Analyse SPD-Anhänger blieben zu Hause

Die schwere Schlappe der Sozialdemokraten bei der NRW-Wahl ist nach ersten Analysen von Wahlforschern vor allem auf das Fernbleiben potenzieller SPD-Sympathisanten zurückzuführen. Mit Unverständnis reagierten sie auf die Ankündigung von Neuwahlen im Bund.


Frankfurt am Main - Der Geschäftsführer der Berliner forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen, Manfred Güllner, sagte, weniger die Wählerbewegung von der CDU zur SPD sei für das Ergebnis ausschlaggebend, sondern das erhebliche Mobilisierungsdefizit bei den Sozialdemokraten. So habe die CDU annähernd 100 Prozent ihrer Anhänger an die Urnen bringen können, die SPD aber nur rund 70 Prozent.

Der forsa-Chef bezweifelte, ob ein Vorziehen der Bundestagswahl für SPD und Grüne von Vorteil sein kann. Da die Politik von Rot-Grün im Bund noch schlechter bewertet werde als in Nordrhein-Westfalen, gebe es kein vernünftiges Sachargument, warum SPD und Grüne in diesem Herbst erfolgreicher sein sollten als im nächsten Jahr. "Das ist eine Politik, die nicht akzeptiert worden ist in Nordrhein-Westfalen". Dies gelte auch für den Bund.

Mit dem Vorschlag zu vorgezogenen Neuwahlen treten Schröder und die SPD aus Sicht des Politikwissenschaftlers Everhard Holtmann "die Flucht nach vorn" an. "Zum einen, um die nun anstehenden innerparteilichen Konflikte einzudämmen und die Partei in dieser schwierigen Phase hinter sich zu bringen", sagte der Politik-Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg der "Mitteldeutschen Zeitung". Auf bessere demoskopische Werte bis zur regulären Bundestagswahl im September 2006 könne die SPD schließlich kaum hoffen.

Zehn Prozent Plus der CDU in Großstädten

Kommentatoren wiesen ergänzend darauf hin, dass Schröder in den kommenden 18 Monaten kaum noch etwas bewegen könne, weil er zum einen gegen den Bundesrat und zweiten gegen den linken Flügel seiner Partei ankämpfen müsse. Die SPD habe ihre Rolle als "Schutzmacht der kleinen Leute" verloren.

Nach einer Wahlanalyse des Westdeutschen Rundfunks hat die CDU vor allem deshalb die Wahl gewonnen, weil ihr mehr Kompetenz bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und bei der Ankurbelung des Wirtschaftswachstums zugestanden wird. In einer ersten WDR-Statistik, die vom Trend her auch von forsa bestätigt wurde, haben Erstwähler mehrheitlich jedoch die SPD gewählt und nicht die CDU. Im ZDF hieß es, die CDU habe bei den 30- bis 44-Jährigen um zwölf und in den Großstädten um zehn Prozent zugelegt.

Anselm Bengeser, AP



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