Merkels Ärger über Tsipras "Sehenden Auges gegen die Wand"

Angela Merkel gibt in der Griechenlandkrise die Gelassene. Doch im CDU-Präsidium war für einen kurzen Moment ihr ganzer Frust über die Athener Akteure spürbar.
Kanzlerin Merkel: "Griechenland will sich nicht an die Grundsätze Europas halten"

Kanzlerin Merkel: "Griechenland will sich nicht an die Grundsätze Europas halten"

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Griechenland ist schon lange ein fester Bestandteil der Tagesordnung im CDU-Präsidium, dem obersten Entscheidungsgremium der Kanzlerpartei. In den vergangenen fünf Jahren debattierten die Parteigranden ein ums andere Mal leidenschaftlich, ob der Verbleib der Griechen im Euro all die Milliarden und Anstrengungen wert sei. Vor allem Minister Wolfgang Schäuble setzt hier gern zu seinen berüchtigt weitschweifigen Vorträgen über die Lage der Weltfinanzen an und über alles sonstige, was ihn gerade beschäftigt.

Vergangenen Montag aber hatte die CDU-Spitze keine Lust auf uferlose Debatten. Zum einen stand bereits um 11 Uhr der große Festakt zum 70. Jubiläum der Union an. Vor allem aber hatten die obersten Funktionäre eine einfache Frage an ihre Kanzlerin: Wie soll es nun weitergehen?

Mit ein paar Teilnehmern der Runde hatte Merkel am Wochenende bereits telefoniert, doch für die meisten war es die erste Einschätzung der Kanzlerin, seit Griechenlands Premier Tsipras ihr eröffnet hatte, dass er ein Referendum abzuhalten gedenke.

Merkel hat in der Vergangenheit viel über Griechenland geredet. Beim Geburtstag der CDU, nach den Treffen mit den Partei- und Fraktionschefs im Kanzleramt am Montag, wenige Tage später vor dem Bundestag.

"Griechenland will sich nicht an die Grundsätze Europas halten"

Doch wie enttäuscht sie über Tsipras und seine Regierung ist, erfuhr nur dieser kleine Präsidiumskreis im Konrad-Adenauer-Haus: Vor ihren Parteifreunden macht Merkel keinen Hehl daraus, wie genervt sie von Tsipras ist. Sie weiß, dass ein Euro-Austritt der Griechen nicht nur ein herber Einschnitt für Europa wäre, sondern auch für ihre Kanzlerschaft. Zunächst spricht Merkel in der internen Runde so wie zwei Stunden später beim Festakt in aller Öffentlichkeit. Sie redet von Solidarität und Solidität, die zusammengehören. Für das griechische Volk bleibe die Tür nach Europa natürlich offen, sagt Merkel.

Für Tsipras und seine Syriza-Regierung gilt das aber offenbar nicht mehr. "Mit dieser Regierung will sich Griechenland nicht an die Grundsätze Europas halten", sagt Merkel. "Sie verstößt gegen Grundsätze der Zusammenarbeit." Dann geht sie den Griechen-Premier direkt an, für einen kurzen Moment blitzt der Frust auf, den Merkel in sich trägt. Tsipras' Politik sei "hart und ideologisch", sagt die deutsche Kanzlerin, er lasse sein Land "sehenden Auges gegen die Wand fahren". Die Zitate wurden dem SPIEGEL von mehreren Teilnehmern bestätigt.

Angela Merkel kann sich einfach nicht vorstellen, dass ein Regierungschef mit einem ganzen Land Roulette spielt. Auch deshalb erwischte Tsipras' Last-minute-Referendum sie so kalt.

Die Regierungschefin findet in der Sitzung auch mahnende Worte an ihre eigene Partei. Ihr großer Erfolg bei Wahlen und in Umfragen beruht darauf, dass ihr die Deutschen zutrauen, mit jedem Problem fertig zu werden, egal ob es um Putin, die Griechen oder das Weltklima geht. Auch in den Tagen vor dem griechischen Referendum soll in Deutschland Ruhe herrschen. Daher passt es Merkel nicht, wenn einzelne CDU-Leute schon mal öffentlich vorrechnen, wie teuer ein Grexit die deutschen Steuerzahler am Ende kommen könnte.

Merkel will nicht, dass die Bürger von solchen Wenn-dann-Spielchen unruhig geredet werden. Jeder, so mahnt sie, sei klug beraten, "nicht in solche Zahlendiskussionen einzusteigen". Noch könne man gar nicht sagen, welche Summen den deutschen Haushalt am Ende wirklich belasten.

Zumindest diese Mahnung hat bis zum Griechen-Referendum gewirkt.

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