2021 endet die Ära Merkel Corona ist ihr Finale

Mit der Wahl im September verabschiedet sich Angela Merkel, nach 16 Jahren. Corona sorgte für das Comeback der Krisenkanzlerin, das Virus wird die letzten Monate ihrer Amtszeit bestimmen. Und was kommt dann?
Angela Merkel im Bundestag: Kaum wegzudenken

Angela Merkel im Bundestag: Kaum wegzudenken

Foto: Florian Gaertner / photothek / imago images

Dieses Jahr war hart, es hat unendlich viel Kraft gekostet, das ist der Kanzlerin bei ihren letzten Auftritten deutlich anzusehen. Und das will bei Angela Merkel etwas heißen. Ihr Nimbus speist sich auch aus der Annahme beinahe übermenschlicher Reserven: Wenn ihre Verhandlungspartner nach stundenlangen Runden einnicken, ist Merkel noch voll da, wenn die anderen noch schlafen, ist sie schon wieder wach. Dieser Ruf hat ihre lange Kanzlerschaft geformt.

Aber Angela Merkel, 66, ist eben doch nur ein Mensch. Und wenn die Nation wegen Corona auf dem Zahnfleisch geht, gilt das irgendwann auch für die oberste Krisenmanagerin des Landes.

Das ist die Lage, neun Monate vor dem Ende ihrer Kanzlerschaft. Mit der Bundestagswahl am 26. September ist unwiderruflich Schluss für die CDU-Politikerin Angela Merkel. Sie wird dann fast 16 Jahre lang regiert haben, nur ein paar Monate weniger als Rekordkanzler Helmut Kohl, ihr einstiger Förderer. Das Ende einer Ära steht an.

Die größte Belastung und Herausforderung in Merkels langer Karriere hat sie ironischerweise so populär gemacht wie selten zuvor: Ihr Ansehen bei den Wählern ist zum Ende des Corona-Jahres ungebrochen hoch, das zeigen aktuelle Umfragen. Die große Mehrheit der Bürger vertraut der Kanzlerin im Kampf gegen die Pandemie. Die Krise ist die Stunde der Exekutive – und Merkel bislang ihre größte Gewinnerin.

Dabei wird die Erfolgsgeschichte zunehmend infrage gestellt: Hat die Kanzlerin Deutschland wirklich so gut durch die Krise gebracht? Die Zahlen sprechen im Vergleich zu anderen großen europäischen Ländern immer noch dafür, nicht nur die Virusindikatoren, sondern auch die wirtschaftlichen Rahmendaten.

Doch so glimpflich wie noch durch die erste Welle kommt Deutschland durch die zweite keineswegs mehr. Hunderte Corona-Tote pro Tag? Die Kanzlerin selbst drückt ihr Entsetzen darüber zu nahezu jeder Gelegenheit aus.

So flehentlich wie neulich im Bundestag hat man Merkel selten erlebt – auch nicht so emotional: »Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und anschließend es das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben!« Ihre Stimme klang brüchig wie nie. Und die Kanzlerin weiß, dass immer neue Hilfen, um die Volkswirtschaft am Laufen zu halten, inzwischen selbst die ehemals üppigen Staatsfinanzen überfordern.

In ihre letzte Jahreswende im Amt geht Merkel also als eine mitgenommene Kanzlerin, die sich trotzdem viele gar nicht mehr wegdenken wollen, je näher der Abschied rückt. Die Merkel-müde Vor-Corona-Zeit, in der ständig darüber debattiert wurde, wann die Regierung zerbricht, vorzeitige Bundestagswahlen stattfinden und damit auch die Kanzlerin rascher gehen muss als geplant, sie scheint Lichtjahre entfernt.

Die letzte Krise stellt alles in den Schatten

Andererseits wird immer klarer, dass der Umgang mit dieser Krise Merkels Kanzlerschaft definieren wird. Der Kampf gegen das Virus stellt alles in den Schatten – und Krisen hat Merkel zur Genüge zu bewältigen gehabt: Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise. Die laufende EU-Ratspräsidentschaft, geplant als eine Art Höhepunkt ihrer Kanzlerschaft, die Anstrengungen für eine neue Politik gegenüber China? Verblasst hinter Corona. Zum ersten Mal als Kanzlerin wandte sich Merkel 2020 jenseits ihrer Neujahrsansprache per TV-Ansprache ans Volk, mit einer »Blut-Schweiß-und-Trost-Rede«, wie es die SPIEGEL-Kollegin Christiane Hoffmann formuliert.

Corona ist Merkels Finale.

Dabei hat die Kanzlerin in den vergangenen Monaten erkennen müssen, wie gering ihr Einfluss als Krisenmanagerin oftmals ist – und wie groß damit die Diskrepanz zur öffentlichen Zufriedenheit. Mit jeder Sitzung der Ministerpräsidentenkonferenz wurde im Verlauf der vergangenen Monate deutlicher, wie viel die Regierungschefs der 16 Bundesländer mitreden beim Krisenmanagement.

Merkels Autorität, selbst in den Unionsreihen, ist deutlich geschrumpft. Dass sie am Ende mit all ihren Mahnungen und Warnungen Recht behalten sollte gegenüber den zögerlichen Länderchefs, mehr noch, es sogar schlimmer kam, als sie befürchtete – verschafft Merkel keine Genugtuung, dafür ist die Lage zu ernst.

Die Regierungschefin entfernt sich derweil immer weiter von ihrer Partei. Eine »Kanzlerpräsidentin« nennt sie der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte. Aktuell färbt Merkels Popularität auch auf CDU und CSU ab. Sollte sie bis zur Bundestagswahl so beliebt bleiben, können die Unionsparteien – egal mit welchem Kanzlerkandidaten – womöglich davon profitieren.

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Angela Merkels Karriere: Ein langer Weg

Foto: Bogumil Jeziorski/ AFP

Dann würde Merkel am Ende tatsächlich ein Abgang nach Maß gelingen. Sie wäre als erste Person in der bundesrepublikanischen Geschichte freiwillig aus dem Kanzleramt geschieden, gleichzeitig hätte sie ihrem Nachfolger eine perfekte Brücke gebaut. Sollte sich ihre Corona-Bilanz in den verbleibenden neun Monaten allerdings drehen, könnte genau das Gegenteil eintreten.

Aber ist für Merkel überhaupt noch von Belang, was nach ihr kommt?

Aus dem Rennen um den CDU-Vorsitz, das auf dem Parteitag am 16. Januar entschieden werden soll, hält sich die Kanzlerin vollständig heraus. Ihre Favoritin Annegret Kramp-Karrenbauer scheiterte als unmittelbare Nachfolgerin, nun muss die Partei allein laufen lernen – so hatte es die damalige Generalsekretärin Merkel schon 1999 nach dem Spendenskandal um den langjährigen Vorsitzenden Kohl formuliert. Dass sie am allerwenigsten mit Friedrich Merz als Nach-Nachfolger im Parteivorsitz leben könnte, liegt angesichts des schwierigen Verhältnisses der beiden auf der Hand.

Nach der Chefkür die Debatte über die Kanzlerkandidatur, verbunden mit der Frage, ob nicht ohnehin CSU-Chef Markus Söder dafür der Geeignetste wäre. Aber auch dazu wird Merkel, jedenfalls öffentlich, wohl schweigen. Und dann stehen Mitte März auch schon die ersten von sechs Landtagswahlen 2021 an, beginnend mit Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Im April folgt Thüringen, im Juni wird in Sachsen-Anhalt gewählt, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern stimmen die Bürger zeitgleich mit der Bundestagswahl Ende September über ihre Landesparlamente ab.

Corona wird Merkels Kanzlerschaft definieren

Ist Corona dann, im Herbst, endgültig ausgestanden? Welche, wenigstens vorläufige Bilanz, wird man ziehen – und wie fällt damit das erste Urteil über Merkels Kanzlerschaft aus? Neun Monate lang hat sie es noch in der Hand, soweit es die Umstände, die Ministerpräsidenten und der politische Gegner zulassen.

Und dann?

Wird sie, so schwer vorstellbar das aus heutiger Sicht und nach knapp 16 Jahren im Amt ist, einfach weg sein. Merkel kandidiert nicht mehr für den Bundestag, auch die Übernahme eines Amts in einer internationalen Organisation hat sie ausgeschlossen. Ihr Mann Joachim Sauer ist als Chemieprofessor schon seit 2017 emeritiert. Im Garten ihres Wochenendhäuschens in der Uckermark gibt es genug zu tun, für Opern- und Theaterfans im Ruhestand wie das Ehepaar Merkel-Sauer beinahe unbegrenzte Möglichkeiten (falls es die Corona-Lage dann wieder zulässt).

Im vergangenen Jahr erzählte die Kanzlerin im SPIEGEL-Interview, von was sie als damalige DDR-Bürgerin träumte: »Die Rocky Mountains sehen, mit dem Auto herumfahren und Bruce Springsteen hören – das war mein Traum.«

Auch dafür wäre dann Zeit.