Armenien-Resolution Merkel antwortet auf Erdogans Abgeordnetenschelte

Was Erdogan sagt, findet Merkel "nicht nachvollziehbar": Nach der Beschimpfung deutscher Abgeordneter schaltet sich die Kanzlerin ein. Der türkische Geschäftsträger in Berlin wurde ins Auswärtige Amt geladen.

Erdogan, Merkel
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Erdogan, Merkel


Seit der Armenien-Resolution üben türkische Nationalisten und Regierungsvertreter scharfe Kritik an deutschen Parlamentariern. Der Bundestag hatte die Vertreibung und Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern durch das Osmanische Reich als Völkermord bezeichnet.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan griff besonders türkischstämmige Parlamentarier in Deutschland scharf an, Regierungssprecher Steffen Seibert wies die Schelte bereits am Montag entschieden zurück.

Nun antwortet auch Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich auf die Attacken aus Ankara. "Die Vorwürfe und die Aussagen, die da jetzt gemacht werden von der türkischen Seite, halte ich für nicht nachvollziehbar", sagte Merkel. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestags seien ausnahmslos frei gewählte Abgeordnete. Es gebe unterschiedliche Sichtweisen zwischen der Mehrheit des Bundestags und der Türkei, so die Kanzlerin.

Merkel wies darauf hin, dass die Armenien-Resolution des Bundestags ausdrücklich die Singularität des Holocaust enthalte. Deutschland habe sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und werde dies weiter tun.

Das Auswärtige Amt reagierte ebenfalls. Der türkische Geschäftsträger in Berlin sei am Dienstag zu einem Gespräch ins Auswärtige Amt eingeladen worden, hieß es aus dem Außenministerium. In dem Gespräch sei deutlich gemacht worden, dass die jüngsten Äußerungen zu deutschen Abgeordneten "mit Unverständnis aufgenommen wurden".

Erdogan hatte die türkischstämmigen Abgeordneten des Bundestags als verlängerten Arm der verbotenen PKK bezeichnet. Am Samstag sagte er, es sei bekannt, "wessen Sprachrohr sie sind. Von der separatistischen Terrororganisation in diesem Land sind sie die Verlängerung in Deutschland".

Einem Bericht der "Welt" zufolge soll Erdogan in seiner Ansprache auch Bluttests für türkischstämmige Bundestagsabgeordnete gefordert haben. Demnach habe er den Grünen-Chef Cem Özdemir angegriffen - ohne allerdings dessen Namen zu nennen. "Da kommt ein Besserwisser und bereitet etwas vor, das er dem deutschen Parlament vorschlägt. Ein Türke, sagen manche. Ach was, Türke. Ihr Blut sollte einem Labortest unterzogen werden."

Regierungssprecher Seibert hatte gesagt, der Bundestag habe "eine souveräne Entscheidung getroffen", die sei zu respektieren. In diesem Sinne habe die Bundeskanzlerin Gespräche mit dem türkischen Staatspräsidenten geführt.

Die Grünen-Bundestagsfraktion erklärte sich auf Twitter unter dem Hashtag #HepBirlikte (auf Deutsch "alle zusammen") mit Cem Özdemir und allen anderen, von Erdogan kritisierten, türkischstämmigen Abgeordneten solidarisch:

cht/brk/dpa/AFP/Reuters

insgesamt 416 Beiträge
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tommirf 07.06.2016
1. Nicht nachvollziehbar?
Ist das wirklich alles, was die "Mächtigste Frau der Welt" dazu zu sagen hat? Es ist Lächerlich, es ist beschämend. Im Amtseid heißt es " ... Schaden vom Deutschen Volk abwenden.." Das Parlament ist der Stellvertreter des Deutschen Volkes. Frau Merkel, kommen Sie Ihren Pflichten als Bundeskanzlerin nach!
charles.f 07.06.2016
2. Gibts da nicht auch einen Paragraphen....
....nach dem man Erdogan anklagen kann. Denn im Gegensatz zur Böhmermann-Satire scheint Erdogan seine Aussagen sehr ernst zu meinen. Eine Regierung mit Rückgrat würde Erdogan jetzt massiv in die Schranken weisen. Wer Wind säht, wird Sturm ernten. Erdogan ist Hassprediger und Merkel lässt sich das gefallen. Und das zum Schaden von ganz Europa, denn für die arabische Welt steht das Christentum als Waschlappen da.
bstendig 07.06.2016
3. Ja Wahnsinn
"Die Vorwürfe und die Aussagen, die da jetzt gemacht werden von der türkischen Seite, halte ich für nicht nachvollziehbar", sagte Merkel.... Also das ist ja mal scharf formuliert? War das alles, was da kam? Ich glaub ich träume. Ist nicht der Botschafter gleich einbestellt worden? Ach ne, der ist ja grad weg. Also wirklich, dem Spacken muss man mal gewaltig in die Parade fahren, sonst macht er grad so weiter...
nimue15 07.06.2016
4. Das ist aber sehr zartfühlend kritisiert
Selbst unter Berücksichtigung diplomatischer Gepflogenheiten und Erdogans empfindlichem Charakter. So'n bisschen mehr Biß nach seinen Entgleisungen wäre auch nicht schlecht gewesen.
orangepeel 07.06.2016
5. Nicht nachvollziehbar??
Da hat Frau Merkel ja wieder geredet ohne was zu sagen. Ich wünsche mir dass M. endlich mal Mut und Charakter beweist, um deutliche Worte zu finden. Das hat Sie bisher nur einmal mit "Wir schaffen das" ansatzweise gezeigt. Und da hat mir dann ein "weil" gefehlt, und nachfolgend ein paar Aufzählungen, warum wir das schaffen, und welche bewältigbaren Hürden auf uns zukommen. Zuviel verlangt?
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