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05. Juni 2019, 19:21 Uhr

Nahles' Sturz

Normal brutal

Ein Kommentar von

Die SPD ist mit Andrea Nahles gnadenlos umgegangen. Wer jetzt jedoch Frauenfeindlichkeit beklagt, macht Nahles kleiner, als sie ist. Tatsächlich wurde sie genau so bekämpft wie viele männliche Vorsitzende vor ihr.

Der Sturz von SPD-Chefin Andrea Nahles gilt seit dem vergangenen Wochenende als Beleg für die Frauenfeindlichkeit der SPD, ja der Politik im Allgemeinen. So sieht es Olaf Scholz, so sehen es viele Kommentatoren. Die Sozialdemokraten seien mit ihrer Vorsitzenden besonders unbarmherzig verfahren, weil sie eine Frau ist. Und sie habe es als Frau besonders schwer gehabt an der Spitze der Partei.

Es stimmt, Nahles ist einen sehr langen und harten Weg an die Spitze der Partei gegangen. Und ja, ihr Sturz ist ein brutales Stück sozialdemokratischer Machtpolitik. Er wurde weniger als politische Auseinandersetzung betrieben, er war persönlich diffamierend. Wenn öffentlich wird, dass die Parteivorsitzende ihren Genossen peinlich ist, so ist das zutiefst verletzend.

Trotzdem spricht nichts dafür, dass die SPD mit Andrea Nahles besonders hart umging, weil sie eine Frau ist. Ihr Sturz war nur ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der Demontage ihres Spitzenpersonals, in Wahrheit haben die Sozialdemokraten Nahles mit derselben Gnadenlosigkeit behandelt, die sie vielen ihrer Vorsitzenden angedeihen ließen. Martin Schulz etwa bekam das zu spüren, als klar wurde, dass er ihre Heilserwartungen nicht erfüllen konnte. Und der Sturz von Kurt Beck verlief nicht weniger verletzend. Beck wurde Opfer einer brutalen Intrige, nachdem seine Gegner ihn mit einer "Beck muss weg"-Kampagne demontiert hatten. Er galt als nicht vorzeigbar, als provinziell und peinlich.

Nahles ist nicht daran gescheitert, dass die SPD nicht reif war für eine Frau an der Spitze. Sie ist an der unlösbaren Aufgabe gescheitert, ihre Partei in der Großen Koalition neu zu erfinden, an eigenen politischen Fehlern und einigen - ja - peinlichen Auftritten. Das alles hatte nichts damit zu tun, dass sie eine Frau ist. Ein Mann wäre mit Pippi-Langstrumpf-Gesängen oder In-die-Fresse-Drohungen nicht weniger angeeckt, im Gegenteil womöglich noch stärker.

In diesem Sinn ist der Fall Nahles Beleg einer gewissen Normalisierung: Frauen an der Macht werden nicht schonungsloser angegangen als Männer, aber sie werden auch nicht geschont. Das ist kein Zeichen der Diskriminierung, sondern der Gleichbehandlung. Peer Steinbrück und Martin Schulz hatten es noch nicht gewagt, Merkel in ihren Bundestagswahlkämpfen hart zu attackieren, aus Angst, das könnte nicht gut ankommen.

So viel Heuchelei war selten

Tatsächlich hat das Bedauern über den angeblich frauenfeindlichen Umgang mit der Vorsitzenden auch etwas Paternalistisches. Die Männer, die ihn jetzt beklagen, machen Nahles zum Opfer. Dabei hat sie in ihrer ganzen Karriere und bis zum Schluss mit sehr harten Bandagen gekämpft. Sie hat es weit gebracht, weil sie kompetent und fleißig war, aber auch, weil sie bereit war, diesen Preis der Macht zu zahlen. Sie hat es nicht verdient, dass man sie am Ende durch Mitleid kleinmacht.

Dazu gehört auch die Flut von Krokodilstränen, die seit dem vergangenen Wochenende im politischen Berlin fließen. Krokodilstränen sind bekanntlich jene Tränen, die das Krokodil vergießt, nachdem es den Missionar vertilgt hat. Wo ist denn der nette Missionar geblieben? So traurig.

Ausgerechnet Kevin Kühnert, der am meisten zu Nahles' Scheitern beigetragen hat, der ihr die Räume von Anfang an eng machte, tat sich mit lautem Schluchzen hervor, schämte sich, gelobte, nie, nie, nie wieder.

Nicht besser war die politische Konkurrenz, die sich über die Zustände in der SPD empörte, Dietmar Bartsch von der Linkspartei etwa, für den ganz schlimm war, was Nahles aus ihrer eigenen Partei erleben musste - "Wir brauchen mehr Achtung vor den Persönlichkeiten!" - als hätte die Linke nicht gerade eben ihre Fraktionsvorsitzende aus dem Amt gemobbt. Oder das demonstrative Entsetzen in der Union über den politischen Sittenverfall beim Koalitionspartner, als sei man nicht ebenso nach Kräften dabei, die eigene Vorsitzende zu demontieren.

So viel Heuchelei, so viel Mahnung zu mehr Anstand in der Politik war selten. So ist das vielleicht: Auf die Raserei folgt das Entsetzen über die Tat, dann muss die Ordnung wiederhergestellt werden und alle müssen sich versichern, dass so etwas nie, nie, nie wieder... Ändern dürfte das nichts. Die Spitzenpolitik wird ein hartes Geschäft bleiben, für Männer wie für Frauen.

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