Merkel in Bitterfeld Mutti Courage

Angela Merkel wurde im Osten zuletzt heftig angefeindet - nun ist sie ausgerechnet in die AfD-Hochburg Bitterfeld gereist. Der Wahlkampfauftritt machte klar: Die Kanzlerin bemüht sich um klare Kante gegen rechts.

Angela Merkel
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Angela Merkel

Von , Bitterfeld


Volker Olenciak steht ein paar hundert Meter von der CDU-Bühne entfernt, auf der gleich die Kanzlerin auftreten soll. Die CDU habe er früher gewählt, "natürlich", sagt er. Vor einigen Jahren auch FDP. Und als der Kohl 1990 in Bitterfeld gewesen sei, da hätten die Leute ein Kribbeln im Bauch gehabt, damals.

Heute steht Olenciak am Ufer des Goitzschesees, der künstlich ist, weil hier mal Braunkohletagebau war - und agitiert an seinem Wahlkampfstand gegen Angela Merkel und für die AfD. "Merkel muss weg - Bitterfeld empfängt die Kanzlerin", hatte zudem die AfD-Jugend per Facebook für den Nachmittag eingeladen.

Vor Olenciak auf einem kleinen Tisch liegen unter anderem das Wahlprogramm der Partei, ein einzelner Flyer mit dem Konterfei der früheren CDU-Abgeordneten Erika Steinbach ("Warum ich AfD wählen werde") und die Broschüre: "Warum Schächten mit dem Tierschutz unvereinbar ist".

Aus dem früheren CDU-Wähler Olenciak ist ein rechtspopulistischer Rekordhalter geworden: Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr holte sich der 51-Jährige das Direktmandat, und seine Partei erreichte 31,9 Prozent. Höchstwert. In keinem Wahlkreis war das Ergebnis der AfD besser. Ein Video auf SPIEGEL ONLINE, in dem die Bitterfelder über ihre Motive sprachen, sorgte damals für Aufsehen:

SPIEGEL ONLINE

Nun reist Angela Merkel ausgerechnet nach Bitterfeld? Das ist wohl kein Zufall. Möglicherweise ist sie an diesem Dienstagnachmittag nicht trotz, sondern gerade wegen Olenciak und seinen Leuten gekommen.

Noch am Morgen hatte sie vor den Hauptstadtjournalisten in Berlin betont, sie finde es wichtig, "in vielen Städten der neuen Bundesländer aufzutreten, um Flagge zu zeigen gegen das Gebrüll". Es gebe "diese AfD-Leute auch in den alten Bundesländern, aber vermehrt in den neuen". Dem wolle sie sich stellen.

Tatsächlich war Merkel in den vergangenen Wochen vornehmlich bei Auftritten im Osten Deutschlands heftigen Anfeindungen ausgesetzt, etwa im thüringischen Vacha oder im sächsischen Annaberg-Buchholz. Nun also Bitterfeld. Mehr AfD geht kaum.

Merkel zwischen Applaus, Pfiffen und Stille

Um kurz nach 17 Uhr drehen sie bei der CDU die Lautstärke der Musik so hoch, dass die Pfiffe, die Buh-Rufe, das Hau-ab-hau-ab-Stakkato übertönt werden. "Bergüßen Sie unsere Bundeskanzlerin!", ruft der Moderator auf der Bühne und Merkel geht mitten durchs Publikum - auch das ein Zeichen von Courage - und kommt die Treppe runter zur Uferpromenade des Goitzschesees, hinein in den abgesperrten Bereich mit geladenen CDU-Gästen, dann auf die Bühne.

Angela Merkel im Publikum in Bitterfeld
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Angela Merkel im Publikum in Bitterfeld

Gut die Hälfte der Zuschauer klatscht, mehrere Dutzend pfeifen, rufen, recken drei, vier AfD-Fahnen hoch, auch die russische Fahne. Die andere Hälfte des Publikums schaut stumm zu.

"Wunderbar, was hier entstanden ist", sagt Merkel und meint den See, das ehemalige Braunkohlerevier: "Wo früher in dramatischer Weise die Umwelt verseucht wurde", sei dank der deutschen Einheit und der CDU ein "schönes Gebiet" entstanden. Tatsächlich galt ja Bitterfeld zu DDR-Zeiten mit seinem Chemiekombinat als schmutzigste Stadt Europas. Das ist vorbei. Nun gibt es andere Probleme: Abwanderung der Jungen, niedrige Löhne, neues Imageproblem nach den AfD-Erfolgen.

Die Kanzlerin lobt Fleiß und Mut der Menschen, die Bitterfeld wieder aufbauten und die "nicht einfach resigniert haben, die hier nicht brüllen". Merkel spult sodann ihr Standardprogramm ab: Vom wirtschaftlichen Erfolg und Arbeitsplätzen ist die Rede, die immer wieder neu gesichert werden müssten; von Familienförderung und mehr Kindergeld; von der Inneren Sicherheit.

Und dann kommt sie zur Flüchtlingskrise. Weiter hinten intensivieren sich die Schmährufe. Merkel betont die "Notlage", in der die Flüchtlinge im Jahr 2015 kamen. Sie behandelt die Situation wie ein abgeschlossenes Kapitel. Ein Dankeschön gelte "jenen, die nicht geschrien, sondern sich eingebracht haben", sagt sie in Richtung der vielen ehrenamtlichen Helfer.

AfD-Anhänger in Bitterfeld
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AfD-Anhänger in Bitterfeld

"Ein Jahr wie 2015 darf sich nicht wiederholen", sagt sie. Man achte nun darauf, dass Flüchtlinge in den syrischen Nachbarstaaten ausreichend versorgt seien; man bekämpfe die illegale Migration; man lege den Schleppern das Handwerk. Deshalb sei sie auch am Vortag bei einem Treffen in Paris gewesen, um das etwa mit afrikanischen Staaten zu besprechen.

Die Botschaft: Läuft alles, keine Sorge

Das ist er, der entscheidende Teil in Merkels Bitterfelder Rede. Sie versucht, die Luft rauszulassen aus dem Flüchtlingsthema: Problem erkannt, Problem gebannt. Wie schon bei ihrem Auftritt vor den Journalisten am Morgen zeigt sie sich als Kümmer-Kanzlerin: Nur keine Aufregung, ich regele das. Das ist die Methode Merkel.

Und noch eines fällt auf an diesem Tag zweier Auftritte mit so unterschiedlichem Publikum - hier Anhänger, Gegner, Zuhörer in Bitterfeld, dort die Journalisten in Berlin: wie sich Merkel um klare Kante gegen die AfD müht.

Wo sie sich am Morgen etwa deutlich abgrenzte, jegliche politische Zusammenarbeit ausschloss und Äußerungen des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland "rassistisch" nannte, da macht sie es am Nachmittag noch einmal an der Koalitionsfrage explizit: "Keine Koalition mit der AfD, keine Koalition mit den Linken." Die SPD, schiebt sie hinterher, lasse "diese Klarheit" mit Blick auf die Linkspartei vermissen.

Das ist übrigens einer der wenigen Merkel-Sätze an diesem Nachmittag, in dem die SPD überhaupt vorkommt. Aber um ihren Gegenkandidaten Martin Schulz ging es ihr bei dem Auftritt in Bitterfeld ja auch nicht.



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insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
olfnairolf 29.08.2017
1. Ekelhaft
Ich finde das stören von solchen Veranstaltungen wiederliebe und höchst undemokratisch.
allessuper 29.08.2017
2. Spontane Reaktion:
Die Bilder wirken einfach obszön. Und dass Frau Dr. Merkel das nicht merkt wirkt noch befremdlicher.
think-twice! 29.08.2017
3. Wer Frau Merkel irgendetwas glaubt
ist entweder hoffnungslos naiv, Merkel Bettvorleger oder schlicht unwissend.
B!ld 29.08.2017
4. Das heißt Muddi, nicht Mutti
Gerade Ostdeutschland wurde mit falschen Versprechungen verprellt, da nützen die alten Phrasen gegen Rechts und Links wohl auch nichts.
telarien, 29.08.2017
5. @manfred
Lesen könnte helfen. Bei einem Rekordergebnis für die AFD darf man von rechts sprechen, oder? Und ob die Menschen in Bitterfeld eine Schwere Kindheit hatten oder nur Pech, ist mir eigentlich egal. Polen ist nicht weit, wenn sie das besser finden, in der DDR ging es nicht, jetzt schon.
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