Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Diese seltsame Lust am Untergang

Angela Merkel zur Uno, Friedrich Merz als Nachfolger, und die Bayern spalten sich ab: In der CDU überschlagen sich die Szenarien für einen Wechsel im Kanzleramt.
Kanzlerin Merkel: In Gedanken schnell abgelöst

Kanzlerin Merkel: In Gedanken schnell abgelöst

Foto: HANNIBAL HANSCHKE/ REUTERS

In jeder Kanzlerschaft kommt irgendwann die Zeit der Dämmerung. Bei Gerhard Schröder war innerhalb der ersten 100 Tage der Punkt erreicht, an dem sich die Kommentatoren fragten, wann es mit ihm zu Ende sei. Bei Kohl setzte der Kanzlerabschied neun Monaten nach seiner Wahl ein. Er hat dann bekanntlich noch 15 Jahre regiert, trotz vierteljährlich erscheinender "Kohl kaputt"-SPIEGEL-Titel.

Angela Merkel hat die Kanzlerdämmerung mit einer Verzögerung von zehn Jahren ereilt. Nicht die Tatsache, dass sie sich in einer Krise befindet, ist erstaunlich, sondern dass ihre erste wirkliche Krise so spät kommt. Vielleicht ist das der Grund, warum viele Menschen so entgeistert sind, dass sie der Frau, die eben noch als eiserne Kanzlerin galt, hektisch Abschiedsgebinde winden.

Nicht nur das Volk, auch die Elite kennt den Opportunismus der Meute. Wie so oft, wenn der Stern eines mächtigen Menschen sinkt, gesellen sich zu denjenigen, die immer schon fanden, dass der Machthaber nichts tauge, aber es sich vorher nicht zu sagen trauten, die Zuschauer und Spektakelgäste. Man muss in diesen Tagen nur ein Regionalereignis wie einen Kulturempfang der Berliner "B.Z." besuchen, um einen Eindruck vom Stimmungsumschwung zu bekommen. "Die Frau ist burned out", sagt der Mann von der Handelskammer, dessen Bückling gestern noch bis zum Boden reichte. "Völlig fertig, Flasche leer", ergänzt der Mann vom Industrieverband.

Endzeitfantasien in der Union

In Gedanken ist ein Kanzler schnell abgelöst. Aber damit ist die entscheidende Frage nicht beantwortet: Was kommt dann? Und vor allem: Wird es anschließend besser?

Die zweite Frage kann man eindeutig verneinen. Glaubt jemand ernsthaft, dass es unsere Position in Europa stärken würde, wenn Merkel morgen nicht mehr an ihrem Platz wäre? Weder die Eurokrise ist gelöst noch der Konflikt mit Russland, wir reden im Augenblick nur über andere Dinge. Soll Sigmar Gabriel die Regierungsgeschäfte führen, wenn die Griechen in Brüssel vorstellig werden, weil sie mit ihrem Geld mal wieder nicht auskommen? Ist Thomas de Maizière der Mann, der Putin klarmacht, dass er sich nicht einfach Länder wie Konfektschachteln im Kaufhaus Gum nehmen kann?

In der Union kursieren jetzt alle möglichen Endzeitfantasien. In einem Szenario strebt die Kanzlerin insgeheim den Uno-Vorsitz an. In einem anderen kehrt Friedrich Merz, der ewige Kronprinz, zurück, um die Union wieder in lichte Höhen zu führen. Die Bayern spielen mit der Idee der Parteispaltung. Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wäre der richtige Zeitpunkt, heißt es in der Umgebung von Horst Seehofer, um die CSU als AfD-Konkurrenz im Bundesgebiet zu etablieren.

Von rechts verhöhnt

Eine Partei, die gerade ihre Kanzlerin gemeuchelt hat, weil sie ihre Politik nicht mehr mittragen mag, ist für den Wähler keine Empfehlung. Was soll das Argument sein, mit dem man um das Vertrauen der Bürger wirbt: Wir haben Angela Merkel auf dem Parteitag in Karlsruhe mit überwältigender Mehrheit den Rücken gestärkt, aber nun müssen wir einsehen, dass wir uns in ihr getäuscht haben, deshalb bitten wir um Unterstützung für Wolfgang Schäuble?

Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach hat im November eine Umfrage vorgelegt , die zeigt, wie die Deutschen die Situation einschätzen. Eine Mehrheit erklärte darin ihre Unzufriedenheit mit dem Agieren der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise. Lediglich 32 Prozent der Befragten fanden, dass Merkel auf diesem Feld gute Arbeit geleistet habe. In einem zweiten Schritt wurden die Leute gefragt, wem sie am ehesten zutrauen würden, die anstehenden Probleme besser in den Griff zu bekommen. Es votierten für Seehofer: sechs Prozent, für Gabriel: zwei Prozent, für Schäuble: ein Prozent.

Früher wurden CDU-Kanzler von links verhöhnt, heute von rechts. "Merkel muss weg", lautet der Schlachtruf der AfD. Im Gegensatz zu vielen Leuten, die Merkels Haltung in der Flüchtlingskrise kritisieren, bin ich froh, dass sie im Kanzleramt sitzt und nicht einer der zahlreichen Anwärter, die in den Zeitungen als Nachfolger gehandelt werden.

Katzenjammer garantiert

Merkel ist davon überzeugt, dass Europa irreparablen Schaden nimmt, wenn sie die Grenzen schließt. Alle Kanzler zurück bis Adenauer haben die europäische Einheit vorangetrieben, sie will nicht diejenige sein, die mit dieser Tradition bricht. Ich halte ihr Vorgehen für falsch, weil es das Europa, das Merkel bewahren will, nicht mehr gibt. Aber Merkels Argument ist eines, das man nicht einfach wegwischen kann, so wie das in vielen Kommentaren geschieht.

In der Geschichte der Bundesrepublik kam es nur zwei Mal zum Machtwechsel, weil der Amtsinhaber vom Volk abgewählt wurde. In der Regel wurden die Kanzler von der eigenen Partei in den Rücktritt gezwungen (Adenauer, Erhard, in gewisser Weise auch Brandt) oder durch den Seitenwechsel des Koalitionspartners aus dem Amt befördert (Kiesinger, Schmidt). Wer den Austausch des eigenen Kanzlers überleben will, braucht eine stabile Mehrheit im Parlament. Sonst endet das Abenteuer in Neuwahlen, deren Ausgang völlig ungewiss ist.

Würden Menschen immer rational agieren, wäre die Welt eine andere. Manchmal schlägt die Untergangsangst in eine merkwürdige Untergangslust um. Dann ist es plötzlich egal, ob das, was kommt, besser ist als das, was ist. Der Katzenjammer folgt auf dem Fuße.