Anarchisten Wie die Pogo-Partei die Wahl feierte

Bier und Dreadlocks: Auf der Wahlparty der Pogo-Partei ging es um Sozialschmarotzer und Maden. Und, na ja, die Wahl - das Ergebnis war egal.

Hamburg - Der Wahlkampfmanager der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD), Karl Nagel, klettert auf die Bühne des Szenetreffs "No Pasaran" in Hamburg-Altona. Über ihm unter der Decke hängt ein grünes Tarnnetz, an der Wand ein Plakat, auf dem "Meine Stimme für den Müll!" steht, und in der Luft entfaltet sich der Dunst von seit Jahren in den Holzdielen gärendem Bier. Nagel ruft: "Liebe Sozialschmarotzer!" Und die Menschen unten vor der Bühne jubeln.

Vor etwas mehr als zwei Stunden gab es die ersten Prognosen, jetzt gerät die Party langsam in Schwung. Die bunten Haare der meisten Parteigänger sehen aus, als habe sie ein Elektriker mittels Stromstößen gen Himmel gezwirbelt, die Dreadlocks eines APPD-Bundestagskandidaten baumeln um die Bierflasche, und ein Partei-Anhänger mit schulterlanger Karnevalsperücke und Sonnenbrille vor den Augen verfolgt fremde Menschen mit einer Flasche, um sie mit Bier zu überschütten. Nagel ruft: "Wir wissen nicht, wie viele Stimmen die APPD gewonnen hat. Im Grunde genommen ist es egal! 100 Prozent der Stimmen waren eh für den Müll."

Die Pogo-Politiker erlangten bundesweit Berühmtheit durch den Wahlspot ihrer Partei, mit dem sich sogar das Bundesverfassungsgericht befasst hat. Darin ist das Gesicht des Kanzlerkandidaten Wolfgang Wendland zu sehen, aufgequollen und rot. Er ruft: "Maden der Welt, schaut auf dieses Land!" Dann fallen viele Menschen und ein Hund übereinander her und essen Tierfutter aus Dosen. Der Hund ist zusammen mit ein paar anderen Darstellern auch hier auf der Wahlparty im "No Parasan" und wedelt freundlich mit dem Schwanz, die Party aber ist so derbe wie der Spot.

Hinter Nagel steht ein Fernsehapparat. Darin sitzen Gerhard Schröder und Angela Merkel. Der Ton ist ausgeschaltet. Man kann sie nicht hören. Schröder grinst, als habe ihn ein Lottogewinn überrascht. Man hat Angst, dass er gleich platzt, so seltsam aufgeputscht wirkt er. Angela Merkels Mundwinkel sehen aus, als könnte Sie hören, was Nagel gerade seinen Anhängern zuruft: "Es ist schon eine Notstandsregierung unter der Kanzlerschaft von Wolfgang Wendland in Vorbereitung." Wendland soll in zwei Jahren die Herrschaft im Land übernehmen, wenn die kommende Koalition sich verkracht hat.

Die Menschen reckten im Takt der Musik die Arme in den Bierdunst und rufen: "Wolfgang! Wolfgang! Wolfgang!" Doch Wolfgang Wendland kann die Sprechchöre nicht hören. Er gibt gerade mit seiner Band ein Konzert in Köln. Als Vorgruppe. Seit die privaten Fernsehsender betroffen über den Spot berichteten - ohne zu vergessen, ausführliche Sequenzen daraus zu zeigen - stiegen die Zugriffszahlen auf die Internetseiten der Partei, der Spot erfreut sich reger Beliebtheit als Downloadobjekt. Zudem registrierte Nagel eine regelrechte "Beitrittswelle": 50 Neue konnte er in den letzten fünf Tagen als Parteimitglieder begrüßen. Nun sind es gut 800.

Wie seine Partei jetzt in Hamburg und Berlin - nur dort hat sie es rechtzeitig geschafft, genug Unterschriften für die Teilnahme an der Wahl zu organisieren - abgeschnitten hat, weiß Nagel indes noch nicht. Zum Etappenziel von 0,5 Prozent der Wählerstimmen wird es aber nicht reichen, bedauert er. Dann gäbe es nämlich eine Wahlkampfkostenerstattung. Das APPD-Programm sieht vor, solche Einnahmen in Bier anzulegen.

Roman Pletter

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