Stefan Kuzmany

Schulz weg, Nahles kommt Die letzte Hoffnung der SPD

Martin Schulz tritt als SPD-Vorsitzender zurück, verpasst seiner designierten Nachfolgerin Andrea Nahles mit der verstolperten Nominierung aber noch eine Delle. Macht nichts: Nahles hat das Zeug dazu, ihre Partei wieder aufzurichten.
Andrea Nahles

Andrea Nahles

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Menschlich, ehrlich, nahbar: Als Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten und SPD-Vorsitzenden wurde, verband sich damit für seine Partei nicht nur die (von Anfang an ziemlich gewagte) Hoffnung, er könne möglicherweise Angela Merkel im Kanzleramt ablösen. Viel konkreter waren die Erwartung und Freude darüber, es hier mit einem Politiker neuen Typs zu tun zu haben. Einem, dem nicht etwa nichtssagende Politikerworthülsen aus dem Mund purzeln, sondern der sagt, was er denkt und was er fühlt. Einem, den keine glatte Bürokratenkarriere ins Amt gebracht hat, sondern der sich gegen alle Widerstände und Widrigkeiten, trotz persönlicher Rückschläge und Makel, an die Spitze gekämpft hat. Keiner von denen da oben, sondern einer von uns.

Es gab diesen Martin Schulz, er war ein zunächst glänzender, dann glückloser Wahlkämpfer und später ein zorniger Wahlverlierer. Doch dann, kurz nach dem Wahlabend im vergangenen September, war dieser Martin Schulz verschwunden - und ein anderer Martin Schulz tauchte auf, der dem ersten zwar bis aufs Barthaar glich, aber sonst nur noch wenig gemein hatte mit dem, der einstimmig zum SPD-Chef gewählt worden war.

Unfassbare Umschwünge, ratlose Personalpläne

Der neue Schulz verweigerte sich keinen GroKo-Gesprächen mehr, die er doch vorher so vehement abgelehnt hatte. Der neue Schulz verhandelte dann sogar einen Koalitionsvertrag mit der Union. Der neue Schulz hielt eine unglaublich lahme Rede, um diesen Vertrag seinem Parteitag schmackhaft zu machen - der ihn dann knapp annahm, aber nicht wegen, sondern trotz Schulz' Auftritt. Der neue Schulz wollte dann Außenminister unter Angela Merkel werden, was er vorher ausgeschlossen hatte. Und als er dann merkte, dass er weder Vorsitzender bleiben noch Minister werden konnte, da versuchte der da schon ziemlich alt aussehende neue Schulz noch, seine Nachfolgerin zu bestimmen, ohne diese Nachfolgeregelung ausreichend in seiner Partei besprochen zu haben.

Jetzt hat der neue Schulz endlich getan, was der alte Martin Schulz schon längst hätte tun sollen, als klar wurde, dass sich seine Partei doch wieder zu Merkel auf die Regierungsbank zwängen würde: Er ist zurückgetreten. Und es ist ihm zu wünschen, dass er, frei von hohen Ämtern, wieder zurückfindet zu sich selbst.

Video zu Schulz' Rücktritt: "Ich scheide ohne Bitterkeit"

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Seine Partei jedoch hinterlässt Martin Schulz in Trümmern. Seine unfassbaren Umschwünge nach der Wahl, seine ratlos verstolperten Postenpläne haben zuerst Zweifel an der Regierungs- und dann zunehmend auch an der Zurechnungsfähigkeit der SPD geweckt. Ihre Umfragewerte stürzen so rapide, dass nur noch wenige weitere Wochen unter seinem Vorsitz die älteste Partei Deutschlands, man musste es ernsthaft befürchten, in bisher unbekannte Gefilde geführt hätten: Auf Prozentanteile weit unter Null.

Jetzt soll es also Andrea Nahles richten. Es ist die letzte Pointe der kurzen Ära Schulz, dass er der designierten Vorsitzenden mit der verfrühten Ankündigung und dem daraus resultierten Widerstand in der Partei schon eine dicke Delle verpasst hat, bevor sie überhaupt angetreten ist. Nahles ist noch nicht im Amt, aber bereits beschädigt.

Große Klappe, viel dahinter

Dabei ist Andrea Nahles wahrscheinlich das letzte große Talent, das der Partei noch bleibt, nachdem sich Sigmar Gabriel per Kindermund selbst aus dem Rennen genommen hat. Die ehemalige Juso-Vorsitzende hat sich aus jungen Jahren eine große Klappe und ihr linkes Herz bewahrt, sie hat seither Regierungserfahrung gesammelt und weiß trotzdem noch, dass man sich im Karneval auch mal als Clown verkleiden darf. Und sie kann einen Parteitag herumreißen. Eigentlich ideale Voraussetzungen für eine Chefgenossin.

Nun muss Nahles allerdings erst einmal ihrem Parteifreund Olaf Scholz den kommissarischen Vorsitz überlassen, einem Mann also, dessen Charisma zwar feine Hanseaten zu überzeugen vermag, aber wohl kaum einen einzigen Parteilinken. Erst am 22. April darf sich dann Nahles einem Parteitag zur Wahl stellen.

Falls es überhaupt so weit kommt. Denn tatsächlich wird sich Nahles' Schicksal bereits Wochen vorher entscheiden: Sollte die SPD-Basis beim berüchtigten Mitgliederentscheid die GroKo ablehnen, dürfte die entschiedene GroKo-Verfechterin Nahles wohl kaum noch die Parteispitze erklimmen können - oder auch nur wollen.

Sollte es den SPD-Mitgliedern im allgemeinen Chaos ihrer Partei aber vielleicht doch noch um so etwas wie Inhalte und die künftige Regierungsfähigkeit ihrer Partei gehen, werden sie ahnen: Wenn sie jetzt die für sie geradezu absurd günstige Koalitionskonstellation ablehnen, bekommen sie auf viele Jahre hinaus kein einziges ihrer Anliegen mehr umgesetzt. Und sie verprellen die Frau, die tatsächlich Angela Merkel ablösen könnte.

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