Andrej Hunko Rastloser Rebell mit Hartz-IV-Erfahrung

Von Gregor Gysi stammt das Bonmot, zehn Prozent der Mitglieder der Linken und anderer Parteien seien irre. Andrej Hunko zählt sich freimütig dazu. Als Beruf gibt der Neuabgeordnete wenig aufschlussreich "Angestellter" an - doch dahinter verbirgt sich ein bewegter Lebenslauf.
Von Lisa Hemmerich
Andrej Hunko (Linke): Seine Zustimmung zu sozialen Unruhen löste heftige Debatten aus.

Andrej Hunko (Linke): Seine Zustimmung zu sozialen Unruhen löste heftige Debatten aus.

Foto: Darius Dunker

"Ich gehör ja zu den Verrückten", sagt er von sich. Gerade der Landesverband von Nordrhein-Westfalen, dessen Vorstand er ist, hat eine starke rebellische Kultur, geprägt von Oppositionellen, Gewerkschaftern und sozialen Bewegungen.

Zur Durchsetzung von mehr Gerechtigkeit begrüßt er soziale Unruhe, wie sie in Frankreich und Island unlängst zu beobachten war. Als Beispiel nennt er die französischen Betriebsbesetzungen, so was sei auch in Deutschland "notwendig und wünschenswert", schrieb er in einer Pressemitteilung im April dieses Jahres und löste eine heftige Debatte aus.

Hunko hat ein bewegtes Leben hinter sich. Auf der Internetseite des Bundestags steht als Berufsbezeichnung wenig aussagekräftig "Angestellter". Doch das ist nur einer von vielen Berufen, die er gelernt und ausgeübt hat.

Fast wäre der 46-Jährige Arzt geworden, doch nach dem ersten Staatsexamen in Freiburg brach er ab. Dabei hat Hunko engagiert studiert, hatte bereits mit der Doktorarbeit angefangen.

In den Tiefphasen bereute er, sein Studium abgebrochen zu haben

Doch der erste Irakkrieg 1991 mit rund 150.000 Toten löste bei dem Aachener mit ukrainischen Wurzeln eine tiefe Sinnkrise aus. "Was soll ich da noch Arzt werden?", fragte er sich. "Wie Viele habe ich damals ein ganzes Semester gestreikt und danach einfach nicht aufgehört zu streiken."

Er habe eine klare Aufgabe gesucht, musste erst wissen, wie solche Kriege entstehen und wo er politisch steht, bevor er weiter konnte. Die folgenden Jahre waren von politischem Engagement und Perspektivsuche geprägt, in denen er als Lkw-Fahrer, Drucker, Krankenpfleger und Publizist arbeitete.

Vor allem die Zeit als Lkw-Fahrer war hart. Im Sommer lieferte er Eis an Schwimmbäder und Tankstellen, im Winter Tiefkühlkost an die Gastronomie. "Ich saß die ganze Zeit allein in der Kabine, ohne mit jemandem reden zu können", sagt Hunko. "Im Urlaub wollte ich nicht mehr wegfahren, sondern zu Hause bleiben, wo sich nichts bewegt."

Hunko spricht bei Hartz-IV-Demos vor Zehntausenden

Es gab Phasen, in denen er als Krankenpfleger in Berlin oder der Schweiz arbeitete oder die kleineren Zeitungen "Internationaler Sozialismus" und "Linke Offensive" herausgab. Und immer wieder Momente, wo er bereute, sein Medizinstudium so kurz vor dem Ende abgebrochen zu haben.

1999 schließlich machte er in der Druckerei seines Vaters eine Ausbildung zum Mediengestalter und Drucker - organisierte aber gleichzeitig die Proteste gegen die Kriege in Jugoslawien, Afghanistan und im Irak. Fünf Jahre später meldete die Firma Insolvenz an. Hunko wurde arbeitslos - und einer der ersten Hartz-IV-Empfänger in Aachen.

Er begann die ersten Montagsdemos mit zu organisieren, sprach vor Zehntausenden auf den großen Demonstrationen gegen Hartz IV im Jahr 2006. Über sein politisches Engagement landet er 2007 schließlich als Mitarbeiter im Büro des linken Europaabgeordneten Tobias Pflüger in Brüssel.

"Ich fordere 500 Euro, sanktionsfrei."

Mit seinem Lebenslauf repräsentiere er das moderne Prekariat im Bundestag, sagt Hunko. "Es gibt sicherlich nicht viele Abgeordnete, die so unterschiedliche Blickwinkel erlebt haben." Eine der wenigen Konstanten in seinem Leben ist sein politisches Engagement. Er versteht sich als Antikapitalist: Die Wirtschaft muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren - nicht umgekehrt.

Eines seiner Anliegen ist die Verbesserung der Bedingungen für Hartz-IV-Empfänger, deren Situation er "menschenverachtend" nennt. "Die Regelsätze reichen nicht, um sich gesund zu ernähren", sagt Hunko. "Ich fordere 500 Euro, sanktionsfrei."

Für den Moment scheint Hunko angekommen zu sein. "Mit der Linken erleben wir gerade eine besondere historische Situation. Wir haben die Chance mit einer starken Linken, eine gesellschaftlich breite Wirkung zu erzielen." Nur Freizeit und Sport kommen seit seiner Arbeit im Europaparlament und seinem eigenen Wahlkampf zu kurz, aber das nimmt er in Kauf: "Es gibt Phasen im Leben, da muss man auch mal durchziehen und eigene Bedürfnisse zurück stellen, sonst kann man nichts erreichen."