Befragungspremiere im Bundestag Wahrheit oder Pflicht

Es könnte ungemütlich werden für die Kanzlerin im Bundestag. Zum ersten Mal in ihrer Amtszeit stellt sich Angela Merkel den Fragen der Abgeordneten. Vor allem die Bamf-Affäre dürfte im Fokus stehen.
Merkel im Bundestag

Merkel im Bundestag

Foto: FELIPE TRUEBA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Dass die Praxis im britischen Parlament kommod ist, wird der Premierminister - oder im Fall von Theresa May die Premierministerin - wohl kaum behaupten. Für den Regierungschef nämlich ist es oft eine echte Qual, von den Abgeordneten im House of Commons gelöchert zu werden. Zu allen möglichen Themen. Und das jede Woche.

So schlimm dürfte es für Angela Merkel nicht werden, wenn sie sich am Mittwochmittag zum ersten Mal in ihren bald 13 Jahren als Bundeskanzlerin im Parlament den direkten Fragen der Abgeordneten stellen muss. Im Londoner Unterhaus herrscht grundsätzlich ein schärferer Ton als im Bundestag, zudem haben die britischen Abgeordneten seit Einführung der Prime Minister's Questions 1961 Zeit gehabt, ihr Kreuzverhör zu perfektionieren.

Aber ungewohnt ist es eben schon für die CDU-Chefin, eine echte Premiere im Herbst ihrer Kanzlerschaft. Und es könnte auch ungemütlich werden. Denn die Parlamentarier dürften vor allem Fragen haben zum Skandal um das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) - und nach der politischen Verantwortung der Kanzlerin.

Natürlich ist Merkel genau darauf vorbereitet. Aber bis ins letzte Detail planbar ist der Auftritt nun einmal nicht. Nicht ausgeschlossen, dass Merkel die eine oder andere Frage ereilt, auf die sie nicht eingestellt ist. Und die Kanzlerin ist zwar schnell im Kopf und kennt kleinste Details der Regierungsarbeit. Aber das auch rhetorisch entsprechend zu verpacken, gehört nicht unbedingt zu ihren Stärken.

Genau darauf legt es die Opposition an: die Kanzlerin kalt zu erwischen.

Den Fragen aus den Koalitionsfraktionen wiederum, insbesondere den Reihen von CDU und CSU, dürfte Merkel dagegen entspannt entgegensehen. Doch es ist angesichts des Zustands der GroKo und der Verfasstheit der SPD denkbar, dass auch Sozialdemokraten die Kanzlerin ein bisschen triezen wollen.

Gemein ist Regierungs- wie Oppositionsfraktionen der Wunsch, die bisherige "Befragung der Bundesregierung" zu reformieren. Die schickte dafür früher meist nur Parlamentarische Staatssekretäre, zuletzt mitunter auch Minister - dröge blieb der 35-minütige Programmpunkt an jedem Mittwoch einer Sitzungswoche dennoch.

Früher war Langeweile - und jetzt?

Nun hat man sich in einem ersten Schritt darauf verständigt, dass die Kanzlerin persönlich dreimal im Jahr Fragen im Parlament beantwortet. Aber auch da sehen selbst Unionsvertreter noch Verbesserungsbedarf: Merkel darf nämlich am Mittwoch bei ihrer Premiere zunächst einen kurzen Vortrag halten. Das Thema darf sie selbst wählen, und nur dazu dürfen die Abgeordneten in der ersten Runde Fragen stellen. Nicht besonders glücklich findet das Stefan Müller, Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe: "Es sollte geändert werden, dass die Bundesregierung uns mitteilt, worüber sie zunächst sprechen möchte."

Bei der Premiere wird nun Merkel das Thema vorgeben, sie will über den bevorstehenden G7-Gipfel in Toronto reden. Von den insgesamt für die Befragung vorgesehenen 60 Minuten wird nach Abschluss der ersten Runde, in der jede der sechs Fraktionen eine höchstens einminütige Frage stellen darf, schon ziemlich viel Zeit rum sein - auch wenn die Antworten Merkels ebenfalls 60 Sekunden nicht übersteigen sollen. Erst dann dürfen die Abgeordneten inhaltlich drauflosfragen.

Zuerst wird jeweils die AfD- als größte Oppositionsfraktion - dran sein, dann folgen SPD, FDP, Union, Linke und Grüne. Darauf hat man sich im Vorfeld untereinander verständigt. Am Ende entscheidet allerdings Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU): Er ruft die Fragesteller auf.

Die Themen: Bamf-Skandal - und was noch?

Man muss kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass kaum jemandem das Pflichtthema G7 am Herzen liegt. Angesichts der aktuellen Debatten wird es wohl vor allem um die Bamf-Affäre gehen. Alles andere würde jedenfalls überraschen, vor allem aus den Reihen der AfD. Die Rechtspopulisten haben bereits einen Untersuchungsausschuss-Auftrag formuliert, der gleich die komplette Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre und Merkels Rolle dabei beleuchten soll. Die FDP-Fraktion, die am Montag ebenfalls einen U-Ausschuss-Auftrag präsentierte, will dagegen vor allem zum Thema Europa fragen, heißt es.

Und sonst? Die Grünen könnten die Kanzlerin fragen, was sie gegen das Bienensterben tun will, die Linken, warum sie die Ost-Renten nicht rascher denen im Westen angleichen will. Aber theoretisch könnte man die Kanzlerin natürlich auch fragen, wer ihrer Meinung nach in Russland Fußballweltmeister wird.

Eines steht fest: Interessanter als jede bisherige Regierungsbefragung wird es am Mittwoch in jedem Fall.

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