Jan Fleischhauer

Merkel für immer Kohl lebt

Alle reden darüber, mit wem Angela Merkel ab Sonntag eine Koalition bilden kann. Dabei ist die viel wichtigere Frage, wie lange sie noch Kanzlerin bleiben will.
Angela Merkel

Angela Merkel

Foto: Markus Schreiber/ AP

Nach dem Sieg ist vor dem Sieg. Das gilt nicht nur im Sport, sondern auch in der Politik. Wenn die Umfrageinstitute nicht alle von der Regierung gesteuert sind, wie man in manchen Zirkeln glaubt, dann wird die nächste Bundeskanzlerin wieder Angela Merkel heißen.

Überall rechnen die Journalisten bereits durch, wie das nächste Kabinett Merkel aussehen könnte. Auch der Kanzlerkandidat der SPD bereitet sich auf die vierte Amtszeit der ewigen Kanzlerin vor. In einem handschriftlich aufgesetzten Brief hat er Bedingungen für den Einzug der SPD in eine Regierung genannt. Das tut niemand, der eine Regierung anzuführen gedenkt, sondern nur jemand, der sich auf zähe Verhandlungen als Juniorpartner einstellt.

Ich finde, die interessante Frage ist nicht, mit wem Merkel eine Koalition bilden will. Die Frage, die mich beschäftigt ist: Wie lange will sie noch regieren? Komischerweise wird diese kaum gestellt, dabei liegt sie auf der Hand.

Einen Ewigkeitskanzler habe ich bereits erlebt, der hieß Helmut Kohl. 16 Jahre war er an der Macht, so lange, bis sich praktisch niemand mehr in Deutschland an eine Zeit ohne ihn erinnern konnte. Es gibt jetzt wieder eine ganze Generation, die nichts anderes kennt als eine Kanzlerin. Und möglicherweise stehen wir diesmal erst in der Mitte der Regentschaft.

2021 ist Schluss? Ausgeschlossen!

Merkel selbst hat zu ihren Zukunftsplänen gesagt, dass sie die nächste Amtszeit zu Ende bringen wolle, sollte sie noch einmal gewählt werden. Damit ist fast ausgeschlossen, dass 2021 Schluss ist, es sei denn, sie will die CDU ins Verderben stürzen. Sicher, theoretisch könnte die CDU auf einem Parteitag kurz vor Ende der Legislaturperiode einen neuen Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten benennen. Aber das würde bedeuten, dass der Neue das Schicksal erleidet, das Martin Schulz beschieden war: Gegen einen Gegner anzutreten, der sehr viel besser vorbereitet ist als man selbst.

Ich habe Angela Merkel ein paar Mal in einem kleinen Kreis zum Abendessen getroffen. Da ich auch Gerhard Schröder und Joschka Fischer aus der Nähe erlebt habe, besitze ich einen gewissen Vergleichsmaßstab. Was mich an Frau Merkel immer wieder überrascht hat, ist die Normalität im Auftreten. Ich kenne keinen Spitzenpolitiker, den das Amt im persönlichen Umgang so wenig verändert hat wie sie. Wenn sich Angela Merkel eine Eitelkeit leistet, dann die Extravaganz, länger regieren zu wollen als Helmut Kohl. Das wiederum ist eine Form der Eitelkeit, die für uns alle sehr folgenreich sein könnte.

Anlässlich des Todes des Altkanzlers gab es eine Reihe von Fotos aus den Neunziger Jahren, auf denen auch die junge Angela Merkel zu sehen war. Journalisten nannten sie damals "Kohls Mädchen", was als Spott gedacht war, dabei steckte darin eine tiefe Wahrheit, aber anders als von den Spöttern gemeint. Diese Wahrheit ist, dass sich Angela Merkel mehr von Helmut Kohl abgeschaut hat, als den meisten bis heute bewusst ist.

Wer soll es bei der CDU sonst auch machen?

Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten, wenn man genau hinsieht. Da ist die demonstrative Bodenständigkeit; das Verlangen nach absoluter Loyalität, was bedeutet, dass jeder umgehend aus dem Kreis des Vertrauens entfernt wird, der nur leise Zeichen von Untreue zeigt; der enorme Machtwille; auch die physische Robustheit, die es braucht, um sich über viele Jahre an der Spitze der Regierung zu halten.

Man unterschätzt leicht, welche Herausforderungen an die Physis das Amt bedeutet. Kanzler ist kein der Gesundheit zuträglicher Beruf. Man bekommt zu wenig Schlaf und sitzt zu viel. Ständig muss man sich ärgern, ohne dass man den Ärger richtig los wird. Und man isst falsch.

Kohls Gesundheit war nachweislich ohne Tadel, auch deshalb hat er so lange durchhalten können. Zweimal musste er sich an der Prostata operieren lassen, einmal am Meniskus, mehr war nicht in den 16 Jahren Kanzlerschaft. Auch Angela Merkel regiert seit zwölf Jahren ohne größere Ausfälle. Die längste Auszeit waren zwei Wochen auf Krücken, weil sie sich beim Ski den Beckenring gebrochen hatte.

Vermutlich ist es zu viel verlangt, beizeiten den Abschied einzuleiten. Angeblich hat Merkel mit sich gerungen, ob sie noch einmal antreten solle. Aber am Ende findet sich immer ein Grund, warum man noch einmal den Tornister schultern muss, um im Kohlschen Idiom zu bleiben. Irgendwo gibt es immer eine Krise oder größere Kalamität, die den geplanten Ausstieg verhindert, wenn nicht zu Hause, dann international.

Davon abgesehen, wer soll es bei der CDU nach Merkel auch machen? Der brave Thomas de Maiziere, der immer so traurig schaut, als ob gerade sein Hund überfahren wurde? Die strenge Ursula von der Leyen, die in der Partei niemand mag, nicht einmal der Diensthund. Schäuble ginge, dem würden die Leute vertrauen, aber der ist mit inzwischen 75 Jahren zu alt.

Geduld ist nach meiner Beobachtung eine der meistunterschätzten Tugenden in der Politik. Wir denken immer, es gehe darum, blitzschnell zu handeln, wenn sich eine neue Situation ergibt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wer abwarten kann, wie sich die Dinge entwickeln, ist in der Politik meist im Vorteil.

Einen Aussitzer haben sie Kohl zum Schluss genannt, als sich alle Hoffnungen, die nächste Wahl würde ihn kippen, zerschlagen hatten. Auch Merkel ist eine begnadete Zuwarterin. Deshalb wird sie nach menschlichem Ermessen noch in vier Jahren dort sitzen, wo andere, die sich für begabter oder leistungsfähiger halten, gerne wären.

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