Kanzlerin in Duisburg-Marxloh Die Grenzen von Merkels Macht

Elend, Flüchtlinge, Gewalt: Duisburgs Stadtteil Marxloh gilt als der Problemkiez im Westen. Ein schwieriges Pflaster für Kanzlerin Merkels Bürgerdialog. Am Ende blieben Buhrufe - und Ernüchterung auf beiden Seiten.
Kanzlerin Merkel in Duisburg-Marxloh: In die Jubelrufe mischen sich auch Buhrufe

Kanzlerin Merkel in Duisburg-Marxloh: In die Jubelrufe mischen sich auch Buhrufe

Foto: AP/dpa

Sie haben aufgeräumt, die Straßen gefegt, der Dreck ist weg. Aber Halil passt das nicht. "Das ist gepfuscht", empört er sich, "das geht doch nicht. Jetzt glaubt uns Mutti nicht. Jetzt hilft sie uns nicht mehr."

Der Türke, seit 25 Jahren in Deutschland, in Duisburg, in Marxloh, will der Bundeskanzlerin ein realistisches Bild seines Viertels bieten. Eines Stadtteils, in dem selbst die Polizei inzwischen ihre Ohnmacht beklagt.

Die Staatsmacht fürchtet, die öffentliche Ordnung langfristig nicht mehr garantieren zu können, wie sie in einer vertraulichen Analyse schrieb. Nachdem der SPIEGEL das Papier öffentlich gemacht hatte und das Land über No-go-Areas im Westen debattierte, schickte NRW-Innenminister Ralf Jäger einiges an Verstärkung nach Marxloh.

Und jetzt kommt auch noch Angela Merkel.

Zum Bürgerdialog im Hotel Montan. Ausgerechnet in den Tagen, in denen die rechtsextremen Ausschreitungen, der Umgang mit Flüchtlingen, ihre zaudernde Haltung in der Sache für Unruhe gesorgt haben, sagt Merkel in Duisburg: "Wenn so viel Schweigen ist, ist das nicht gut."

Es geht nicht um Heidenau in diesem Augenblick, nicht um die Stille der Politik nach dem Exzess des Pöbels, sondern um Angriffe auf Rettungskräfte, die ein Feuerwehrmann der Kanzlerin gegenüber beklagt. Merkel kann ihm wenig raten, sie hat keine Lösung. Es müssten eben alle Anständigen den Übeltätern sagen, was sie von ihnen hielten. Wahrscheinlich ist sie mit ihrer Antwort selbst unzufrieden, der Feuerwehrmann jedenfalls scheint es zu sein.

Dreck, Gewalt, Verwahrlosung

Überhaupt ist das große Thema von Merkels Multikulti-Ausflug nach Marxloh die Schilderung der Realität - und der Umgang mit der Diagnose: Die Menschen wollen der Kanzlerin sagen, was in ihrem Viertel, was in Deutschland alles falsch laufe, und beklagen zugleich, dass zuletzt so viel darüber berichtet worden sei, was im Duisburger Norden alles falsch läuft. Trotzdem hoffen sie auf Heilung.

Merkel wiederum möchte eigentlich am liebsten über die Dinge sprechen, die gut laufen in Deutschland. Nur gibt es die in Marxloh eben kaum. Zugleich preist sie jedoch die Kraft der schonungslosen Enthüllung, ein Missstand müsse "bekannt werden, nur dann wird er geändert". Dabei weiß sie, wie wenig sie wird heilen können.

Denn am Ende ist auch die mächtigste Frau der Welt machtlos in Marxloh, obwohl die Menschen deutliche Worte finden, um die Lage in ihrer Heimat zu beschreiben: von den Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien, die dort ohne Zugang zum Gesundheitssystem sind. Von Dreck, Gewalt, Verwahrlosung, Hoffnungslosigkeit. Davon, dass Schlepper und Schleusermit Armutsflüchtlingen Kasse machen, dass mehr als 20 Menschen sich eine Wohnung teilen müssen. Dass Müll einfach auf die Straße geworfen wird, Kinder nicht in die Schule gehen. Dass Banden die Macht auf der Straße für sich beanspruchen.

Nach 105 Minuten Bürgerdialog bleibt Ernüchterung

Merkel sagt, dass die Situation der Flüchtlinge "Europas unwürdig ist".

Merkel sagt, dass man denen helfen müsse, "die Hilfe brauchen". Und dass "es in Serbien, Albanien, Kosovo keinen Bürgerkrieg gibt".

Merkel sagt, dass "drei bis vier Länder von 28 die ganze Last tragen, das ist nicht die EU".

Aber was bedeutet das für die Menschen in Marxloh? Und was hilft es ihnen?

Nach 105 Minuten Bürgerdialog bleibt Ernüchterung. Als Merkel das Hotel Montan verlässt, mischen sich in die Jubelrufe auch aggressive Schreie, manche buhen sie aus. Vielleicht ahnen die Menschen, dass mit den gepanzerten Limousinen aus Berlin auch die Hundertschaften der Bereitschaftspolizei verschwinden, dass die Fernsehteams, Fotografen und Reporter weiterziehen, dass die Aufmerksamkeit für die Nöte in einer der ärmsten Gegenden des Westens abflauen wird.

Die Menschen aber bleiben in Duisburg-Marxloh.

So wie Halil, der Verkäufer. Er geht zurück in sein Geschäft.

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