Angela Merkel Königin der Seiteneinsteiger

Sie war eine Außenseiterin und schaffte es bis ins Kanzleramt: Angela Merkel wurde in ihrer Karriere oft gemobbt - in der DDR wie auch in der CDU. Meist schwieg sie. Sprach sie doch, löste sie mitunter Revolutionen aus.

Von Michael Schlieben


Als Helmut Kohl 35 Jahre war, benötigten die Journalisten eine halbe Seite, um seine politischen Ämter zu notieren: Damals, 1965, war er seit zwanzig Jahren CDU-Mitglied und, in Kurzform: Fraktionschef im Mainzer Landtag und CDU-Kreisvorsitzender in Ludwigshafen. Ähnlich liest sich Gerhard Schröders politische Vita: Er war mit 35 mehr als 16 Jahre SPD-Mitglied.

Als Angela Merkel 35 war, hockte sie seit einem Jahrzehnt in einer trostlosen Baracke in Ost-Berlin. Genauer: im Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Adlershof. Anders als Kohl oder Schröder, ihre beiden Vorgänger im Kanzleramt, hatte Merkel bis dato noch keine Wahl gewonnen, keinen Rivalen ausgestochen, kein Interview gegeben.

Merkels Aufstieg ist einzigartig und ohne zwei historische Zäsuren nicht zu erklären: die Wiedervereinigung 1989/90 und die Spendenaffäre der CDU 1999/2000. Beide Male wurde Merkels Heimat erschüttert. Jeweils kam sie mit den Umstürzen, die sie weder erwartet noch befördert hatte, prima zurecht. Es waren Momente, die für Seiteneinsteiger wie maßgeschneidert waren. Viele Ostdeutsche wurden in den frühen neunziger Jahren Politiker, die meisten absolute Greenhorns, ohne Gremien- und Medienerfahrung. Auch nach der CDU-Spendenaffäre gab es akuten Bedarf an neuem Spitzenpersonal.

Einstieg beim Demokratischen Aufbruch

Merkel hatte also Fortune. Wäre sie zwanzig Jahre früher geboren worden, hätte sie weder die Spitze der CDU noch die der Republik erklommen. Wäre die Mauer nicht gefallen, säße sie heute wohl noch im Berliner Zentralinstitut. Damals war wirklich noch nicht absehbar, dass Merkel als "Machtphysikerin" reüssieren würde. Einer ihrer Forscherkollegen beschrieb sie als "illusionslose Jungwissenschaftlerin", die seit Jahren "vor sich hin" promoviere.

Erst als die Aussicht auf die Einheit realistisch wurde, begann Merkels politische Karriere. Im September 1989 erstaunte sie den Gesprächskreis ihres Vaters - das erste Alphatier in Merkels Leben: ein Pfarrer mit ambivalentem Verhältnis zur DDR -, weil sie als Einzige die sofortige Öffnung der Mauer forderte. Bald darauf heuerte sie beim Demokratischen Aufbruch (DA) an, einer kirchlichen Oppositionsbewegung. Merkel spürte, dass sich hier neue Chancen auftaten. Sie begann beim DA zunächst als EDV-Administratorin. Bald darauf entwarf sie Flugblätter und stieg zur Pressesprecherin auf.

Und dann ging alles wahnsinnig schnell. Ein Jahr nachdem Merkel die Akademie verlassen hatte, wurde sie als jüngste Ministerin im ersten wiedervereinten Kabinett vereidigt. Auf ihre Karriere reklamierten mehrere ältere Herren die politische Vaterschaft, zumindest eine Zeitlang. Da war zunächst der DA-Chef Schnur, der Merkel viel Verantwortung übertrug. In der DDR war Schnur als Kirchenanwalt tätig, vier Tage vor der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 enttarnte man ihn als Stasi-Spitzel. In vielen Ost-Parteien waren es ausgerechnet die Stasi-nahen Leute, die zunächst die Führung übernahmen. Nach ihrer Enttarnung waren sie für die Politik, diesseits der PDS, diskreditiert. Nicht so Merkel, die eine Akte als Stasi-Opfer hatte, nicht als IM.

Aber es waren auch ganz praktische Talente, die Merkel an die Spitze des DA brachten. Ein Parteikollege bezeichnet sie als "die Unentbehrliche, die wusste, wie es geht." Ihre Karriere beförderte, dass Schnur nicht nur ein Spitzel, sondern auch ein Chaot war: Einmal hatte er aus Versehen zwei Termine gleichzeitig vereinbart. Er bat Merkel, ihn zu vertreten, was sie gut und immer häufiger machte. Oft war außer ihr schlicht keiner da, der Pressekonferenzen geben konnte. Bald nahm die Öffentlichkeit sie als zentrale Figur des DA wahr.

Über Umwege in die CDU

Wenig verwunderlich also, dass Merkel auch hinterher, als der DA nach der Wahl mit der siegreichen Ost-CDU fusionierte, eine wichtige Rolle spielte. Sie wurde Vizesprecherin der letzten DDR-Regierung. So kam sie über Umwege zur CDU. Wie Schnur erkannte auch Kohl, dass Merkel eine rasche Auffassungsgabe und ein gewisses Organisations- und Redetalent hatte. Auch passte sie in sein Anforderungsprofil an eine ostdeutsche Ministerin. Sie war protestantisch, belastbar und repräsentierte keinen Flügel der für Kohl undurchsichtigen Ost-CDU. Kurz: Die junge Frau mit den wachen Augen, der Strickjacke und dem Pagenschnitt wirkte koscher auf Kohl.

Merkels Macht wuchs schnell, auch dank Kohl. Im Dezember 1991 wurde sie Vizeparteichefin der CDU, 1993 Landeschefin in Schwerin, 1994 Umweltministerin. Obgleich ihre Ämter sich mehrten, blieb die kulturelle Differenz zum CDU-Establishment. Die geschiedene, kinderlose Ostdeutsche war keine christdemokratische Vorzeigefrau. Zwischen ihr und den gleichaltrigen westdeutschen Landeschefs klaffte ein habitueller Kontrast. Auf die Kochs, Wulffs und Müllers, die der CDU als Teenager beigetreten waren, wirkte Merkel von Anbeginn befremdlich. Heimlich lachten sie über ihre Frisur und ihre Rhetorik. Sie, die Kronprinzen, beherrschten die "Sprache der Partei". Merkel dagegen, so eine gängige Invektive, läge oft "einen Halbton" daneben.

Letztlich war es exakt dieser "Halbton", den ihre Kontrahenten so gern bekicherten, der Merkel an die Macht brachte. Als der Spendenskandal über die Union hereinbrach, Kohls System schwarzer Konten demaskiert wurde, sprach sie aus, was sich in der CDU keiner zu sagen traute: dass Kohl der Union "Schaden zugefügt" habe. Diese Botschaft, publiziert am 22. Dezember 1999 in der FAZ, brachte Merkel die Meinungsführerschaft und bald darauf den Parteivorsitz ein. Obwohl sie selbst von Kohl protegiert worden war, fühlte sie sich nicht zur Loyalität verpflichtet. Dies unterschied sie von ihren Rivalen, die sich zeitweilig von Merkels Scheidungsbrief distanzierten und sich so in eine schlechte Position um die Nachfolge brachten.

insgesamt 272 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Satiro, 19.02.2009
1.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Weil die Karriere von Berufspolitern mit dem Kleben von Wahlplakten bereits im frühen Jugendalter beginnt.
jajokat 19.02.2009
2.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Klar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
stefkarr 19.02.2009
3. Ich frage mich
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
wer denkt sich immer diese Themen aus? Wie kann man nur annehmen, dass "Berufspolitiker" eine Selbstverständlichkeit wären? Es hat sich so eingebürgert, dass sich einige Herrschaften in unsrem Land auf den gut bezahlten Sesseln bequem gemacht haben. Der Eid den sie schwören "Schaden vom deutschen Volke ab zuwenden", wird alleine dadurch gebrochen, dass die Herrschaften so lange in Ihren Ämtern verweilen. In unserer Verfassung gibt es den "Berufspolitiker" nicht, auch nicht in den einschlägigen Gesetzen. Berufspolitiker sind Menschen, die das nicht einhalten, was Sie von der Masse erwarten: Flexibilität und Mobilität im Arbeitsleben. Berufspolitikter sind im Laufe der Zeit weg vom Alltagsleben, das 95% der Bevolkerung leben. Berufspolitiker sind Marionetten der Lobby. Sie sind mit Sicherheit alles das, was die Gründerväter unserer Repuplik nicht wollten: Fern vom Volk, gekauft von Lobbyisten. Für mich sind Sie des weiteren, genau dass was Sie selbst glauben was Harz-IV-Empfänger seien: Sozialschmarotzer, aber mit weit aus höheren monatlichen Bezügen. Und mit dem Unterschied, dass Sie mit Ihrer Machtfülle großen Schaden anrichten, was man von Harz-IV-Empfängern nicht sagen kann. Wir brauchen keine Quereinsteiger, sondern einfach nur Politiker die sich spätestens nach 2 Legislaturperioden verabschieden, dann ist das Thema Ouereinsteiger gelöst, und wir brauchen Quoten im Parlament, vom Handwerksmeister über Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftlern, und nicht wie heute einseitig meist beamtete verschiedener Berufszweige und Juristen. Das Argument, dass damit zuviel Kompetenz verloren ginge, kann so nicht gelten, sonst hätten wir heute nicht den Wirtschaftsminister den wir heute haben!
ANDIEFUZZICH 19.02.2009
4.
Zitat von jajokatKlar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
Klasse! Was ist eigentlich aus dieser deutschen Version (ja, ja, bei den Medien kopieren wir alles, da es uns an eigener Fantasie mangelt) von "spitting image" geworden? Mit dieser Besetzung könnte man den Brüller des Jahres landen!
bürger mr 19.02.2009
5. Ii
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Warum? - Da sitzen doch zum Großteil Beamte .
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.