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Wahl zur Parteichefin Nur 66 Prozent für Andrea Nahles

Erstmals in ihrer Geschichte hat die SPD eine Frau an ihre Spitze gewählt: Doch das Ergebnis muss für Andrea Nahles eine Enttäuschung sein.

Andrea Nahles ist zur Vorsitzenden der SPD gewählt worden. Sie bekam 66,35 Prozent der gültigen Stimmen. Ihre einzige Herausforderin, die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange, kam auf 27, 6 Prozent. In der 155-jährigen Parteigeschichte der SPD ist mit Nahles nun erstmals eine Frau die Vorsitzende.

Insgesamt hatten 631 Delegierte abgestimmt. Auf Nahles entfielen 414 Stimmen, auf Lange 172. Sieben Stimmzettel waren ungültig. Die neue Parteivorsitzende startet damit geschwächt in ihr Amt. Es war damit gerechnet worden, dass die Fraktionsvorsitzende auf rund 75 Prozent der Stimmen kommen würde.

In ihrer kämpferischen und emotionalen Rede vor den Delegierten hatte Nahles am Sonntagmittag einen Aufbruch versprochen: "Man kann eine Partei in der Regierung erneuern, diesen Beweis will ich ab morgen antreten", sagte die 47-Jährige vor den Delegierten. Nahles forderte die Genossen auf, mit ihr zusammenzuarbeiten. "Eine allein kann es nicht schaffen", sagte sie. "Wir packen das, das ist mein Versprechen."

Der rote Faden ihrer Rede war der Begriff "Solidarität", eine Kerntugend sozialdemokratischer Politik. Nahles forderte Solidarität in allen gesellschaftlichen Bereichen ein, die SPD stehe ihrerseits an der Seite von Arbeitnehmern und kämpfe für die Rechte aller Benachteiligten.

Kritiker nicht überzeugt

Doch damit konnte sie ihre Skeptiker offenbar nicht überzeugen. In den vergangenen Monaten hatte Nahles mit ihrem Einsatz für die GroKo viele in der Partei gegen sich aufgebracht. Das Ergebnis spiegelt den Mitgliederentscheid über die Regierungsbeteiligung mit der Union wider: Damals hatten zwei Drittel der Stimmberechtigten für die GroKo, ein Drittel dagegen gestimmt.

Nahles war schon früher auf Parteitagen abgestraft worden. 2009 wurde sie mit gerade mal 69,6 Prozent zur Generalsekretärin gewählt, vier Jahre später bestätigten sie sogar nur 67,2 Prozent der Delegierten im Amt.

Im Vergleich zu anderen Wahlen zum Parteivorsitz holte Nahles das zweitschlechteste Ergebnis - allerdings traten die meisten Bewerber auch ohne Gegenkandidaten an. Nur Oskar Lafontaine schnitt 1995 mit 62,6 Prozent schlechter ab als Nahles - er hatte damals in einer Kampfkandidatur Rudolf Scharping herausgefordert und gegen ihn gewonnen. Das schlechteste Ergebnis ohne einen Gegenkandidaten erzielte Sigmar Gabriel 2015 mit 74 Prozent der Stimmen.

brk
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