Andrea Nahles Comeback der Königsmörderin

2. Teil: Wieso der Ärger über Nahles' Müntefering-Sturz so rasch verrauchte


Hoffnungsträger haben es an sich, dass sie sich abnutzen. Sie verschwinden als Staatssekretäre in Ministerien und werden nicht wieder gesehen. Nahles hingegen gilt weiter als politisches Ausnahmetalent, nicht zuletzt dank ihrer flinken Zunge, die sie für Gewerkschaftsdemos, Parteitage und Talkshows gleichermaßen tauglich macht. Den Kanzler Gerhard Schröder titulierte sie einst als "Abrissbirne des Sozialstaats", ihren Mentor Kurt Beck kaum weniger frech als "Buddha mit Sprengsatz". Mit solchen Sprüchen wurde sie bekannt.

Von der Rebellin zur Regierungslinken

Im SPD-Präsidium, dem sie seit 2003 angehört, spielte Nahles lange den linken Gegenpol zum Reformer Schröder. Streitbar ist sie immer noch. Aus der einstigen Rebellin ist jedoch längst eine Regierungslinke geworden. Mit ähnlicher Verve, mit der sie früher Schröder und Clement attackierte, verteidigt sie heute Beck, die Rente mit 67 und die Große Koalition. Auf ihrer Homepage sind kritische Worte zum SPD-Programmentwurf zu finden - aber auch sehr prominent der Koalitionsvertrag in voller Länge.

Kritik äußert Nahles inzwischen wohldosiert. Sie leistete es sich, im Bundestag gegen die Gesundheitsreform zu stimmen - nicht, weil sie lieber eine Bürgerversicherung hätte, sondern weil keins der Regierungsziele erreicht wurde. Dazu fand sie gewohnt scharfe Worte in Interviews, doch zu anderen Themen hielt sie sich bewusst zurück. Lieber leistete sie stille Kärrnerarbeit in der Arbeitsgruppe Mindestlohn - sehr zum Wohlgefallen des Vorsitzenden Müntefering, der sich längst mit ihr ausgesöhnt hat.

Es zählt zu Nahles' Erfolgsgeheimnissen, dass sie trotz aller Kritik an der eigenen Führung als loyal gilt. Das ist ihr wichtig. Dass Schröder die Neuwahlen mit der mangelnden Unterstützung der Regierung durch die SPD-Linken begründete, empfand sie als Frechheit. In der Partei gilt Nahles als Überzeugungstäterin, nicht als Karrieristin. Daher verrauchte auch der Ärger über den Müntefering-Rücktritt recht schnell. Im Rückblick setzte sich die Deutung durch, dass Müntefering selbst nicht unschuldig daran war.

Einzige Stellvertreterin mit Stallgeruch

Dass Nahles jetzt von Beck als Stellvertreterin nominiert wird, hat sie auch ihrer Reaktion auf den Eklat zu verdanken. Sie verzichtete nicht nur auf das Amt des Generalsekretärs, sondern schlug auch den Posten der Partei-Vizechefin aus, den Münteferings Nachfolger Matthias Platzeck ihr schon damals anbot. Hätte sie das Angebot angenommen, wäre es auf dem Karlsruher Parteitag zur Abstimmung über die "Königsmörderin" gekommen - eine Zerreißprobe, die die Krönungsmesse für Platzeck überschattet hätte. Durch ihren Verzicht konnte Nahles sich als uneigennützige Parteisoldatin empfehlen.

Im Gegensatz zu den eher technokratisch wirkenden Ministern Steinbrück und Steinmeier ist Nahles ein Parteimensch. Einst gründete sie ihren Ortsverein in der Eifel, später das Forum Demokratische Linke. Sie ist gut vernetzt und hat ein feines Gespür für die Stimmung in der Partei. Als Vorsitzende der Arbeitsgruppe Bürgerversicherung zog sie monatelang mit ihrem Sidekick, dem Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, von Ortsverein zu Ortsverein, von Podium zu Podium, um an der Basis für die Bürgerversicherung zu werben.

Das stählt - und verstärkt den Stallgeruch.

Für Becks Plan, der Partei durch stärkere Stellvertreter wieder mehr Profil zu verschaffen, erscheint die Powerfrau mit dem Hang zur Polarisierung als richtige Wahl. Mit Bürgerversicherung und Mindestlohn steht sie außerdem gleich für zwei SPD-Wahlkampfschlager.

Für die Mischung seiner neuen Vizes musste Beck sich allerdings bereits scharfe Kritik anhören - auch vom linken Flügel. Denn auf dem Papier steht Nahles als einzige Linke in der Parteiführung ziemlich allein. Die rechten Seeheimer haben mit Steinbrück und der Schatzmeisterin Barbara Hendricks zwei Vertreter, ebenso die Netzwerker, die neben Steinmeier noch Generalsekretär Hubertus Heil stellen. Doch scheint Beck seiner Landsfrau einiges zuzutrauen - nach dem Motto: Eine Nahles wiegt zwei Steinmeiers auf.



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