CSU gegen CDU Das kleine ABC des großen Unionsstreits

Streiten, streiten, streiten: Was ist bloß los zwischen CSU-Chef Seehofer und Kanzlerin Merkel? War das schon immer so in der Union? Die Hintergründe des Schwesternkampfes - von A bis Z.

Unionschefs Seehofer, Merkel
AP/dpa

Unionschefs Seehofer, Merkel

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A wie Adenauer

Mit ihm muss es beginnen. Weil die Union ohne Konrad Adenauer nicht die Union wäre. Der erste Kanzler prägte die CDU wirtschafts-, außen- und sozialpolitisch. Er machte sie zu >Volkspartei und Kanzlerwahlverein. Die Eigenständigkeit der CSU achtete er, nutzte sie taktisch. Der damalige CSU-Chef Franz Josef >Strauß: "Adenauer hat uns immer gegen die eigene Partei, die CDU, ausgespielt, wenn er uns brauchte."

B wie Bayern

Christsoziale Kernkompetenz. Muss eigentlich in jedem Satz eines CSU-Würdenträgers vorkommen, weil nur die fortdauernde Identifikation der CSU mit Bayern absolute Mehrheiten sichern kann. Und solche Mehrheiten in Bayern wiederum sind die Voraussetzung für den bundespolitischen Einfluss.

C wie Christentum

Fast so wichtig für die Union wie > Adenauer. Mithilfe des "C" überbrückten die Unionsgründer nicht nur die konfessionelle Spaltung - anders als das Zentrum, die Vorgängerpartei - sondern einten und integrierten auch das bürgerliche Lager.

D wie Demütigung

Mittel im unionsinternen Machtkampf. Berühmtestes Beispiel: Die Wienerwald-Rede von >Strauß 1976 (siehe auch > Männerfreundschaft), in der er die CDU-Freunde als "politische Pygmäen" verspottete und deren Vorsitzenden Helmut Kohl als "total unfähig". Knapp 40 Jahre später las Seehofer in aller Öffentlichkeit der Kanzlerin auf einem CSU-Parteitag die Leviten in Sachen Flüchtlingskrise - und sie musste das direkt neben ihm auf der Bühne ertragen.

Seehofer, Merkel in Wildbad Kreuth im Januar 2016
DPA

Seehofer, Merkel in Wildbad Kreuth im Januar 2016

E wie Einigkeit

Theoretisch wesentliche Voraussetzung einer Union, Gegenteil von > Demütigung. Wird im zwischenparteilichen Verhältnis von CDU und CSU rituell beschworen. Unter Strauß/Kohl und Seehofer/Merkel aber eher Ausnahme.

F wie Fehlkonstruktion

Von Seehofer neu eingeführter Kampfbegriff im Unionsstreit. In der CDU gebe es bis hinein ins Kanzleramt mittlerweile Kräfte, die die CSU "als Fehlkonstruktion der Nachkriegszeit" darzustellen suchten, bemerkte Seehofer im CSU-Vorstand.

GroKo-Parteichefs Seehofer, Merkel, Gabriel
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GroKo-Parteichefs Seehofer, Merkel, Gabriel

G wie GroKo

Gab es bisher drei Mal in Deutschland, immer unter CDU-Kanzlern: 1966 bis 1969; 2005 bis 2009; seit 2013. Problem für die CSU war und ist dabei stets, dass CDU und SPD theoretisch auch alleine eine Mehrheit haben. Die Bayern suchen diesen Nachteil durch Krawall zu kompensieren - und mit ihrer besonderen Rolle: "Wir waren und sind nicht eine reine Koalitionspartei, wir sind Koalitionspartei und Unionspartei, also hat die CSU hier eine Doppelrolle", so > Strauß.

H wie Heimat

Klingt nach Schmalz und Fünfziger, dennoch Zentralbegriff für beide Unionsparteien. Mehr noch: CDU und CSU wollen dem Wähler nicht nur ein politisches Angebot machen, sondern eine politische Heimat bieten. Der Aufstieg der AfD weckt grundsätzliche Sorgen: "Viele Bürgerliche sind auf der Suche nach einer Heimat", sagt Seehofer.

CDU-Chefin Merkel, Kanzlerkandidat Stoiber im September 2002
REUTERS

CDU-Chefin Merkel, Kanzlerkandidat Stoiber im September 2002

I wie Islam

Gehört er zu Deutschland oder nicht? Umstrittene Frage in der Unionsfamilie. Vor allem, weil das Thema jetzt auch noch von AfD und Pegida gekapert worden ist. Siehe auch >Christentum.

J wie Justiz

Kommt die CSU politisch nicht weiter, setzt sie auf die Gerichte. Oder tut so, als könnte sie darauf setzen, falls ... … Juristisches Drohen ist politisch manchmal die halbe Miete. So hat Seehofer der eigenen Bundesregierung in der Flüchtlingskrise mit bayerischer Verfassungsklage gedroht.

K wie Kreuth

Legendär. Eigentlich Wildbad Kreuth, im Tegernseer Tal gelegen, ehemalige Heilanstalt für Nervenkranke, seit den Siebzigerjahren CSU-Tagungsort. Chiffre christsozialer Breitbeinigkeit seit dem > Trennungsbeschluss vom November 1976. Zudem der Ort, an dem Erwin Huber und Günther Beckstein im Jahr 2007 Edmund Stoiber stürzten.

L wie Leipzig

Leipziger CDU-Parteitag, 2003. Damals vollzog Merkel einen radikalen Kurswechsel, trimmte die CDU auf Sozialreformen, etwa die Einführung einer Kopfpauschale im Gesundheitssystem. In Seehofer fand sie einen erbitterten Gegner. Zwei Jahre später in der >GroKo musste Merkel ihre Reformversprechen wieder kassieren. Seither ist Leipzig bei Seehofer die Chiffre für Merkels Niederlage. Dass die CSU jüngst ausgerechnet Leipzig für einen Friedensgipfel der Unionsparteien vorschlug, war also wohl nicht ohne Hintergedanken. Merkel lehnte ab, man trifft sich nun in Potsdam.

Konkurrenten Strauß, Kohl im Jahr 1976
DPA

Konkurrenten Strauß, Kohl im Jahr 1976

M wie Männerfreundschaft

Euphemismus für die Beziehung zwischen Kohl und > Strauß. Ihren Ausdruck fand die Männerfreundschaft in > Demütigungen und gemeinsamen Ausflügen: "Ich habe Helmut Kohl meist am Flughafen in München abgeholt, ohne Begleitung und ohne Polizei. Wir sind dann hinausgefahren ins bayerische Land und haben längere Wanderungen unternommen", notierte Strauß. Zwischen Merkel und Seehofer gibt es diese Tradition nicht; Merkel wandert mit ihrem Mann in Italien, Seehofer werkelt an seiner Modelleisenbahn, siehe > Zug.

N wie Nebenaußenpolitik

Noch nie hat die CSU den Bundesaußenminister gestellt. Macht aber nichts. Außenpolitik machen die Christsozialen nämlich trotzdem, mitunter auch gegen die CDU. >Strauß dealte mit der DDR, er reiste nach Peking und Moskau. Nachfolger Stoiber wiederum pflegte enge Beziehungen zu Wladimir Putin, Seehofer reiste zuletzt den westlichen Sanktionen zum Trotz nach Moskau.

CSU-Chef Seehofer, russischer Präsident Putin in Moskau
DPA

CSU-Chef Seehofer, russischer Präsident Putin in Moskau

O wie Ochsensepp

Eigentlich Josef Müller, Gründer der CSU und damit bayerisches Gegenstück zu > Adenauer. Wäre es nach Müller gegangen, hätte sich die CSU zu einem bayerischen CDU-Landesverband entwickelt. Er konnte sich nicht durchsetzen, verlor nach und nach seine Macht. Merkel mag im Rückblick mit Wehmut auf des Ochsensepps Scheitern schauen. Siehe auch >Bayern.

P wie Populismus

Eher abwertend zu verstehender Begriff in der CDU, eher nicht abwertend zu verstehender Begriff in der CSU. Es gilt das Motto von >Strauß: "Man soll dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden."

Q wie Quälgeist

Umschreibung für den CSU-Chef mit Blick auf dessen Rolle gegenüber Merkel. Seehofer regiert in Bayern und ist zugleich opponierender Regierungspartner in Berlin. Mit der Kanzlerin verbindet ihn eine lange Geschichte politischen Streits, vom Kampf um die Gesundheitspolitik (siehe auch > Leipzig) bis zur Flüchtlingskrise.

Merkel, Seehofer auf dem CDU-Parteitag 2015
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Merkel, Seehofer auf dem CDU-Parteitag 2015

R wie Richtlinienkompetenz

Steht der Kanzlerin zu, wird aber immer wieder von den Koalitionspartnern zu unterminieren gesucht. Besonders gefährdet sind CDU-Kanzler, weil sie zusätzlich noch die CSU als eigenständige Partei im Bündnis haben. Im Jahr 2005, zu Beginn von Merkels erster > GroKo, erklärte der damalige CSU-Chef Stoiber, in einem Bündnis fast gleich großer Partner gebe es kein "klassisches Direktions- und Weisungsrecht". Die SPD fand das ganz wunderbar. Merkel nicht. Es kam dann auch anders.

S wie Strauß

CSU-Heiliger, Polit-Leitplanke für Seehofer. Wer in der CSU was werden will, sollte am besten so werden wollen wie Strauß. Gelingt natürlich keinem, obwohl Seehofer sich sehr müht (siehe auch > Fehlkonstruktion, > Demütigung)

T wie Trennungsbeschluss

Weil die Union bei der Bundestagswahl 1976 keine absolute Mehrheit erringen konnte, spielte > Strauß mit der Idee einer bundesweiten Ausdehnung der CSU. Außerdem traute er Kohl nichts zu (> Männerfreundschaft). So beschloss die CSU-Landesgruppe in > Kreuth, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag nicht zu erneuern. Ein paar Wochen später nahm die CSU den Trennungsbeschluss zurück.

Seehofer, Ungarns Premier Orbán in Franken
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Seehofer, Ungarns Premier Orbán in Franken

U wie Ungarn

Viktor Orbán ist kein so guter Politfreund der Kanzlerin; Seehofer mag den rechtskonservativen ungarischen Premier umso mehr. Orbán ließ Zäune gegen Flüchtlinge bauen, in der EU erntete er Kritik, in der CSU Verständnis - und eine Einladung zur Klausurtagung ins Kloster Banz.

V wie Volkspartei

Die CSU reklamiert für sich den Titel der erfolgreichsten Volkspartei Europas. Klar ist in jedem Fall: Sie ist erfolgreicher als die CDU (siehe > Adenauer).

W wie Wende

Wort für historische Großereignisse. Kohls geistig-moralische Wende in den Achtzigerjahren blieb folgenlos, die Wende in der DDR aber war für die Union langfristig prägend. Ohne Wende keine weiteren Kohl-Jahre, ohne Wende keine Kanzlerin Merkel. Der Versuch der CSU, die Deutsche Soziale Union (DSU) als Ost-Zwilling zu etablieren, scheiterte.

X wie 50 Prozent plus X

Ewige CSU-Zielmarke. Seit 2003 aber nicht mehr bei der Landtagswahl, seit 2002 nicht mehr bei der Bundestagswahl erreicht. Für die absolute Mehrheit hat es zuletzt trotzdem gereicht. Im Streit der Unionsparteien spielt diese Mehrheitsfähigkeit eine zentrale Rolle. Seehofer wirft Merkel vor, dass sie nicht nach ausreichend nach rechts integriere.

Minister Guttenberg, Kanzlerin Merkel im Jahr 2009
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Minister Guttenberg, Kanzlerin Merkel im Jahr 2009

Y wie Bundeswehr

In der Union beliebte Institution. Die CSU stellt gern den Verteidigungsminister, von > Strauß bis Karl-Theodor zu Guttenberg. Beide mussten am Ende zurücktreten. Guttenberg setzte die Wehrpflicht aus - was wiederum CDU-Leute, denen Seehofer heute einen Linksruck vorwirft, zur Retourkutsche in Sachen konservativer Gesinnung verleitet: Wer hat nochmal die Wehrplicht ausgesetzt?

Z wie Zug

Seehofer lässt im Keller seines Ferienhauses im Altmühltal die Züge fahren, hat dort in Spurgröße H0 sein politisches Leben nachgebaut: Bonn, Berlin, Bayern. Merkel kommt auch vor. Als Playmobil-Figur vorm Bahnhof.

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analyse 06.06.2016
1. Ach was wäre die SPD froh,wenn sie nur solchen Streit
hätte wie CDU/CSU und bei 30 % läge !
Nichtraucher 06.06.2016
2. Interessante Gegenüberstellungen....
Für mich zeigt das, diese 2 Parteien haben eigentlich gar nichts gemein. Die heutige CDU steht der SPD näher als der CSU. Warum also nicht eine Fraktionsgemeinschaft der CDU mit der SPD? Würde genau so viel Sinn machen wie die jetzige Fraktionsgemeinschaft. Die Bayerischen Lokalpolitiker machen dann gemeinsame Sache mit der AfD am Stammtisch mit einer ordentlichen Mass Bier und philosophieren über das gute alte Deutschtum.
From7000islands 06.06.2016
3. Playmobil Figur
Merkel vorm Bahnhof. Ob der Zug sie wohl mitnimmt in irgendeine Welt Organisation, wo Merkel weniger Schaden anrichten kann und keine Visionen mehr braucht? Auf dem Titelbild des Artikels spielt Merkel jedenfalls ihre Schauspielkunst bewusst vorm grossen Publikum aus. Merkel sieht fast wie eine Figur in einem Kinderfilm aus, so krass, dass es auch das kleinste Kindergarten Kind merkt.
omop 06.06.2016
4. Es gab noch nie einen CDU-Kanzler
mit einer derart linken sozialistischen Politik. Dieses Überholen der SPD/Grünen auf der linken Seite des Politikspektrums hat erst zu den ganzen Verwerfungen in der deutschen Parteienlandschaft geführt und de facto zu einer linken "Einheitsregierung" geführt. Die Debattenkultur ist zum Erliegen gekommen. Es wird Zeit für einen Kanzlerwechsel und eine Neuausrichtung der CDU.
pkokot1 06.06.2016
5. Die CSU hat recht,
es geht um die Sicherheit des Landes und Seehofer ist auf der Seite der anderen europäischen Länder.
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