FDP-Gesundheitspolitiker Ullmann über Impfpflicht »Ich halte 3G, 2G oder 2G plus bei niedriger Inzidenz nicht mehr für angemessen«

Der Arzt und FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann arbeitet an einem Gruppenantrag für eine gestaffelte Impfpflicht. Hier spricht er über Lockerungsperspektiven und den künftigen Umgang mit Corona.
Ein Interview von Severin Weiland
FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann im Bundestag: »Wir sollten langfristig in einen Modus wie bei der Influenza kommen«

FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann im Bundestag: »Wir sollten langfristig in einen Modus wie bei der Influenza kommen«

Foto: Christian Spicker / IMAGO

Im Bundestag gibt es am Mittwoch erstmals eine breite Aussprache über die Corona-Impfpflicht. In einer »Orientierungsdebatte« wollen die Abgeordneten aus allen Fraktionen darüber beraten, wie der Kampf gegen die Pandemie am effektivsten vorangetrieben werden kann.

Es dürfte lebhaft werden, denn es geht um ein hochemotionales, kontroverses Thema. Die Ampelkoalition hatte unter dem Druck vor allem der FDP auf einen eigenen Antrag zur Impfpflicht verzichtet. Stattdessen soll es fraktionsübergreifende Gruppenanträge geben. Wann sie eingebracht werden und wann im Frühjahr darüber abgestimmt wird, steht indes noch nicht fest.

Derzeit gibt es nur einen konkreten Entwurfsantrag um den FDP-Vize und Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Kubicki, der neben ihm von weiteren 31 FDP-Abgeordneten und zudem zwei Parlamentariern aus der CDU unterstützt wird. Die Gruppe wendet sich gegen eine allgemeine Impfpflicht und setzt stattdessen auf verstärkte Kampagnen für freiwillige Impfungen.

Ende vergangener Woche kündigten nun sieben Abgeordnete aus SPD, Grünen und FDP an, einen eigenen Gruppenantrag vorlegen zu wollen – für eine allgemeine Impfpflicht aller Bürgerinnen und Bürger ab 18 Jahren. Unterzeichnet ist dieses Schreiben von den SPD-Abgeordneten Dirk Wiese, Heike Baehrens und Dagmar Schmidt, den Grünenabgeordneten Janosch Dahmen und Till Steffen sowie den FDP-Abgeordneten Katrin Helling-Plahr und Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Ein weiterer Gruppenantrag wird sich voraussichtlich mit einer gestaffelten Impfpflicht befassen, die womöglich für Bürgerinnen und Bürger ab 50 Jahren gelten könnte, wie es seit Kurzem in Italien Praxis ist. Zu denen, die an der Ausarbeitung dieses Antrags beteiligt sind, gehört der Arzt und FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann.

Im Interview spricht der 59-Jährige über das Vorhaben und die Perspektiven, aus der Pandemielage herauszukommen.

SPIEGEL: Herr Ullmann, heute findet einmal mehr eine Konferenz der Ministerpräsidenten mit dem Kanzler statt. Bei den derzeit steigenden Infektionszahlen aufgrund der hochansteckenden Omikron-Variante und einer dadurch entstehenden möglichen Herdenimmunität beschäftigt Teile der Politik und der Öffentlichkeit auch ein Thema – das der Perspektive, des Übergangs von der pandemischen in die endemische Lage. Wann und unter welchen Voraussetzungen könnte man Maßnahmen lockern?

Ullmann: Sobald es die pandemische Situation zulässt, sollten die Maßnahmen gelockert werden. Die Kontaktbeschränkungen sind nur dazu da, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Ich persönlich halte 3G, 2G oder 2G plus bei niedriger Inzidenz nicht mehr für angemessen.

SPIEGEL: Ist für einen Übergang in eine endemische Lage eine Impfpflicht nötig?

Ullmann: Wir sollten nicht zum dritten Mal in Folge den Fehler begehen und unbeschwert in den kommenden Herbst starten. Wir müssen den Sommer 2022 dafür nutzen, uns auf die Winterwelle vorzubereiten. Meines Erachtens geht dies nicht ohne eine deutliche Steigerung der Impfquote. Wir müssen im Parlament offen diskutieren, welche Maßnahmen dafür notwendig und angemessen sind.

SPIEGEL: Halten Sie regelmäßig wiederkehrende, gegebenenfalls Pflicht-Boosterungen, für notwendig, um den Exit aus der Pandemie zu schaffen – beziehungsweise einen Rückfall aus einer endemischen Lage zu verhindern?

Ullmann: Wir sollten langfristig in einen Modus wie bei der Influenza kommen. Es müssen für den Herbst jeweils genügend Impfstoffe für Auffrischungsimpfungen zur Verfügung stehen. Die Impfung wäre dann freiwillig und würde hauptsächlich dem eigenen Schutz dienen. Berichte stimmen mich optimistisch, dass wir in naher Zukunft angepasste Impfstoffe haben werden, die sowohl gegen Influenza als auch gegen das Coronavirus schützen.

SPIEGEL: Wie sieht die Zukunft unter dem Motto »mit dem Virus leben« aus Ihrer Sicht aus? Bleibt die Maskenpflicht, gibt es regelmäßige Impfungen?

Ullmann: Ich glaube, das kann noch keiner allzu seriös beantworten. Persönlich gehe ich von einem schleichenden Wechselprozess aus. Die Masken werden im Sommer eher verschwinden und im Winter wieder zu sehen sein. Ich bin optimistisch, dass wir nach einer Übergangszeit wieder unsere alten Verhaltensweisen an den Tag legen. Nur wann dies genau sein wird, weiß ich nicht.