Merkel auf dem CDU-Parteitag Und der Zukunft abgewandt

Halb ist sie weg, halb ist sie da. Erstmals seit 20 Jahren erlebt Angela Merkel einen CDU-Parteitag nicht als Vorsitzende. Sie spricht ein Grußwort, sie liest, sie lauscht. Der Kongress aus der Perspektive der Kanzlerin.

CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX

Aus Leipzig berichtet


Auf dem Weg zum Rednerpult muss Friedrich Merz an Angela Merkel vorbei. Es ist ein langer Weg, und als Merz von der rechten Ecke des Leipziger Messesaals aufbricht, liest die Kanzlerin auf ihrem Handy.

Schaut sie ihn an, schaut sie ihn nicht an? Das ist die Frage. Merz ist seit beinahe zwanzig Jahren Merkels Heimsuchung, noch vor drei Wochen hat er ihre Regierung "grottenschlecht" genannt. Merkel habe einen "Nebelteppich" über das Land gelegt. Merz schreitet, Merkel liest.

Bislang hat sie nicht viel von diesem Parteitag mitbekommen, jedenfalls nicht mit ganzer Aufmerksamkeit. Meistens hat sie gelesen oder geschrieben. Sie muss ja auch nicht mehr jedem Redner lauschen, seitdem sie quasi in Altersteilzeit lebt. Die Hälfte ihrer Aufgaben, den CDU-Vorsitz, hat sie beim letzten Parteitag vor einem Jahr aufgegeben. Nun ist sie einfache Delegierte mit dem Hauptberuf Bundeskanzlerin. Es ist ihr erster Parteitag seit zwanzig Jahren, in dem sie nicht eine Minute lang Vorsitzende ist.

Im Video: Analyse des Parteitages von SPIEGEL-Redakteur Markus Feldenkirchen

REUTERS/DER SPIEGEL

Sie sitzt auf der rechten Seite des Podiums zwischen Ralph Brinkhaus, dem Vorsitzenden der CDU-Bundestagsfraktion, und Ursula von der Leyen, der designierten Präsidentin der EU-Kommission. Der Parteitag geht los, Merkel beginnt ihre Lektüre.

Die ist recht intensiv, bis ihre Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer die Bundeskanzlerin begrüßt. "Liebe Angela, herzlich willkommen". Ein paar warme Worte, ein schöner, aber nicht kraftvoller Applaus, etwas zögerlich stehen die Delegierten auf. Merkel lacht, wackelt mit dem Kopf, ist offenbar nicht ganz unbewegt.

"Du bist die härteste Verhandlerin"

Ihre schweren Minuten kommen noch, vor Merz' Rede. Der Parteitag ist in der schwierigen Situation, dass er einerseits ein Signal des Aufbruchs setzen will, der aber nicht mit Merkel verbunden werden kann. Denn die Kanzlerin wird noch maximal zwei Jahre regieren, wie sie selbst angekündigt hat. Einer muss die Weiche umstellen, und das macht dann Kramp-Karrenbauer, als sie in ihrer Rede recht kühl sagt: "Es reicht nicht mehr, Reparaturbetrieb zu sein."

Merkel schaut nicht auf ihr Handy, schaut ausdruckslos auf Kramp-Karrenbauer. Nur noch Reparaturbetrieb? Chefin dieser Werkstatt ist Merkel. Die CDU müsse wieder Zukunft gestalten, fährt Kramp-Karrenbauer fort. Verhaltenes Klatschen von der Frau, die nicht mehr Teil dieser Zukunft sein wird.

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CDU-Parteitag: Kramp-Karrenbauer trumpft auf - vorerst

Noch dicker kommt es, als Gesundheitsminister Jens Spahn redet. Der sagt, dass die CDU nun wieder laufen lernen müsse und benutzt damit jene Formulierung, die Merkel einst nutzte, um die Partei von Helmut Kohl loszusagen. Es sei Zeit für einen Aufbruch, sagt Spahn, und er nimmt dafür sogar die Frau in Anspruch, die den Parteifreunden offenbar das Laufen ausgetrieben hat: die Bundeskanzlerin, denn die sehe das sicher auch so. Ließe sich "ausdruckslos" steigern, müsste man sagen: Merkel schaut noch ausdrucksloser in diesem Moment. Wahrscheinlich sieht sie das ganz und gar nicht genauso.

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Andererseits hat sie sich das selbst eingebrockt mit ihrem Rückzug in zwei Schritten, mit dem sie ihre Partei und das Land in eine seltsame Zwischenzeit gestürzt hat. Anders gesagt: Man fährt jetzt auf Gleis 9 3/4, das es eigentlich nur bei Harry Potter gibt.

Merkel erlebt jedoch auch schöne Momente in ihrem Parteitags-Waggon. Ursula von der Leyen rühmt sie für ihr Verhalten in der Debatte um eine Frauenquote, bei der sie in verschiedenen Lagern standen. "Du bist die härteste Verhandlerin, die ich in meinem Leben je kennengelernt habe", ruft von der Leyen. Doch Merkel achte immer darauf, dass ihr Gegenüber das Gesicht nicht verliere. Von der Leyen spricht von "menschlicher Größe" bei der Kanzlerin. Da guckt sie nun, vielleicht sogar gerührt, aber so genau kann man das bei Merkel nicht sagen.

Merkel weiß, wann sie ein Signal senden muss

Ihre eigene Rede trägt den Titel "Grußwort", so ist das nun. Es grüßt die Bundeskanzlerin den Parteitag der CDU, aber wer gehofft hatte, sie würde unter dem heimeligen Titel weniger hölzern reden als sonst, wurde enttäuscht. Merkel zählte auf, was ihre Regierung alles getan habe, Fachkräfteeinwanderungsgesetz, "eine Riesenoffensive im Wohnungsbereich" und so weiter. Ein Grußwort im Spiegelstrichformat - gibt es gar nicht so oft. Als danach ihre Nachfolgerin redet, wird klar: Das kann Kramp-Karrenbauer eindeutig besser, als Rednerin bewegt sie sich in einer anderen Liga als Merkel.

Als Handy-Nutzerin bevorzugt Merkel einen Winkel von 45 Grad. So hält sie ihr Handy, tippt und liest, meist ist ihr Kopf tief geneigt während dieses Parteitags. Manchmal zeigt sie dieses spontane Aufmerksamkeitsgesicht, um zu zeigen, dass sie alles mitbekommen hat. So gucken auch Leute, die aus dem Schwimmbecken oder einem Ozean auftauchen: Ich war in einer anderen Welt, aber jetzt bin ich wieder da. Und klatsche auch ganz doll mit.

Im Video: Ausschnitte aus den Reden von Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer

Clemens Bilan/ EPA-EFE/ REX; Odd Andersen/ AFP

Man wüsste gern, ob sie wirklich jedes Mal weiß, was sie da beklatscht. Sie kann übrigens auch klatschen und gleichzeitig lesen. Wahrscheinlich regiert sie gerade per Handy. Es muss ja permanent regiert werden, und das ist dann doch wichtiger als eine Rede vom stellvertretenden Parteivorsitzenden Volker Bouffier.

Aber Merkel weiß auch, wann sie ein Signal senden muss. Vom Vorsitzenden der Jungen Union, Tilman Kuban, wird bei diesem Parteitag der schärfste Angriff auf Kramp-Karrenbauer erwartet. Als er redet, sitzt Merkel neben der Parteivorsitzenden. Damit ist alles gesagt. Kubans Angriff bleibt wirkungslos, was aber weniger mit Merkel zu tun hat als mit der versöhnlichen Stimmung dieses Parteitags.

Merz kommt näher, hat sie fast erreicht, und jetzt schaut die Bundeskanzlerin auf. Solle ihr keiner nachsagen, sie meide den Blickkontakt zu ihrer Heimsuchung. Sie schaut, Merz nicht. Womit er dieses kleine Duell eindeutig verloren hat.



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haarer.15 22.11.2019
1. Leider ...
Ja - aber schon lange. Der Zukunft abgewandt ist nicht nur Frau Merkel sondern die gesamte CDU. Es kamen von Frau AKK ein paar Schlagworte - ohne Inhalt und Umsetzungsideen. Und das war es auch schon. Was soll man mit soviel Perspektivlosigkeit anfangen ?
GlobalerOptimist 22.11.2019
2. Blickkontakt zu ihrer Heimsuchung
Da ist wieder typisch Bildzeitung, nur das Messerwetzen wurde wegretuschiert. Leider ist der Reformstau groß, den unsere Kanzlerin hinterlässt. Hoffentlich übernehmen bald kluge Köpfe das Ruder, die "nicht von hinten her denken", sondern die in die Zukunft denken. Unser Land hat es verdient.
Karsten Kriwat 22.11.2019
3. Der Kanzlerwahlverein
Die CDU war schon immer der Kanzlerwahlverein seit Adenauer über Kohl, Merkel und Co. Was will man denn von der CDU sonst erwarten? Dass sie mit Merz "AKK" und den Studienabbrecher Paul Ziemiak aus dem Amt fegt? Wohl kaum...
dschulzehh 22.11.2019
4. Parteitage..
.. sind immer schwierig. Kann mich trotzdem nicht daran erinnern jemals ein hohleres Gelabere gehört zu haben.
Filsbachlerche 22.11.2019
5. Halb ist sie weg, halb ist sie da…
Das könnte man auch als Bilanz ihrer bisherigen Kanzlerzeit zu Recht feststellen. Atomkraft wieder einschalten (mit Gewinngarantien für die Atomstromerzeuger), dann nach Fukushima 180 Grad Kurswechsel: Stopp für Kernenergie! Und Milliarden Eurolasten für die Garantien im Bundeshaushalt für die Konzessionen 2005. (Allerdings noch viel weniger als die Steuergelder, die CSU-Minister auf Geheiß Seehofers bzgl. Maut veruntreut hat!) Das nenne ich Konsequenz. Entweder war der erste oder zweite Entschluß ein undurchdachter Schnellschuß… Ein eindeutiger Schnellschuß war 2015. In Budapests Hauptbahnhof wird Tausenden von Flüchtlingen die Einreise verweigert, auch die Weiterreise in andere EU-Staaten. BKin Merkel hat einen Anfall von Nächstenliebe und verkündet: Deutschland nimmt sie auf. Wir schaffen das. Leider vergaß sie anzumerken, daß diese Zusicherung nur für die auf dem Budapester Bahnhof Festsitzenden gelte. Dann wird "Wir schaffen das" als Rechtfertigung für ekelhafte Übergriffe zugweise eingereister Flüchtlinge aus Nordarfika in Köln zitiert: ich sah live die Aussage eines Beteiligten "Frau Merkel hat uns doch gerufen". Dann liest ihr der damalige CSU-Chef und derzeitige Bundesinnenminister in München 15 Minuten die Leviten. Live im Fernsehen! Sie läßt das stumm an sich ablaufen. Eine bewundernsfähige Leidensfähigkeit! Doch für eine BKin eine beschämende Vorführung durch Seehofer. Und jetzt wie schon immer: HALB ist sie weg, HALB ist sie da. Ich frage mich: Wo war oder ist sie jemals gewesen?
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