Kanzlerin in der "Wahlarena" Durchgemerkelt

Bürger trifft Kanzlerin: Vor vier Jahren kam Angela Merkel in der "Wahlarena" ins Schlingern. Wie lief es bei der Neuauflage der TV-Sprechstunde?
Angela Merkel in der "Wahlarena"

Angela Merkel in der "Wahlarena"

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Am Ende tut die Kanzlerin demonstrativ enttäuscht. "Schon die allerletzte?", fragt Angela Merkel, als Moderatorin Sonja Mikich die ebensolche Frage ankündigt. Die CDU-Chefin scheint zufrieden zu sein mit dem Verlauf der Livesendung, die sie gerade hinter sich gebracht hat.

"Wahlarena" heißt das TV-Format der ARD, in dem Merkel am Montagabend zu Gast war, eine Art Bürgersprechstunde zur besten Sendezeit. 150 Menschen hat man dafür ausgewählt, repräsentativ, wie es heißt. In der Lübecker Kulturwerft Gollan dürfen sie der Kanzlerin 75 Minuten lang Fragen stellen.

Klar, die Kanzlerin hat in sowas längst Routine, solche "Townhall Meetings" sind fester Bestandteil jedes Fernsehwahlkampfes. Doch sie gehören nicht zu ihren Lieblingsdisziplinen, weil der Kontrollfan Merkel hier eben nicht die volle Kontrolle hat.

Vor vier Jahren geriet sie in der "Wahlarena" ins Schlingern, als ein Mann seine langjährige, prekäre Leiharbeiterkarriere schilderte. Und sie konnte einem jungen, homosexuellen Mann nicht wirklich einleuchtend erklären, warum sie der Meinung sei, dass er und sein Partner sich nicht in gleichem Maße um ein adoptiertes Kind kümmern könnten wie ein heterosexuelles Paar. Wahlentscheidend war das am Ende nicht.

Wie lief es diesmal?

Um diese Themen ging es: Rente, Kinderbetreuung, Pflege, Umweltschutz, Landwirtschaft, Flüchtlinge, Rassismus, Dieselskandal, Tierschutz, Bundeswehr, Türkei - die Bürger fragen querbeet, die Moderatoren haken nur selten mit eigenen Einwürfen nach. Auffällig: Um Bildung geht es wieder nur am Rande, um Digitalisierung so gut wie gar nicht, wie schon beim TV-Duell. Auch der Name Donald Trump fällt nicht ein Mal.

Die besten Fragen: Einige Fragesteller treten sehr ehrfürchtig auf, als sie die "verehrte Bundeskanzlerin" etwas fragen dürfen, einer baut sogar elegant den Wahlslogan der CDU in seine Huldigung ein.

Ein junger Krankenpflegeazubi aber hat sich bei allem Respekt etwas vorgenommen: Er beklagt die unwürdigen Zustände auf seiner Pflegestation, will wissen, warum die Kanzlerin in zwölf Jahren Amtszeit nichts zur Verbesserung unternommen habe. Merkel verteidigt sich höflich, spricht von der Neudefinition des Pflegebegriffs, zusätzlichem Geld, verbesserter Ausbildung. Der junge Mann aber lässt nicht locker, nimmt der Kanzlerin auch das Versprechen nicht ab, bis 2019 noch mehr zu tun. Am Ende bleibt er sichtlich unzufrieden zurück, Merkel versucht es mit Empathie. "Auch wenn Sie jetzt ein bisschen wütend sind", sie finde es toll, dass er diesen Beruf gewählt habe.

Eine 18-Jährige mit Down-Syndrom fragt Merkel mit großer Vehemenz, warum in Deutschland bei einer schweren Behinderung ungeborener Kinder Spätabtreibungen erlaubt sind. Sie bekommt viel Applaus. Die Kanzlerin erst sachlich: Die Unionsfraktion habe immerhin dafür gesorgt, dass nun eine Beratung vorgeschrieben sei. Sie spricht noch allgemein über Verbesserungen für Behinderte, wichtiger ist ihr aber das Lob für die Fragestellerin. Merkel will ganz offensichtlich nicht wieder zu hören bekommen, dass sie zu unterkühlt reagiere. Sie kündigt an, vielleicht einmal in der Kölner Caritas-Einrichtung der jungen Frau vorbeizuschauen. Die gesteht: "Ich bin extremer Fan von ihr."

Merkels stärkster Moment: Ein Mann aus dem thüringischen Apolda findet Merkels Wirtschaftspolitik zwar "super". Dann aber fragt er, was die Kanzlerin in den kommenden Jahrzehnten gegen die "Überfremdung" durch "Asylanten" tun wolle. Er habe gelesen, dass viele syrische Flüchtlinge Wehrdienstverweigerer seien. "Hätten unsere Großeltern das 1945 gemacht, gäbe es Deutschland nicht mehr."

Von irgendwo aus dem Publikum kommt ein "Pfui!", doch Merkel hebt beschwichtigend die Hand. Sie entgegnet dem Mann, dass Syriens Diktator Assad seine Soldaten zum Töten der eigenen Landsleute zwinge. Die Flüchtlinge hätten ein Recht auf Schutz nach der Genfer Konvention. Niemand in Deutschland habe wegen der Flüchtlinge weniger, weder Sozialleistungen noch Bildungsausgaben seien gekürzt worden, betont Merkel und verteidigt souverän ihre Politik. Sie äußert Verständnis für die Sorgen des Mannes, hat aber eine klare Botschaft für ihn: "Haben Sie ein offenes Herz für Menschen, denen es viel schlechter geht."

Merkels schwächster Moment: Der folgt direkt auf den stärksten. Ein Student aus München, dessen Eltern aus Iran nach Deutschland kamen, beklagt den alltäglichen Rassismus, dem er ausgesetzt sei - auch angesichts der Erfolge der AfD: "Meine Angst ist, dass dieser Hass noch mehr wächst." Was Merkel dagegen tun wolle?

Merkel verliert sich in allgemeinen Appellen: "Halten Sie dagegen, lassen Sie sich Ihren Schneid nicht abkaufen." Es sei Mut gefragt in diesen Zeiten. Als ob die Anfeindungen allein ein persönliches Problem des Mannes seien. Eine klare Verurteilung der jüngsten Ausfälle der AfD, eine demokratische Kampfansage an die Rechtspopulisten, die vor dem Einzug in den Bundestag stehen? Fehlanzeige. Stattdessen schlägt sie dem Mann vor, er könne sich doch nach der Sendung noch mit dem Fragesteller aus Apolda unterhalten.

Antwort mit Streitpotenzial: Merkels ablehnende Haltung zur Obergrenze für Flüchtlinge ist bekannt. Aber Obergrenzen-Fan Horst Seehofer wird trotzdem aufgehorcht haben, als die CDU-Vorsitzende versichert: "Ich möchte sie nicht. Ich halte sie auch nicht für praktikabel. Garantiert." Garantiert? Man hört den CSU-Chef schon sagen: "Das hätte man auch lassen können."

Fazit: Die Kanzlerin merkelt sich ziemlich souverän durch die Wahlarena. Wirklich in Bedrängnis bringen die Bürger sie nicht, zur Not verlegt sie sich darauf, lieber nicht zu viel zu versprechen. Oder die CDU-Chefin räumt einfach mal ein, keine Ahnung zu haben: Als eine Frau kenntnisreich über Tierversuche spricht, bittet Merkel sie lieber um gesonderte Kontaktaufnahme, "ehe ich jetzt hier etwas vor mich hin radebreche". Echte Neuigkeiten oder sonstige erinnerungswürdige Highlights gibt es aber eben auch nicht.

Am nächsten Montag ist SPD-Herausforderer Martin Schulz in der ARD-"Wahlarena" zu Gast.

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