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09. Oktober 2015, 01:15 Uhr

Merkel bei der CDU-Basis in Wuppertal

Ein bisschen Frieden

Aus Wuppertal berichtet

Was ist bloß mit Angela Merkel los? Ihre Parteibasis erlebt eine erklärende, werbende, sogar pathetische Kanzlerin. Da blieb die Rebellion erst einmal aus.

Schon wieder so ein Satz, der hängen bleibt. "Dass bei uns jeder Mensch eine Würde hat, das dürfen wir in einer solchen extremen Situation nicht fallen lassen", sagt Angela Merkel über Flüchtlinge. Denn sonst würde ja kein Mensch mehr auf der Welt glauben, "dass wir, wenn es ernst wird, auch zu dem stehen, was wir sonntags sagen".

So geht er, der neue Sound der Kanzlerin. Vom "Wir schaffen das" über "Dann ist das nicht mein Land" bis "Zu dem stehen, was wir sonntags sagen": Die 61-Jährige, die vor nicht allzu langer Zeit noch mit dem sedierenden Slogan "Sie kennen mich" in den Wahlkampf zog, legt sich fest. Einigen gilt sie schon als Favoritin auf den Friedensnobelpreis.

Am Mittwoch war es der Auftritt in einer ARD-Talkshow, der für Aufsehen sorgte; am Donnerstag der Besuch an der CDU-Basis in Wuppertal. Ja, Wuppertal. Mehr alte Bundesrepublik geht kaum, die Achtzigerjahre welken hier noch vor sich hin. Und die CDU?

Die hat zwar auch in Wuppertal so manch althergebrachte Sorge - "Ich werde bald 70 Jahre alt und habe ein bisschen Angst vor der Digitalisierung", meldet sich eine Dame zu Wort - doch Merkel übernimmt rasch die Regie vor den knapp tausend Mitgliedern, die zur "Zukunftskonferenz" in die Stadthalle gekommen sind. Eigentlich sollten ein paar Reformideen in einer Art Fragestunde vorgestellt werden: Parteistruktur, Bürgergesellschaft, so was.

Merkel geht gleich in die Offensive

Merkel sagt nun, sie wolle gern über "das Drängendste" reden, die Flüchtlingskrise. Damit geht sie gleich in die Offensive, rumort es doch nicht nur in der CSU, sondern längst auch in ihrer eigenen Partei. Gerade haben 34 CDU-Funktionäre einen Brandbrief an sie verfasst: Ein "großer Teil" der Mitglieder fühle sich von ihrer Linie in der Flüchtlingspolitik "nicht mehr vertreten", beklagen die Verfasser.

Eine Rebellion in Wuppertal bleibt aber aus. Das liegt natürlich einerseits daran, dass Christdemokraten solchen dramatischen Schauspielen generell nicht sonderlich zugetan sind. Andererseits spielt aber wohl auch eine Rolle, dass Merkel in Wuppertal etwas macht, was sie in all den Jahren als Parteivorsitzende nur selten getan hat: Sie legt einen starken Auftritt hin.

Viele fragten sich, wie das alles weitergehen werde, sagt sie, was die Flüchtlinge für Deutschlands Kultur und Sicherheit bedeuteten. Sie wolle also Bericht erstatten darüber, "was mich bewegt und wie ich mir die Dinge vorstelle".

Schon in diesem Nebensatz steckt die Erklärung, warum man derzeit das Gefühl hat, eine neue Merkel zu erleben: Weil sie in der Flüchtlingskrise nicht mehr nur sagt, was sie zu tun gedenkt, sondern zugleich deutlich macht, welch große Bedeutung dieses Thema für sie persönlich hat, warum es sie bewegt. So erscheint eine Kanzlerin, die ja stets als kühl, pragmatisch, distanziert galt, plötzlich sehr bei sich und, was die Basisvertreter im Saal betrifft, auch sehr bei diesen Leuten.

Sechs Grundsätze

Bei mancher Frage von Merkel-Kritikern wird zwar applaudiert, aber den Erwiderungen der Kanzlerin bekommen mindestens ebenso entschieden Beifall. Sechs "Grundsätze" benennt Merkel in Wuppertal plus ein - ja, tatsächlich - Lob für ihren Quälgeist Horst Seehofer:

Merkel hebt so die Debatte auf eine höhere, internationale Ebene, sie fordert von Deutschland eine Vorbildrolle ein - das kommt bei den CDU-Mitgliedern ganz offensichtlich an. Seehofers Dauerkritik wirkt dagegen merkwürdig provinziell. Seehofer und seine Regierung, lobt Merkel schließlich, hätten die "allergrößte Last" zu tragen. "Die tun Tag und Nacht alles dafür", das Problem in den Griff zu bekommen.

So kann man Attacken auch kontern.

Ihr Job sei es jetzt, "den Prozess zu ordnen und zu steuern und damit in gewisser Weise zu lösen". Merkelig hört sich das an, und doch sollte man die politische Leidenschaft, die für die Kanzlerin in solch einem Prozess stecken mag, wohl nicht unterschätzen. Es sei, sagt sie noch, "mit Sicherheit die schwierigste Aufgabe seit der deutschen Einheit".

Sie klingt dabei durchaus zufrieden an diesem Abend.

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