Angela Merkel Die gnadenlose Königin der Macht
Angela Merkel (im Juli 2020 vor dem Gästehaus der Bundesregierung in Meseberg)
Foto: REUTERSErinnern Sie sich? Vor einem Jahr hatte die Bundeskanzlerin mehrere Anfälle unkontrollierten Zitterns am ganzen Körper. Dieses Bild des Jammers, in aller Öffentlichkeit, markierte den Tiefpunkt ihrer Zeit nach der Bundestagswahl 2017.
Eine Regierungsbildung war gescheitert, eine zweite nur quälend zum Abschluss gebracht. Im Sommer 2018 kam es, auch wegen Merkels Sturheit in der Flüchtlingspolitik, fast zum finalen Bruch zwischen CDU und CSU. Dann folgten Wahlniederlagen, der Rücktritt vom CDU-Vorsitz und irgendwann der schöne Satz von Friedrich Merz: "Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass diese Art des Regierens in Deutschland noch zwei Jahre dauert."
Er hatte damals recht, und er hat auch recht behalten - nur eben ganz anders, als er dachte: Zu Beginn der politischen Sommerpause ist Merz ein Kandidatenzombie und Merkel die Comeback-Queen.
Es soll ihre Leistung nicht schmälern, aber natürlich ist die Kanzlerin eine Seuchengewinnlerin. Ohne Corona würden weder Deutschland noch Europa jene Großkrise erleben, in der Angela Merkel noch einmal große Form zeigt. Krise kann sie halt, die Kanzlerin. Das Virus wird sie nun bis zum Ende ihrer Amtszeit begleiten, und diese Gewissheit hat sie den Modus dafür finden lassen: Mir kann keiner mehr. Mal sehen, ob Angela Merkel jetzt übermütig wird. Erste Anzeichen sind nicht zu übersehen.
Nachdem sie sich aus dem Rennen um ihre Nachfolge zumindest öffentlich lange heraushielt, hat sie nun mit den Bildern eines einzigen Auftritts Maßstäbe gesetzt - und sichtlich Spaß daran gehabt, hinterher wie die Unschuld vom Lande zu tun. Dabei wusste Merkel genau, was es auslöst, wenn sie Markus Söder die Darstellung seiner herrschaftlich-bajuwarischen Mannespracht ermöglicht. Merkel, die erklärte Feindin allen Kitsches, machte bei dessen verkitschter Überinszenierung auf Schloss Herrenchiemsee mit.
Aber sie machte vor allem die wahren Machtverhältnisse sichtbar, die in zwei kurzen Fragen stecken: Wer wollte die Bilder unbedingt haben? Wer allein machte sie möglich? Die Bilder und die Botschaft, die sich Markus Söder (warum auch immer) wünschte, erhielt er von Merkels Gnaden, von oben herab, in Form ihrer huldvoll gewährten Anwesenheit.
Oben und unten, das ist der Maßstab der Macht, "Koch und Kellner" hieß das brüsk bei Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Angela Merkel geht subtiler vor, indes nicht minder gnadenlos und umfassend - von wegen "lame duck". Trotz aller Flötereien, ja auch einmal Nordrhein-Westfalen besuchen zu können, wurde klar, wem solche Inszenierungen nicht gewährt werden. Mit dem lächelnden Sadismus einer Heidi Klum könnte Merkel sagen: Für euch, lieber Friedrich, lieber Armin, lieber Norbert habe ich heute leider kein Foto - was bei "GNTM" meist der Moment der Tränen und des Abschieds ist. Zur Sommerpause hat die Kanzlerin ihre potenziellen Nachfolger derart geschrumpft, dass sie in Merkels Fußstapfen Wasserski laufen könnten.
Dass die Kanzlerin irgendwie der Hafer sticht, fiel mir vergangene Woche noch bei einem weiteren Foto auf: Am Tag nach der letzten Verhandlungsnacht des EU-Gipfels ging sie laut "Bild" in ihren Stammsupermarkt in Berlin, kaufte ein bisschen ein und ließ sich dabei fotografieren. Solche Ausflüge unternimmt Merkel hin und wieder, aber ausgerechnet nach diesem EU-Gipfel? Nein, nach Zufall sah das nicht aus. Nächtelang mit Hunderten von Milliarden Euro jonglieren, aber dann das Wechselgeld an der Supermarktkasse nachzählen, das ist fast wie Kino, für Politik indes wirkt es seltsam überinszeniert, allemal für merkelsche Maßstäbe.
Wohlgemerkt: Ich halte das europäische Corona-Wiederaufbauprogramm für einen der stärksten und besten Momente in ihrer Kanzlerschaft, gerade die gemeinschaftlich aufgenommenen EU-Schulden sind ein historisches Novum. Sie hätten keinesfalls schon in früheren Krisen beschlossen werden dürfen, aber gewiss auch nicht später als jetzt - was für mich zusammen eine der zentralen Definitionen klugen, konservativen Handelns ist.
Ihr Ziel von 500 Milliarden Euro einmalig ausgezahlter Solidaritätszuschüsse haben Merkel und Emmanuel Macron zu knapp 80 Prozent erreicht, 390 Milliarden wurden es am Ende. Für diese Einigung feierten sich in großen Tönen und Bildern sowohl der französische Staatspräsident als auch der Kanzlertraum einiger deutscher Journalisten, Österreichs Sebastian Kurz (obwohl der sein Ziel, null Zuschüsse, um die besagten 390 Milliarden Euro verfehlt hatte). Angela Merkel ging, wie gesagt, in den Supermarkt. Ihr kann keiner mehr.
Nun heißt es oft, die Kanzlerin denke die Dinge "vom Ende her", fixiere also zuerst das gewünschte Ziel und suche dann nach geeigneten Wegen, es zu erreichen. Daran hatte ich schon bei früheren Gelegenheiten manchmal meine Zweifel, aber im Punkt ihrer Nachfolge gilt das ganz besonders.
Merkel hat ihre eigentlich designierte Erbin, Annegret Kramp-Karrenbauer, in wichtigen Momenten nicht stärken wollen und am Ende gegen alle Gepflogenheiten von einer Auslandsreise aus unmöglich gemacht. Auch jeder der männlichen Nachfolgekandidaten, die noch im Rennen sind, würde heute in der CDU/CSU oder in einem Bundestagswahlkampf gegen Merkel verlieren. Dem Verzwergen dieser Herren beizuwohnen, es mitunter auch zu betreiben, das mag Merkels Ruhm als vermeintlich alternativlose Kanzlerin mehren. Für die Zeit nach ihr bringt es gleichwohl: nichts.