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20. November 2016, 20:36 Uhr

Angela Merkels Kanzlerkandidatur

Das vierte Mal ist das schwerste

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"Unendlich darüber nachgedacht": Am Rande eines CDU-Spitzentreffens erklärt Angela Merkel ihre erneute Kanzlerkandidatur. Sie ahnt schon, wie heftig dieser Wahlkampf werden wird.

Das ist er also, der "geeignete Zeitpunkt". 19.03 Uhr, Klingelhöferstraße 8, Berlin, Foyer der CDU-Zentrale. Angela Merkel steht am Rednerpult und kündigt ihre Kanzlerkandidatur an - es ist die mittlerweile vierte.

Deshalb habe sie auch, sagt sie, "unendlich darüber nachgedacht", diese Entscheidung sei "alles andere als trivial - weder fürs Land, noch für die Partei, noch für mich persönlich". Doch der "geeignete Zeitpunkt ist heute da". Zehn Monate vor der Bundestagswahl; zwei Wochen vor dem Essener CDU-Parteitag, auf dem sie sich im Amt der Vorsitzenden bestätigen lassen will; und nun eben an diesem Sonntagabend im Rahmen einer CDU-Führungsklausur in Berlin.

Merkel will im Falle ihrer Wiederwahl die vollen vier Jahre machen - dann wäre sie 16 Jahre Kanzlerin, so lange wie Helmut Kohl.

Über Monate hatte sie gesagt, der geeignete Zeitpunkt für die Erklärung, er werde kommen. Zuletzt am vergangenen Donnerstag, als der scheidende US-Präsident ihr versicherte, er würde sie wählen, wenn er nur könnte. "Ich brauche lange und die Entscheidungen fallen spät", sagt Merkel nun, "dann stehe ich aber auch dazu."

Schon als Merkel den CDU-Granden gegen 13 Uhr an diesem Sonntag ihre Entscheidung hinter verschlossenen Türen mitteilt, da wird deutlich, dass sie tatsächlich ernsthaft überlegt hatte, nicht mehr anzutreten. "Stunden über Stunden" habe sie nachgedacht. Sie sagt auch, dass der kommende Wahlkampf "nicht einfach" werde. Im engsten Führungszirkel klopfen sie ausgiebig auf ihre Tische. Erleichterung.

Mit wem bitteschön hätte man ansonsten auch in diesen Wahlkampf ziehen sollen?

Während Merkel und die Parteiführung weiter tagen, macht draußen die Meldung ihrer vierten Kanzlerkandidatur die Runde. In der SPD sprechen sie sich Mut zu, sehen den "Mythos der Unbesiegbarkeit" Merkels verschwunden; bei den Grünen freuen sie sich auf eine "harte politische Auseinandersetzung" und halten sich am Thema Klimaschutz fest; die Linke warnt vor einer neuerlichen Großen Koalition; und die AfD hetzt ein bisschen gegen Merkel.

Nur einer lässt auf sich warten: CSU-Chef Horst Seehofer. Erst kurz vor fünf Uhr tritt er in der Münchner Parteizentrale vor die Kameras. Er sei sich "seit langer Zeit sicher" gewesen, dass Merkel kandidieren werde. In den vergangenen Tagen habe er mit ihr darüber gesprochen: "Es ist gut, dass jetzt Klarheit herrscht und dass sie sich entschieden hat." Jetzt gelte es noch, inhaltliche Differenzen zu klären. Tatsächlich lässt Seehofer gerade ein Zuwanderungspapier erstellen, das er Merkel zukommen lassen möchte. "Er hat doch ganz konstruktiv gesprochen", sagt Merkel am späteren Abend in der ARD-Sendung "Anne Will" über Seehofer.

Gut, dass Klarheit herrscht - emotionsloser hat die CSU wohl selten auf eine Kanzlerkandidatur der Schwesterpartei reagiert. Bei Seehofers Rivalen Markus Söder ist die Reaktion noch freudloser: "Das muss man zunächst mal mit Respekt entgegennehmen, aber nicht automatisch mit Euphorie."

Dabei kommt die Kandidatur Merkels der CSU gar nicht ungelegen. Erstens hat man - siehe Seehofer - die ganze Zeit eh damit gerechnet, und zweitens wird man sich nun als konservatives Korrektiv in Szene zu setzen suchen. Getreu der althergebrachten schwarzen Dialektik, dass man als Regierungspartei die Oppositionsarbeit gleich mit erledigt. Merkel konnte sich seit dem CSU-Parteitag Anfang November sicher sein, dass Seehofer hinter ihrer Kandidatur steht. Denn dort hatte sich der CSU-Chef als Brückenbauer betätigt.

Bemerkenswert ist, dass nun auch Merkel ihre neuerliche Kandidatur mit einem Brückenschlag zur CSU verbindet. Mit der programmatischen Ansage nämlich, dass man sich die Wähler von den Populisten zurückholen wolle. Damit folgt sie Seehofer, der auf seinem Parteitag angekündigt hatte, um jeden demokratischen gesinnten AfD-Wähler zu kämpfen.

Kein Zufall, dass die CDU bei ihrer Berliner Führungsklausur den Leitantrag für ihren Parteitag berät, der die Grundsätze fürs Wahlprogramm enthalten soll. Darin hieß es zu Beginn der Beratungen, man wolle auch um diejenigen werben, "die sich als Modernisierungsverlierer sehen und derzeit noch bei populistischen Parteien von rechts und links ihre Zuflucht suchen". Das Wort von den Modernisierungsverlierern wird am Sonntag letztlich wieder gestrichen, die Botschaft aber bleibt.

Außenpolitische Überfrachtung

Merkel könnte gelernt haben von der Niederlage Hillary Clintons, die die Trump-Anhänger zwischenzeitlich als "Beklagenswerte" abgetan und sich damit den Zugang zu dieser Gruppe verbaut hatte. Überhaupt muss der kommende Wahlkampf - und dementsprechend auch Merkels Entscheidung für die neuerliche Kandidatur - vor dem Hintergrund von Trumps Wahlsieg gedeutet werden.

Da ist einerseits der Kampf gegen Rechtspopulisten, andererseits aber auch die internationale Wirkung Merkels. Als quasi letzte "Verteidigerin des freien Westens" wurde sie gerade von der "New York Times" gefeiert. Was so schmeichelhaft klingt, kann sich allerdings binnen Jahresfrist zu einer ernsten Belastung im Wahlkampf entwickeln.

Denn wird Merkel dieser gewachsenen Bedeutung überhaupt Rechnung tragen können - umgeben von Trump, Putin, Erdogan und vielleicht ab Frühjahr auch noch Marine Le Pen? Kann sie den Westen wirklich führen, auch rhetorisch führen? Und wird diese außenpolitische Überfrachtung sie möglicherweise im Inland weiter schwächen? Unklar. Merkel selbst sagt, sie empfinde es "als grotesk und absurd", was da an sie herangetragen werde. Kein Mensch könne die Dinge allein zum Guten wenden, Erfolge erziele man nur gemeinsam.

Klar ist, dass Merkel dieses Mal nicht mit einem Weiter-so und nicht mit diesem inspirationslosen Sie-kennen-mich-Spruch aus dem Wahlkampf 2013 wird gewinnen können. Im Foyer der CDU-Zentrale sagt sie, sie sei "bereit, einen Wahlkampf zu führen, der sehr anders ist als die zuvor". Nicht nur mit der AfD ist zu rechnen, sondern wohl auch mit russischer Einflussnahme, siehe US-Wahlkampf. Dabei stehen Merkels Chancen nicht so schlecht: Die Union ist noch immer stärkste Partei, gut zehn Prozentpunkte vor der SPD in den Umfragen.

Und solange die Sozialdemokraten nicht in der Lage sind, ein linkes Angebot an die "Modernisierungsverlierer" zu machen und eine eigene - also rot-rot-grüne - Machtperspektive jenseits Merkel aufzutun, wird sich das kaum ändern.

Merkel hat vorgelegt. Jetzt ist es an SPD-Chef Gabriel, Farbe zu bekennen. Eine Entscheidung über die SPD-Kanzlerkandidatur steht an.

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