Merkel über die ostdeutsche Wut "Das Land war vielleicht nie so versöhnt, wie man dachte"

In einem Interview hat Bundeskanzlerin Merkel gesagt, sie könne den Frust der Menschen in den östlichen Bundesländern über ihre Flüchtlingspolitik und ungleiche Lebensverhältnisse verstehen.

Angela Merkel
ADAM BERRY/EPA-EFE/REX

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Bundeskanzlerin Angela Merkel kann die Unzufriedenheit und die Wut vieler Menschen in Ostdeutschland nachvollziehen. "Ich finde es nicht so verwunderlich, dass es in Ostdeutschland Frustrationen gibt", sagte Merkel (CDU) der Wochenzeitung "Die Zeit".

Angesichts der im Herbst anstehenden drei Landtagswahlen in Ostdeutschland, wo Erfolge der rechtspopulistischen AfD erwartet werden, sprach Merkel von einer großen Herausforderung. Sie tue sich aber schwer "zu sagen, das Land sei so gespalten wie nie zuvor. Das Land war vielleicht nie so versöhnt, wie man dachte."

Mit Blick auf die Flüchtlingspolitik sagte sie: "Es hat mich nicht verwundert, dass sich viele Menschen in den neuen Ländern mit einer solchen Entscheidung noch etwas schwerer taten als die in den alten Ländern. Es gab in der DDR zu wenig Erfahrung mit anderen Kulturen." Auch die Euro- und Finanzkrise habe Verärgerung im Osten verstärkt.

Außerdem gebe es in Ostdeutschland noch einige große strukturelle Probleme, sagte die Kanzlerin. "Hoffnungen, die Angleichung werde schnell gehen, sind in einigen Bereichen zerstoben." Erbschaften und Steuereinnahmen seien geringer, wodurch die Menschen zu wenig Vermögen aufbauen könnten. "Deshalb fragen die Leute jetzt: Wie lange soll es denn noch dauern?" Deswegen sei es eine herausragende Aufgabe von Politik, gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen.

In sehr vielen Bereichen seien Ostdeutsche unterrepräsentiert, sagte Merkel. Darüber hinaus hätten viele Ostdeutsche beispielsweise lange akzeptiert, weniger als Westdeutsche zu verdienen. "Man hat immer darauf gesetzt, dass sich das eines Tages angleicht. Aber wenn man heute noch immer die erheblichen Lohnunterschiede zwischen Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt sieht, dann ärgert das viele."

Kanzlerin wirbt für mehr Gleichberechtigung von Mann und Frau

In diesem Jahr wird gleich in drei ostdeutschen Bundesländern gewählt, in Brandenburg und Sachsen am 1. September, in Thüringen am 27. Oktober. Die AfD hofft in allen drei Ländern auf Ergebnisse von mehr als 20 Prozent.

Nachdrücklich warb Merkel für mehr Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. "Parität in allen Bereichen erscheint mir einfach logisch". Ihr Blick "für Benachteiligungen, die auf Frauen zukommen", habe sich während ihrer politischen Laufbahn geweitet.

Die Kanzlerin wies auch darauf hin, dass der Blick auf Frauen und Männer nach wie vor unterschiedlich sei. Für einen Mann sei es zum Beispiel "überhaupt kein Problem, hundert Tage hintereinander einen dunkelblauen Anzug zu tragen, aber trage ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer, dann erzeugt das Bürgerpost".

Im Video: Angela Merkel - Die Unerwartete

cht/dpa/AFP



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