Sommerinterview Merkel lässt Kanzlerkandidatur offen

Bundeskanzlerin Merkel will ihre Entscheidung über eine weitere Kanzlerkandidatur weiter verschieben. Türkischstämmige Deutsche ermunterte sie mit einem ungewöhnlichen Bekenntnis zu mehr Engagement.
Angela Merkel beim ARD-Sommerinterview

Angela Merkel beim ARD-Sommerinterview

Foto: Rainer Jensen/ dpa

CDU-Chefin Angela Merkel lässt ihre Entscheidung über eine weitere Kanzlerkandidatur bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr weiterhin offen. Sie werde "zum gegebenen Zeitpunkt" entscheiden, sagte Merkel am Sonntagabend im ARD-Sommerinterview. Dies betreffe sowohl ihre erneute Kandidatur als CDU-Vorsitzende auf dem Parteitag im Dezember in Essen als auch eine Kandidatur bei der Bundestagswahl im Herbst 2017.

Sie habe sich bislang auch noch nicht geäußert, wann sie ihre Entscheidung mitteilen wolle, betonte Merkel. Wie DER SPIEGEL zuvor berichtet hatte, wolle Merkel ihre Entscheidung voraussichtlich erst im Frühjahr 2017 bekannt geben. Die Verschiebung sei notwendig, weil CSU-Chef Horst Seehofererst dann entscheiden will, ob seine Partei Merkel wieder unterstützt, heißt es in CDU-Kreisen. Aus der SPD gab es spöttische Reaktionen über eine angebliche Abhängigkeit Merkels von Seehofer.

Laut einer Umfrage sind die Deutschen bei der Frage gespalten, ob Merkel auch nach der Bundestagswahl 2017 Kanzlerin bleiben soll. CDU-Generalsekretär Peter Tauber reagierte gelassen auf den Bericht: "Die Menschen erwarten, dass wir uns um die Probleme kümmern. Das tun wir. Das Sommerloch ist doch vorbei."

Merkel: "Bin auch Kanzlerin der Deutschtürken"

Merkel ist seit 2005 im Amt und damit Europas dienstälteste Regierungschefin. Die 62-Jährige regiert derzeit zum zweiten Mal in einer großen Koalition mit der SPD. Sollte sie erneut antreten, könnte sie Helmut Kohls Rekord-Kanzlerschaft von 16 Jahren einholen.

Im Sommerinterview äußerte Merkel sich auch zu den angespannten Beziehungen mit der Türkei. Trotz der zahlreichen Verhaftungen nach dem Putsch in der Türkei wolle sie die Gespräche mit Ankara fortsetzen. "Wenn man nicht miteinander spricht, sondern immer übereinander spricht, dann führt das in den allermeisten Fällen in der Diplomatie zu keinen besonders guten Ergebnissen", sagte sie.

"Es war richtig und wichtig und wird auch zu Recht von der türkischen Führung erwartet, dass wir den Putsch verurteilt haben", sagte Merkel. Auf der anderen Seite gebe es Dinge, die die Bundesregierung kritisiere. Sie sei froh, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit dem Europarat darüber reden werde, wie die nach dem Putsch im Gefängnis sitzenden Menschen behandelt würden.

Zu ihrer vor allem in der Opposition umstrittenen Forderung nach einem hohen Maß an Loyalität türkischstämmiger Bürger zu Deutschland sagte Merkel, ihr gehe es darum, "dass die Konflikte, die es in der Türkei gibt, nicht (...) nach Deutschland getragen werden".

Deutschtürken, die seit vielen Jahren in Deutschland lebten und die deutsche Staatsbürgerschaft hätten, sollten sich in der Bundesrepublik einbringen. "Ich sage immer wieder: Ich bin auch deren Bundeskanzlerin. Und das Bekenntnis, finde ich, ist wichtig. Und wenn das auch erwidert wird durch Engagement für unser Land und nicht durch das Hereintragen von Konflikten aus der Türkei nach Deutschland, dann ist das gut."

che/apr/dpa