Angela Merkel Der Boss


Essen - Sie hat Lust auf die Macht. Und doch ist sich Angela Merkel auch in der Stunde des persönlichen Erfolgs stets der Risiken bewusst. Obwohl die 45-Jährige in den vergangenen Wochen wie von einer großen emotionalen Woge ins Amt der CDU-Vorsitzenden getragen wurde und sie mittlerweile ähnlich gute Umfragewerte wie Kanzler Gerhard Schröder hat - sie ist immer ein wenig skeptisch und vorsichtig. Gleich nach ihrer Nominierung zur Parteichefin Anfang März dankte sie zwar für "unglaublich viel Unterstützung", fügte aber sofort hinzu: Sie wünsche sich, dass die "große emotionale und rationale Zustimmung zu meiner Kandidatur über den Parteitag hinaus anhält".

Angela Merkel: Die Hoffnung der CDU
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Angela Merkel: Die Hoffnung der CDU

Merkel weiß, was auf sie als erste Chefin einer großen Volkspartei zukommt. Da mögen ihr noch so viele in der Union ein Zeugnis wie Heiner Geißler ausstellen. "Sie ist unbelastet, kann zuhören, sie hat Mut, eine ausgeprägte demokratische Gesinnung und Führungskraft bewiesen." Doch sie dürfte auch registiert haben, dass Parteifreunde wie Jürgen Rüttgers und Volker Rühe, die Merkel heute laut Beifall zollen, sich in der Vergangenheit zurückhaltender geäußert haben.

Obwohl sie schon mehr als zehn Jahre in der Politik mitmischt und sich durchaus auch mit Ellenbogen durchsetzen kann, wirkt sie immer noch anders als viele Politiker. "Die hat nicht so eine abgelutschte Sprache wie wir alten Routiniers", meinte das CDU-Urgestein Norbert Blüm. Die große Show ist nicht ihr Ding. Die Pfarrerstochter lässt sich akribisch auf Probleme ein. Dabei kommt ihr ihre Ausbildung als Naturwissenschaftlerin zugute, in der sie gelernt hat, rein rational zu entscheiden.

Die in Hamburg geborene Ostdeutsche verkörpert einen scharfen Kontrast - zum Amts-Vorvorgänger Helmut Kohl, der Merkel gerne als das "Mädchen" bezeichnete, ebenso wie zu Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Im Blick auf die Ära Kohl hat Geißler über Merkel gesagt: Sie sei "die lebendige Alternative zu dem, was vorher war mit Personenkult und Verfall an innerparteilicher Demokratie". Auch zu Schröder liegen die Unterschiede auf der Hand. Merkel verkörpert nicht so sehr den Typus des Erfolgsmenschen. Ihr hat man zum Beispiel deutlich angesehen, welche Belastung die Spendenaffäre für sie war.

Vor der CDU-Vorsitzenden steht ein Berg von Problemen. Sie muss ihren Platz im neuen Spitzentrio mit Friedrich Merz als Unionsfraktionschef und Edmund Stoiber als CSU- und bayerischem Regierungschef erst noch finden. Und überhaupt ist nicht klar, wie die drei Unionsspitzen harmonieren werden. "Wir bekommen in der Spitze der Union eine spannende Konstellation", sagte sie am Wochenende. Alle drei müssten sich aneinander gewöhnen. "Wenn wir uns zu dritt nicht auseinander dividieren lassen, dann werden sich jene, die heute regieren, womöglich an dieser Konstellation die Zähne ausbeißen."

Merkel muss den Kurs vorgeben, den die CDU steuern soll. "In der Parteiführung muss man die Fähigkeit haben, alle Teile der Partei mitzunehmen", sagt sie. Außerdem will sie die CDU zu einer Partei entwickeln, die sich der Zukunftsfragen annimmt. Und letztlich muss sie auch die heikle Frage lösen, wie die CDU künftig mit ihrer "Ikone" Helmut Kohl umgeht.



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