Zitteranfälle der Kanzlerin Weiter, immer weiter

Was ist los mit der Kanzlerin? Der dritte Zitteranfall in gut drei Wochen wirft neue Fragen auf. Angela Merkel will sich nicht aufhalten lassen, gibt Entwarnung - und spricht von "Verarbeitungsphase".

Adam Berry/Getty Images

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Um 13.26 Uhr versendet die Nachrichtenagentur Reuters an diesem Mittwoch mit Priorität 1, roter Überschrift und in Großbuchstaben eine Entwarnung nach dem erneuten Zitteranfall der deutschen Kanzlerin: "GERMANY'S MERKEL SEEN SMILING AT BEGINNING OF NEWS CONFERENCE." Angela Merkel habe also bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne gelächelt.

Das Lächeln der Kanzlerin - es ist nun bereits eine Eilmeldung.

Denn kurz zuvor hatte Merkel ihren dritten öffentlichen Zitteranfall binnen gut drei Wochen. Als sie am Mittag ihren Gast Rinne vorm Kanzleramt mit militärischen Ehren empfing, bebte beim Abspielen der Nationalhymnen Merkels Körper.

Schon wieder. Etwa so wie Mitte Juni, als sie den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ebenfalls mit militärischen Ehren empfing. Und etwa so wie wenige Tage später bei der Ernennung der neuen Justizministerin Christine Lambrecht im Schloss Bellevue, als Merkel neben dem Bundespräsidenten stehend zu zittern begann.

Einmal ist keinmal. Hitze und Wassermangel, so hieß es Mitte Juni.

Beim zweiten Mal war die Sorge schon größer. Kein gesundheitliches Problem, sondern Kopfsache, hieß es nun. Merkel habe sich an die Selenskyj-Situation erinnert, dies habe das neuerliche Zittern hervorgerufen.

Und nun, beim dritten Mal?

Sie sei noch in der "Verarbeitungsphase" des Selenskyj-Vorfalls, sagt Merkel bei der Pressekonferenz mit dem Finnen Rinne im Kanzleramt: "Die ist offensichtlich noch nicht abgeschlossen, aber es gibt Fortschritte." Man müsse sich "keine Sorgen machen". Sie sei "gut leistungsfähig", so die Kanzlerin.

"Der Bundeskanzlerin geht es gut"

Nahezu gleichzeitig, gut 500 Meter entfernt in der Bundespressekonferenz, stellt sich Merkels stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer den Fragen zum Gesundheitszustand der Kanzlerin. "Der Bundeskanzlerin geht es gut", sagt sie. Wieder und wieder. Das Gespräch mit dem finnischen Präsidenten sei wie geplant gelaufen. Und auch in den vergangenen drei Wochen habe Merkel alle Termine gut absolviert.

Das ist korrekt. Merkel hat in dieser Zeit jenseits der Situationen mit Selenskyj, der Ministerin Lambrecht und nun Rinne keine Schwäche gezeigt. Sie war beim G20-Gipfel in Japan und hat in Brüssel die Nächte durchverhandelt, um eine Kommissionspräsidentin zu finden.

Und an diesem Mittwochmittag, draußen vorm Kanzleramt, als die deutsche Hymne verklungen ist, Merkel und Rinne nicht mehr stillstehen müssen, die Ehrenformation abschreiten dürfen, da ist das Zittern von einem auf den anderen Moment weg.

Merkel gilt als hart im Nehmen, als unverwüstlich. Seit der Wiedervereinigung bewegt sich die heute 64-Jährige in der deutschen Spitzenpolitik. Als Familien- und Umweltministerin, als CDU-Generalsekretärin, Parteivorsitzende, Kanzlerin, Weltpolitikerin. Kein anderer Politiker in Deutschland und wohl kaum einer in Europa bewegt sich dauerhaft auf dem Stresslevel der deutschen Kanzlerin.

Merkel ignorierte den Schmerz

Müdigkeit ja, aber Schmerz oder Schwäche? Hat sich Merkel kaum je anmerken lassen. Als sie im Dezember 2013 beim Langlauf in der Schweiz stürzte und sich den Beckenring brach, ignorierte sie dies über mehrere Tage. Die Schmerzen aber müssen heftig gewesen sein, davon ist wohl auszugehen bei einem solchen Bruch.

Vor diesem Hintergrund umso bemerkenswerter ist nun ihr vorsichtiger Transparenzversuch in eigener Sache, also der Verweis auf die anhaltende psychologische Belastung durch die Selenskyj-Situation vom Juni.

Weiteren Einblick aber will Merkel nicht geben. Anders als etwa in den USA, wo von Spitzenpolitikern traditionell erwartet wird, Daten und Werte aus ihren Krankenakten zu präsentieren, geben sich europäische Politiker verschlossen. Ob Merkel in den vergangenen drei Wochen in ärztlicher Behandlung war? Darauf will Vize-Regierungssprecherin Demmer nicht eingehen.

Merkel selbst sagt nur: "Ich denke, dass meine Aussage, dass es mir gut geht, Akzeptanz finden kann." Sie glaube, so wie das Zittern gekommen sei, werde es eines Tages wieder vergehen. "Aber es ist noch nicht so weit."

Dies ist ein Satz, mit dem die Kanzlerin auch vorsorgt. Für den Fall, dass sie weitere Zitteranfälle ereilen sollten.

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