Andrea Nahles Comeback der Königsmörderin

Andrea Nahles - von der Persona non grata zur Partei-Vizechefin in anderthalb Jahren. Die Frau, die einst für den Sturz von SPD-Chef Franz Müntefering verantwortlich gemacht wurde, ist zurück: Heute kürt Kurt Beck sie zu seiner Stellvertreterin und macht sie mächtiger als je zuvor.


Berlin - Als die ersten SMS am Mittag des 31. Oktobers 2005 aus dem 5. Stock des Willy-Brandt-Hauses zu den Journalisten ins Atrium drangen, machte sich ungläubiges Staunen breit. Sie hatte es tatsächlich geschafft: Andrea Nahles hatte den SPD-Parteivorstand dazu gebracht, sie als Generalsekretärin zu nominieren - gegen den ausdrücklichen Willen des allmächtigen SPD-Chefs Franz Müntefering. Dessen Kandidat Kajo Wasserhövel wurde in der Kampfabstimmung mit 23 zu 14 Stimmen deklassiert.

Nahles: Guter Draht zu Beck
MARCO-URBAN.DE

Nahles: Guter Draht zu Beck

Die Journalisten waren voller Ehrfurcht, gleichzeitig war ihnen unheimlich. Sie ahnten, was kommen würde: Müntefering erklärte seinen Rücktritt, der Parteisoldat schmiss hin - ein bis dahin undenkbares Ereignis. Nahles, tief erschrocken, wurde zur Persona non grata erklärt: Der konservative Seeheimer Kreis beschimpfte sie als "Königsmörderin", in Tausenden E-Mails brach der Zorn der Basis über sie herein. Die politische Karriere der Nachwuchslinken war jäh gebremst.

Anderthalb Jahre später ist Nahles wieder da - mächtiger und unangefochtener als je zuvor. Münteferings Nach-Nachfolger Kurt Beck präsentiert sie heute in der Bundespressekonferenz als eine von drei Parteivizes, die er dem SPD-Parteitag im Oktober zur Wahl empfehlen wird. Nahles ist die einzige Frau, die anderen sind Finanzminister Peer Steinbrück und Außenminister Frank-Walter Steinmeier. In der SPD wird bereits gewettet, dass Nahles schon bald die beiden Männer in den Schatten stellen und in der Öffentlichkeit als Becks wahre Stellvertreterin wahrgenommen werden werde.

An Nahles führte kein Weg vorbei

Zu Beck hat die 36-Jährige eine Art Vater-Tochter-Verhältnis. Er hat ihren Aufstieg im Landesverband Rheinland-Pfalz aus nächster Nähe mitverfolgt - zunächst mit Skepsis gegenüber der ungestümen Aktivistin, dann mit wachsender Zustimmung, je mehr ihre pragmatische Ader durchdrang. Beck sorgte mit dafür, dass sie bei der Bundestagswahl 2005 einen sicheren Listenplatz bekam, nachdem sie zuvor vier Jahre pausieren musste.

Ihr guter Draht zum Chef ist aber nicht der Grund für die Nominierung. Vielmehr führt an Nahles kein Weg mehr vorbei: Die SPD kann es sich nicht leisten, so ein Potential ungenutzt zu lassen. Als Sprecherin des linken Flügels ist Nahles seit Jahren eines der bekanntesten Gesichter der Partei. Juso-Chefin, Agenda-Kritikerin, Miss Bürgerversicherung, Vorzeigelinke - kaum jemand kann in dem Alter schon so viele Medien-Attribute vorweisen.



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