Sebastian Fischer

Merkels Reaktion auf den Terror Kühl bleiben

Die islamistischen Terroranschläge in Deutschland analysiert Angela Merkel so nüchtern wie jede andere politische Großlage. Das irritiert. Aber es ist absolut richtig.
Kanzlerin Merkel

Kanzlerin Merkel

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ AFP

Es ist eine geradezu aufreizende Geschäftsmäßigkeit, mit der Angela Merkel in der Woche nach den islamistischen Attacken von Ansbach und Würzburg zu Werke geht.

Klar, sie hat ihren Urlaub unterbrochen, hat ihre traditionelle Sommerpressekonferenz vorgezogen - aber in den gut eineinhalb Stunden vor der Hauptstadtpresse zeigt sie sich weniger als Kümmerin einer verunsicherten Nation, sondern mehr als Politingenieurin, die sich nun eben eines neuen, wenn auch recht großen Problems annimmt. Ihr politischer Spitzname "Mutti" war noch nie so unzutreffend wie heute.

Die Frau ist derart unaufgeregt unterwegs, dass es fast schon irritierend ist. Aber eben auch: angenehm.

Im Video: Merkels Aussagen und was sie bedeuten

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Die größte Emotionalität, die sich Merkel erlaubt, sind noch ihre Worte über die Attentäter, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren: "Die beiden Männer verhöhnen das Land, das sie aufgenommen hat." Vehement verteidigt Merkel ihre humanitäre Flüchtlingspolitik aus dem vergangenen Jahr.

Danach kommt vor allem Technik, mögliche Maßnahmen, erstens, zweitens, drittens und so weiter, de facto ist nichts Neues dabei. Und zwischendurch beantwortet sie Fragen zu den Ostrenten, zu Steuerpolitik und Mittelstandsbauch. Gepflegte Normalität in Zeiten des Terrors.

Kritiker werfen Angela Merkel stets ihren Mangel an Emotionalität vor, ihre Schritt-für-Schritt-Politik, das Fehlen einer politischen Erzählung, mithin Sinngebung. Auch ich habe genau das immer wieder kritisiert, zuletzt Merkels unterkühlten Umgang mit dem Großereignis Brexit.

Nur: In der aktuellen Terrorlage ist Merkels technizistisch-differenziertes Vorgehen durchaus richtig. Angst könne kein politischer Ratgeber sein, sagt sie. Völlig korrekt. Merkels Auftritt kontrastiert mit der Aufregung um uns alle herum, die ja menschlich zutiefst verständlich ist.

Was der Mensch Merkel denkt, das bleibt verborgen. Wir sehen nur, wie die Politikerin Merkel das Problem Terror als eines von vielen auf der Zeitachse ihrer Kanzlerschaft einordnet: Banken retten, aus der Atomkraft aussteigen, die Freizügigkeit in Europa erhalten und und und.

"Jede Situation hat ihre Spezifik", sagt Merkel.

Das klingt schon wieder so furchtbar, ja. Aber es ist mitunter zweckdienlich, mal einen Schritt zurückzutreten und die eigene Lage zu verorten.

Für den Moment also hat Merkel alles richtig gemacht. In den kommenden Wochen und Monaten aber ist entscheidend, was hinten rauskommt: Mehr Aufmerksamkeit, Professionalität und Geld für präventive Maßnahmen wären wünschenswert; und Veränderungen an der Sicherheitsarchitektur dort, wo das nötig ist. Man sollte dabei auch nicht jeden einzelnen Vorschlag des von den Anschlägen gezeichneten bayerischen Ministerpräsidenten in den Wind schlagen, nur weil Seehofer draufsteht.

Ein derart besonnenes Vorgehen übrigens ist auch ein ganz vorzüglicher Kontrast zu den rechtspopulistischen Aufwieglern, deren Antwort auf Terroranschläge in Deutschland wahlweise das Hashtag #AfDwählen ist - oder der Verfassungsbruch.

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Merkels Sommerpressekonferenzen: "Manchmal wird ja gesagt, ich hab keine Meinung"

Foto: Sean Gallup/ Getty Images
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