Benjamin Bidder

Angebliche Vergewaltigung in Berlin Nicht Moskaus Sache

Die Aufregung über die angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen offenbart, wie stark viele russischstämmige Einwanderer dem Staat misstrauen. Es wäre fatal, wenn sie zu der Überzeugung gelangten, ihre Sache sei bei russischen Politikern besser aufgehoben.
Proteste in Villingen-Schwenningen: Sind Russlanddeutsche anfälliger für Russlands Propaganda?

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Foto: Marc Eich/ dpa

Wenn ein erwachsener Mann Sex mit einem 13 Jahre alten Mädchen hat, dann ist das eine Straftat. Punkt.

Wenn Fremdenfeinde und die Staatsmedien eines anderens Staates Gerüchte über eine angebliche Massenvergewaltigung ausschlachten, um politische Spannungen und Ressentiments gegen Ausländer zu schüren, dann ist das ekelhaft. Punkt.

Der Fall des 13-jährigen Berliner Mädchens, das Mitte Januar erst verschwand und wieder auftauchte, erhitzt die Gemüter in Deutschland und Russland - und ganz besonders in der deutsch-russischen Community. Er hat Demonstrationen ausgelöst, die rechtsextreme NPD auf den Plan gerufen und für einen diplomatischen Eklat gesorgt. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat den deutschen Behörden Vertuschung vorgeworfen, aus "Politkorrektheit".

Welchen Bericht des russischen Staatsfernsehens hält Lawrow dann wohl für glaubwürdiger? Jenen, der die Vergewaltigungsthese mit einem Video unterfütterte, auf dem sich Männer mit Migrationshintergrund mit einer Vergewaltigung brüsten, der aber an keiner Stelle erwähnte, dass die Aufnahme schon seit 2009 auf YouTube kursiert?

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Foto: HANNIBAL HANSCHKE/ REUTERS

Oder doch den anderen, der zu den Berichten aus Berlin und Köln Bilder zeigte, auf denen zu sehen ist, wie einer blonden Frau inmitten einer wilden Männerhorde Gewalt angetan wird? Der aber mit keiner Silbe erwähnt, dass dieses Video in Ägypten aufgenommen wurde, auf dem Tahrir-Platz?

Der Kreml hat die russischstämmigen Menschen im Ausland als Instrument für seine Politik entdeckt. Im November begrüßte Wladimir Putin die Teilnehmer eines russischen Weltkongresses. Die Delegierten aus 97 Ländern sind stramm auf Kreml-Linie. Der Präsident dankte ihnen für "ihre Solidarität während der Wiedervereinigung der Krim mit Russland".

Rätsel um eine 13-Jährige

Misstrauen gegen den deutschen Rechtsstaat

Auch Minister Lawrow hat bei diesem Kongress gesprochen. Am Dienstag vereinnahmte er die 13-jährige Berlinerin, er nannte sie "unser Mädchen".

Viele der Millionen russischstämmigen Deutschen sind in den Neunzigerjahren ins Land gekommen. Viele haben gute Jobs gefunden, sprechen gut deutsch, schienen ihren Platz gefunden zu haben. Doch die aktuellen Verwicklungen zeigen, dass Integration auch nach Jahrzehnten noch Fallstricke aufweist. Viele der russischstämmigen Deutschen sind konservativer eingestellt als der Bevölkerungsdurchschnitt. Viele - nicht alle - fremdeln mit der Gleichstellung homosexueller Paare, und mit dem, was sie "euer Multikulti" nennen.

Viele schauen russisches Fernsehen und bewegen sich überwiegend auf russischsprachigen Plattformen im Internet. Das macht sie anfälliger für Russlands Propaganda, Krise und Krieg in der Ukraine haben das gezeigt.

Viele hegen offenbar auch ein erhebliches Misstrauen gegen den deutschen Rechtsstaat. Wenn die Polizei weitere Informationen mit Verweis auf den Schutz der Persönlichkeitsrechte der 13-Jährigen verweigert, wittern sie den Versuch der Vertuschung. Und nicht nur sie: Nach den Übergriffen in der Silvesternacht denkt eine wachsende Zahl Bürger insgesamt so.

Unglückliche Kommunikation der Polizei

Auf jeden Skeptiker wirkt das Verhalten der Polizei wie Salami-Taktik. Erst schweigt sie. Als Anfragen und Kommentare auf Facebook überhand nehmen, sagt sie, es habe weder eine Vergewaltigung des Mädchens gegeben, noch eine Entführung - das Mädchen sei wieder da.

Dann ist die Rede von einvernehmlichem Kontakt mit einem älteren Mann, dann von zweien. Vielleicht haben die Behörden die Brisanz der Lage unterschätzt, das zunehmende Brodeln in der Bevölkerung angesichts der Massenflucht nach Deutschland.

Die Vorwürfe gegen die Behörden müssen nachvollziehbar aufgearbeitet werden. Verschwörungstheoretikern und Brandstiftern nimmt man mit Transparenz den Wind aus den Segeln. Es wäre fatal, gelangten Millionen Bürger mit russischen Wurzeln am Ende tatsächlich zu der Überzeugung, ihre Sache sei bei russischen Politikern besser aufgehoben als bei deutschen Beamten. Der Fall des 13-jährigen Mädchens ist nicht Moskaus Sache. Was auch immer in Berlin geschah, es ist einer Deutschen widerfahren. Es ist eine deutsche Angelegenheit, und die Aufklärung damit Deutschlands Verantwortung.

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