Nikolaus Blome

Angst machen als Mittel der Politik Angela, das Schreckgespenst

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eine Kanzlerin darf den Bürgern auch mal Angst einjagen. Greta Thunberg sollte das besser bleiben lassen. Wirklich?
Angstmacher Säbelzahntiger

Angstmacher Säbelzahntiger

Foto: Daniel Eskridge / iStockphoto / Getty Images

"Es zählt jetzt jeder Tag", warnte die Bundeskanzlerin am Samstag.

"Das reicht nicht, um Unheil abzuwenden", sagte sie vergangene Woche frustriert über den Corona-Krisengipfel mit den Ministerpräsidenten. "Das führt zu keinem guten Ende."

Das klingt für ihre Verhältnisse geradezu biblisch düster.

Keine Frage, so jagt man den Bürgern einen Schrecken ein, so macht man vielen sogar Angst. Also: Merkel goes Greta Thunberg ("I want you to panic!")?

Ist die Lage wirklich so verzweifelt oder nur die Versuchung sehr groß, die Massen mal so richtig zu kneten?

Die Evolutionsforschung lehrt, dass die Angst vor Säbelzahntigern in der Savanne einst ein verlässlicher Ratgeber des Menschen war. Hätte es diese Angst beizeiten nicht gegeben, ließen sich viele spannende Fragen der Menschheit mangels Menschheit heute nicht diskutieren.

Die Forschung lehrt indes auch, dass dauerhafte oder oktroyierte Angst lähmt und Krankheiten verursacht. Die Dosis macht das Gift, vor allem, wenn sie von oben verabreicht wird, von Obrigkeit und Autoritäten. Angst ist immer auch wie ein kleiner Ausnahmezustand. Und wer den verhängen könne, sei die wahre Macht im Staate, schrieb einst der Staatsrechtler und Nationalsozialist Carl Schmitt, mithin der "Souverän".

Wer also darf wem Angst einjagen in einer offenen Gesellschaft? Eine Bundeskanzlerin allen Deutschen, eine Umweltaktivistin der ganzen Welt?

Auch die mündigen Milieus machen Ausnahmen

Die Milieus der politisch Mündigen lehnen Angst machen als Mittel der Politik eigentlich ab. Richtigerweise werfen sie der AfD vor, sie schüre vor allem die Ängste der Menschen und bewirtschafte deren Ressentiments. Wenn aber politisch instrumentalisierte Angst den eigenen Wünschen zuträgt, machen auch die mündigen Milieus Ausnahmen.

Für Joe Biden als US-Präsidenten spricht zum Beispiel in erster Linie die Angst davor, was Donald Trump in einer weiteren Amtszeit noch alles kaputt schlagen würde. Die US-Demokraten machen damit, wie ich finde, völlig zu Recht kräftig Wahlkampf, derweil sie jeden Tag beten, dass ihr Mann nicht vor Altersschwäche die nächste Treppe runterfällt.

Dürfen Angela Merkel und Greta Thunberg also deshalb Ängste schüren, weil es ihnen beiden um etwas unstrittig Gutes geht? Das bewegte vergangene Woche auch Luisa Neubauer von Fridays For Future. Sie fragte nach den Berichten über Merkels "Unheil"-Zitat auf Twitter: "Wieso ist es so erwartbar, dass eine solche Aussage nach einer Coronakonferenz gemacht wird - und so undenkbar, so etwas nach einer Klimakonferenz zu hören?"

Äh…, weil es ein Unterschied ist.

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Ich will niemandem vorschreiben, das Coronavirus und einen Lockdown zu Weihnachten schlimmer zu finden als die Erderwärmung (oder umgekehrt). Ich will auch nicht die einen Schäden gegen die anderen rechnen. Mich interessiert, ob oder wann Angst machen für eine gute Sache zu einem moralisch wie politisch vertretbaren Preis in der Praxis tatsächlich wirkt.

Die Kanzlerin macht allen Bürgern Angst, damit sich besonders eine bestimmte Minderheit so verhält, als gäbe es die schärferen Regeln eben doch, die bei den Ministerpräsidenten nicht durchzusetzen waren. Das ist Psychopolitik und ein gewagtes Experiment.

In Ausnahmefällen könnte es trotzdem funktionieren: Die zu überblickenden Zeiträume sind extrem kurz, der Aufwand für den Einzelnen hält sich in Grenzen und ist klar mit der Aussicht verknüpft, einen katastrophalen Schaden zu vermeiden.

Alles ein bisschen wie neulich in der Savanne mit dem Säbelzahntiger.

Für das Schüren von Angst oder gar Panik vor der Erderwärmung gilt das nicht, das Reiz-Reaktions-Schema ist ein anderes: In den Augen der Mehrheit, nicht der Aktivisten, sind die Zusammenhänge global und extrem kompliziert, der individuelle Aufwand deutlich kostspieliger und der mögliche Erfolg mit dem persönlichen Handeln weniger stringent verknüpft.

Man wird zudem den Verdacht nicht los, dass hier ein großes Ziel befördert, zugleich aber auch die Diskussion abgewürgt werden soll, obwohl die Auswahl der besten Mittel noch im Gange und die Verteilung der Kosten noch umstritten ist. Wer trotzdem Angst sät, wird darum zu oft Verweigerung ernten, als dass es sich lohnen könnte.

Wenn jemand an dieser Stelle rufen möchte, aber beim Klimawandel gehe es wie bei Corona in den nächsten 14 Tagen um alles oder nichts, dann möge er bitte innehalten, denn es führt nirgendwohin, Fragen definitorisch aus der Welt zu schaffen. Natürlich drängt die Erderwärmung. Aber, face it, sie bedrängt die Deutschen kommende Woche nicht so unmittelbar wie eine exponentiell sich ausbreitende Infektion.

Eines räume ich gleichwohl ein: Die Kanzlerin könnte den Bürgern ihre unheilvoll dräuenden Worte auch ersparen. Sie müsste lediglich verlauten lassen, dass sie gerade einen Hunderterpack Klopapier und ganz viel Rotwein auf Vorrat gekauft hat, nur mal so.

Dann würden die deutschen Hamsterkönige sofort begreifen, dass jetzt Schluss mit lustig ist.

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