur defensiv von "Schießereien" in Deutschland und davon, dass man jetzt noch nichts Genaues wisse, die Gefährdung sei eben noch nicht vorüber.

Im Video: Die Erkenntnisse der Polizei

Wie man es dagegen nicht machen sollte, das führte Frankreichs Präsident François Hollande vor: Der verurteilte am Freitag prompt den "terroristischen Angriff" als "neuerliche schändliche Tat".

Ja, zu diesem Zeitpunkt war ein Terrorhintergrund die weitverbreitete Annahme. Und auch die naheliegende, weil man zwischenzeitlich von drei mit "Langwaffen" ausgerüsteten Tätern ausging. Nach Amoklauf und Einzeltäter klang das nicht.

Als einziges Regierungsmitglied wagte sich am Abend Merkels Kanzleramtsminister Peter Altmaier vor die Kamera: "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Terroristen ihr Ziel erreichen, nämlich unsere Gesellschaft zu verunsichern." Ein Standardsatz. Was sollte Altmaier auch sonst sagen in dieser Situation? Dennoch legte auch er sich natürlich ein Stück weit fest, als er von "Terroristen" sprach.

Als am nächsten Tag erstmals Horst Seehofer auftritt, direkt nach der Pressekonferenz der Münchner Ermittler am Mittag, sagt er: "Gerade bei hochkomplexen Dingen muss man die Geduld aufbringen, auf die Ermittlungsergebnisse der Polizei zu warten."

Chronologie: Junge Amokläufer in Deutschland
Winnenden - März 2009
In seiner früheren Realschule in Winnenden bei Stuttgart und auf der Flucht erschießt ein 17-Jähriger 15 Menschen und sich selbst. Die Waffe hatte er seinem Vater entwendet, einem Sportschützen.
Emsdetten - November 2006
Mit Gewehren, Sprengfallen und Rauchbomben bewaffnet, überfällt ein 18-Jähriger in Emsdetten in seine frühere Schule. Er schießt vier Schüler und den Hausmeister an. Mehr als 30 Menschen erleiden Rauchgasvergiftungen oder einen Schock.
Coburg - Juli 2003
Ein 16-jähriger Realschüler schießt im bayerischen Coburg während des Unterrichts auf seine Klassenlehrerin und verletzt eine Schulpsychologin. Die Lehrerin bleibt unverletzt. Der Junge tötet sich selbst. Seine beiden Waffen hatte er sich aus dem verschlossenen Waffenschrank seines Vaters besorgt.
Erfurt - April 2002
Mit Pistole und Pumpgun erschießt ein ehemaliger Schüler eines Erfurter Gymnasiums 16 Menschen und sich selbst. Die meisten Opfer sind Lehrer. Der 19-Jährige war der Schule verwiesen worden und Mitglied eines Schützenvereins.

Quelle: dpa

Geduld ist eine in der Politik nicht immer vorrätige Ressource. Bemerkenswert auch, dass kein Regierender nun spontan Gesetzesverschärfungen oder Ähnliches einfordert. De Maizière sagt sogar auf Nachfrage explizit, er werde zu dem Thema gegenwärtig "kein Wort" sagen. Und Seehofer sagt: "Wir wissen, absolute Sicherheit kann es nicht geben." Man könne nur bestmöglich vorsorgen.

Und das scheint im Vorfeld von Amokläufen wohl noch schwieriger als bei Terroranschlägen.

Es gibt natürlich nicht nur besonnene Politiker in Deutschland. Nein, es gibt sogar welche, die legten sich schon am Freitag sehr schnell auf einen Terroranschlag fest - um daraus parteipolitischen Profit zu schlagen.

Das ist zum Beispiel André Poggenburg, der Landes- und Fraktionschef der AfD in Sachsen-Anhalt: "Merkel-Einheitspartei: danke für den Terror in Deutschland und Europa!", twitterte er am Freitagabend. Kurz darauf legte er gegen die Medien nach: "Ausländische Presse berichtet lange von Islamterror in München. Deutsche verblendete GutmenschInnen geifern aber herum. Ihr habt Mitschuld!"

Und dann haute er noch einen raus: "#AfD München: Unser Mitgefühl den Hinterbliebenen und Verletzten, unser Abscheu den Merklern und Linksidioten, die Mitverantwortung tragen!" Andere, darunter Parteichefin Frauke Petry, twitterten unter dem Motto: #AfDwählen.

Wohl speziell für diese Leute hatte der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä am Samstag noch eine Botschaft parat: "Tat und Täter haben nach derzeitigem Kenntnisstand überhaupt keinen Bezug zum Thema Flüchtlinge."

insgesamt 177 Beiträge
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joes.world 23.07.2016
1. Schrecklich, dass der Täter bewusst auf Kinder geschossen hat.
Hier den Eltern sein Beileid via Medien auszudrücken - hilft denen nicht. Weil sie nicht um ihre Väter, ihre Mütter, sondern ihre Kinder trauern müssen. Ein doppelt feiges Verbrechen: sich an den Schwächsten zu vergehen. Staatsmännisch waren die Worte von Seehofer. Die Bayerische Polizei hat ihre Hausaufgaben im voraus gut gemacht, wie man gestern sah. Das ist das Wenige, das bleibt: Bayern ist im Augenblick des Terrors gut vorbereitet.
joes.world 23.07.2016
2. Der Mächtige aus dem Hintergrund
Als Bürger eines Landes hat man das Recht, viel über die an der Macht zu erfahren. Denn wie sie sind, wo sie sind und mit wem sie sind – das alles und noch mehr bestimmt die Entscheidungen der an der Macht. Und sie haben Auswirkungen auf uns alle. Die, deren Mehrheit an den Wahlurnen genau zu dieser Konstellation geführt hat. Deshalb will ich endlich mehr vom Redenschreiber der Frau Merkel erfahren. Ob Anschlag in Nizza oder Amoklauf in München; immer liest Frau Merkel ihre Bestürzung vom Blatt ab. Ihren Lob für die Einsatzkräfte und die Verweise auf die Beileidsbekundungen der Verbündeten. Wer ist dieser Mann, der so hochpolitisch handelt? An das Licht der Öffentlichkeit mit ihm. Denn es sind seine Worte, die Merkel mühsam abliest. Und deshalb will ich wissen, was für einer dieser ist. Und welche Aussagen, und somit Richtung ihrer Politik, er der Kanzlerin noch in den Mund legen könnte.
Herwig vom Totenberg 23.07.2016
3. Viele, viele offene Fragen zum Polizeieinsatz!
in Gedanken bin ich bei den Hinterbliebenen und den Verletzten, aber es stellen sich Fragen: Unbegreiflich, dass der Täter sich bei Tageslicht mit einem Bewohner des Olympiazentrums unterhält und die Polizei den nicht mittels Scharfschützen vom Dach runter schießt.... Ach so, ja die Münchner Polizei reagiert mit 2500 Mann deseskalierend entsprechend dem Motto von Frau Künast, gell Herr Reiter! Das ist jetzt hart, aber ich bin stinksauer über das Lob von de Maiziere. Ich habe das komplette Versagen der Münchner Polizei 1972 erlebt, die dann mit der Entlassung von Schreiber endete. Es kann doch nicht sein, dass ein Mann beim Schießen gefilmt wird und dann die Spur verloren geht. Die Reporter sprachen gestern immer von großer Nervosität der Polizei, hier gibt es noch sehr viel aufzuarbeiten, insbesondere in der Polizeiführung und der politischen Verantwortung der Stadt. Da bin ich gespannt und SPON sollte hier am Ball bleiben, da ist m.E. gehörig etwas schief gelaufen. Soweit lehne ich mich aus dem Fenster! Es tut mir leid dies schreiben zu müssen, aber nach den Aufnahmen heute im ZDF, die soeben ausgestrahlt wurden, kann von einer "hochprofessionellen Arbeit" so die Bundeskanzlerin für mich keine Rede sein. In tiefem Mitgefühl Herwig (Das Politikergeschwafel offenbart die ganze Hilflosigkeit ein Jahr vor den Bundestagswahlen) Ist Herr Maas eigentlich untergetaucht von wegen Verschärfung von Waffengesetzen. Waffen illegaöl beschaffen kann sich jeder und warum hat die Schulleitung nicht eingegriffen, wurde der Junge von Muslimen sunnitischer Prägung gemobbt. Lieber SPON Dranbleiben, aufklären! Danke!
dr.sven.larat 23.07.2016
4. Nur die Ursachenbehebung kann helfen
Terrorismus ist eine verständliche Reaktion auf bestimmte Konfliktkonstellationen. Wenn wir uns im Bewußtsein dieser Tatsache bemühen, Möglichkeiten zu finden, den Terrorismus und Amokläufe wie gestern in München zu verhindern, dann müssen wir erkennen, dass die momentanen Strategien der Staaten wenig klug und entsprechend wenig effektiv sind. Haß predigen, Verteufelung der Gegner und eine entmenschlichte Darstellung der potentiellen und reellen Terroristen, facht den Haß und die blinde Wut der eigenen Bevölkerung, aber auch die aggressiven Gefühle der Gegenseite an. Die Leugnung von nachvollziehbaren Ursachen oder gar von logischen Gründen für terroristische Anschläge und die naive Weigerung, sich mit ihnen zu beschäftigen, um eventuell schon im Vorfeld die Gefahr von Anschlägen zu bannen, ist wohl Ausdruck der permanenten Angst der Politiker, als schwach oder feige zu gelten. Wie verbreitet und wie dumm diese Angst ist, können wir in der Geschichte der menschlichen Gruppen, Nationen, Religionsangehörigen, Konzernen, Banken, Klassen, Rassen, Völker, Verbrechersyndikaten und Kirchen erkennen. Die Weltkriege, Religionskriege, der Kolonialismus, die vielen Völkermorde, Wirtschaftskriege und strategischen Eroberungen, die abscheulichen ideologischen "Verteidigungs"-Kriege, ob es um den "freien" Kapitalismus, den Kommunismus, die abendländische Kultur, die christliche oder muslimische Religion oder eher um Märkte, politischen Einfluß, Öl oder schließlich um Imponiergehabe und Haß, sind Ausdruck dieser "Stärke". Ein solches Verhalten war noch nie gut für die Menschheit. Diese "starken" und so "mutigen" Politiker hatten und haben ihre Bunker für den Ernstfall und schicken ihre Vasallen, damit sie in Vietnam, Afghanistan, im Irak, "am Kundus", im nahen Osten oder Syrien ihr Leben lassen und sie programmieren "mutig" ihre Drohnen, welche die gegnerischen "Ratten" ausrotten, bevor sie zu "feigen" Selbstmordattentätern werden können. Die selbstherrliche und mitleidslose Mentalität dieser Herrscher kommt auch darin zum Ausdruck, dass man den eventuellen Tod "eigener" Soldaten mit dem Tod "gegnerischer" Soldaten rächt, man meint, den Tod unschuldiger Menschen mit dem Tod anderer unschuldiger Menschen ausgleichen zu können, damit eine "gerechte" Rache üben zu können. Mit solchen Strategien ohne Respekt vor dem anderen, ohne offens Ohr für die Probleme unf Konflikt-Ursachen, ohne den Willen zu Verständnis, ohne Kompromißbereitschaft kann kein Frieden entstehen. Das sieht man bei Auseinandersetzungen wie im nahen Osten, aber auch in den punktuellen Stellvertreterkriegen, die ihre Ursachen in weit entfernten Spannungsgebieten haben, aber aus Haß, Frustration, Verständnislosigkeit, Isolation, sozialen Spannungen und Provokation von beiden Seiten in New York, Oslo, Utøya, Brüssel, Paris, Nizza oder München stattfinden. Wir brauchen nicht die "starken" Politiker, die in den USA, Frankreich, Holland, Österreich usw. Nach der Macht greifen. Wir brauchen Politiker, denen Menschlichkeit, Toleranz, Respekt, Ehrlichkeit, Altruismus und Bescheidenheit keine leeren Worthülsen für das dumme Volk sind sondern Bestandteile ihres Charakters.
Frida_Gold 23.07.2016
5.
Zitat von joes.worldHier den Eltern sein Beileid via Medien auszudrücken - hilft denen nicht. Weil sie nicht um ihre Väter, ihre Mütter, sondern ihre Kinder trauern müssen. Ein doppelt feiges Verbrechen: sich an den Schwächsten zu vergehen. Staatsmännisch waren die Worte von Seehofer. Die Bayerische Polizei hat ihre Hausaufgaben im voraus gut gemacht, wie man gestern sah. Das ist das Wenige, das bleibt: Bayern ist im Augenblick des Terrors gut vorbereitet.
Typisch für einen, der sich abgehängt fühlt - er will die Gleichaltrigen treffen, denen es in seinen Augen besser geht. Vergleiche Erfurt und Winnenden. Dort war es in Schulen, hier im Schnellimbiss - die Zielgruppe war dieselbe. Mir tun alle Verwandten der Toten unendlich leid. :(
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